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Deutscher E-Book-Markt : Mister Einprozent

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E-Book-Käufer sind in der Mehrzahl männlich und lesen, erstaunlich genug, am liebsten Belletristrik Bild: REUTERS

Auf hundert gedruckte Bücher wird in Deutschland bestenfalls ein einziges E-Book verkauft. Das neue Lese-Medium führt also ein Nischendasein, allerdings ein interessantes. Denn die Käufer fühlen sich als „Innovatoren“, sind männlich - und lieben Romane.

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          Seit April hat der Internetbuchhändler Amazon mehr elektronische als gedruckte Bücher verkauft – in den Vereinigten Staaten. Pro hundert gedruckte Titel gingen dort 105 E-Books vom virtuellen Warenkorb hinaus in die Welt, die schon geographisch in Amerika bekanntlich sehr viel weiter ist als hier. Wie viele E-Books es am Ende genau waren, behält das Unternehmen indes ebenso für sich wie eine Antwort auf die Frage, ob die steigenden E-Book-Verkäufe einen reellen Geschäftszuwachs bedeuten, also ob mit Hilfe des Trends insgesamt mehr Bücher abgesetzt werden oder – worauf die Pleite einer Buchhandelskette wie Borders oder auch das Übernahmeangebot für Barnes and Noble deuten – ob das E-Book den Markt für gedruckte Bücher angreift. Darüber dürfte dann auch Amazon nicht jubeln, weil E-Books in Amerika deutlich billiger sind als ihre gedruckten Geschwister, der Umsatz also sinken würde.

          Gewiss, sogar die „New York Times“ veröffentlicht bereits eine Bestsellerliste für E-Books. Und neulich in Stockholm pries die vielreisende Kalifornierin Ruth Klüger die Vorzüge ihres Kindle so innig, dass Amazon sie eigentlich als Markenbotschafterin engagieren müsste. Und dann hat Amazon nach dreieinhalb Jahren Kindle in Amerika auch noch vor vier Wochen sein deutsches Kindle-Store eröffnet.

          Braucht man also zum Lesen künftig wirklich nicht nur eine Brille, sondern ein Gerät? Just da die Schwalben des Kulturpessimismus gerade wieder besonders tief fliegen, veröffentlicht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine ausführliche Studie zur Situation des E-Book in Deutschland. Sortimenter, Verlage und Konsumenten wurden befragt. Das Fazit: E-Books führen auf dem deutschsprachigen Markt ein Nischendasein – allerdings ein höchst interessantes.

          Mehr als die Hälfte der Verlage hat bereits investiert

          In Deutschland ist das Verhältnis umgekehrt zu dem in Amerika: Hier kommt ein E-Book auf hundert gedruckte Bücher – bestenfalls. Die größeren Verlage berichten von aktuellen Bestsellern, die als gebundene Ausgabe beispielsweise eine Auflage von einer Viertelmillion haben, aber als E-Book nur zweihundertmal heruntergeladen wurden. Amazon, wo ohnehin nicht alles erhältlich ist, spielt beim schleppenden Absatz von E-Books übrigens nur eine geringe Rolle; die meisten Verkäufe laufen hierzulande über iTunes, Textunes, Libri, Libreka, Thalia oder über die Websites der Verlage.

          Dementsprechend hat auch bereits mehr als die Hälfte aller Verlage in das neue Medium investiert, während der stationäre Buchhandel erkennt, dass dies nicht sein Geschäftsfeld ist: Die meisten Buchhändler gehen davon aus, dass sich das E-Book-Geschäft außerhalb der Läden im Internet entwickeln wird. Nur in größeren Buchhandlungen werden E-Books und Lesegeräte überhaupt angeboten; die Mehrheit der mittleren und kleinen Betriebe hingegen will ihr Programm nicht ins Digitale erweitern. Sie scheuen die Kosten, zumal sie von den Umsätzen mit den sich tendenziell verbilligenden E-Books kaum partizipieren werden.

          Am geringen Erfolg des neuen Mediums, so folgert die Studie, sind aber nicht renitente Buchhändler oder Verlage schuld, sondern die deutschen Leser selbst: Solange sie dem gedruckten Buch die Treue halten, wird sich die E-Variante nicht durchsetzen. Betrachtet man allerdings das Profil der E-Book-Konsumenten, wäre es sträflich, gerade diese Käufergruppe zu unterschätzen: „E-Book-Käufer haben das typische Profil von Innovatoren“, heißt es in der Studie. Sie haben ein überdurchschnittliches Einkommen, sind überdurchschnittlich gebildet – und in der Mehrzahl männlich. Trotzdem lesen sie am liebsten: Belletristik.

          Lieber ein smartes Lesegerät als ein neuer Schmachtfetzen

          Das ist die eigentliche Überraschung. Dass vor allem Frauen Bücher kaufen und lesen, gilt also hauptsächlich für den stationären Buchhandel. Vielleicht spielen die seit Jahren grassierenden rosaroten, geblümten oder himmelblauen Covermoden der Entwicklung sogar zu – wer würde nicht lieber mit einem smarten Lesegerät gesehen werden als mit dem neuesten Schmachtfetzen?

          Dagegen, dass das E-Book sich mindestens im Fachbuchbereich unentbehrlich machen könnte, spricht derweil eine andere, amerikanische Studie. Die University of Washington hat unter Studenten einen Pilottest durchgeführt mit dem Kindle DX, der größeren Version des Lesegeräts: Die meisten benutzen das Werkzeug am liebsten an ihrem Computerarbeitsplatz. Vor allem aber gaben die Probanden an, sie hätten sich die auf dem Kindle gelesenen Texte schlechter merken können. Während der Leser sich ein gedrucktes Buch auch physisch einprägt, war dies beim elektronischen Lesen nicht möglich.

          Der deutsche Buchmarkt mag, analog zu Amerika, eine zunehmende Konzentration der Online-Buchhändler fürchten. Für diese Entwicklung aber ist das E-Book ein Beschleuniger, kein Auslöser. Je besser nicht nur Hersteller und Vertreiber, sondern vor allem Leser das E-Book kennenlernen, desto mehr wird es durch die neuen Lesegewohnheiten auch entzaubert.

          Das letzte neue Buch-Medium mit rasantem Aufstieg war in Deutschland das Hörbuch. Inzwischen ist der Hype abgeflaut und mit ihm – leider – die Welle aufsehenerregender Einspielungen. Dass es wichtige Neuerscheinungen inzwischen auch als Hörbuch gibt, ist so normal, wie es künftig die E-Book-Option sein wird – nicht nur für Männer.

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