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Das Erfolgsrätsel der Bestsellerautoren : Lesen im Wachkoma

  • -Aktualisiert am

Dank Tommy Jauds Buch sind Erdmännchen nun Symbolfiguren der Unterhaltung. Bild: dpa

Jaud, Heldt, Gier: Die erfolgreichsten deutschen Autoren des letzten Jahres verkaufen Millionen Bücher mit einer erstaunlichen Grundidee: Technik misstrauen, im Facebook-Stil schreiben.

          Wenn es stimmt, dass Amusement im Spätkapitalismus die Verlängerung der Arbeit ist, dann malochen die Deutschen im großen Stil. Rund 900.000 haben „Hummeldumm“, den neuen Roman von Tommy Jaud gelesen, die Gesamtauflage seiner Bücher beläuft sich damit auf fast drei Millionen. Dora Heldts aktuelles Buch „Kein Wort zu Papa“ ging bislang 600.000 mal über die Ladentheke. Für Kerstin Giers All-age-Roman „Smaragdgrün“ gab es allein 150.000 Vorbestellungen, der Verlag ist gerade dabei, die dritte Auflage zu drucken. Ein ehemaliger Gag-Schreiber, eine Buchhändlerin und eine Diplompädagogin führen die Bestsellerlisten an. Heldt ist seit sieben, Jaud seit 46 Wochen in den Top Ten.

          Fragt sich nur: warum? „Hummeldumm“ ist so platt wie ein Mario-Barth-Scherz. Man kann die Geschichte eines Yuppie-Pärchens, das eine Pauschalreise nach Namibia unternimmt, noch nicht einmal als literarisches Fast Food konsumieren, ganz einfach weil der Roman dafür zu lang ist und zu zäh. Der von den Fans des früheren „Ladykracher“-Autoren viel gerühmte Humor erschöpft sich in Pennäler-Klamauk. Da wird Nasenbluten mit Tampons gestoppt und sich im Schrank eines Nebenbuhlers versteckt, als befinde man sich auf der Provinzbühne eines Revuetheaters in der Fünfzigern. Die psychologische Durchdringung von Konflikten klingt so: „Sina hatte sich komplett zurückgezogen, dichtgemacht, mit einem Tiefgaragengitter, zwei Brandschutztüren und einer Mauer aus feuerfestem Beton.“

          Rätsel des Erfolgs

          Mit Dora Heldts Text wird Literatur zur Wachkoma-Erfahrung: Man liest, aber das Bewusstsein bleibt völlig unbeeindruckt. Eine Hamburger Single-Frau, Ende vierzig, fährt mit ihrer Schwester nach Norderney, um dort auf Zeit die Ferienpension einer Bekannten zu übernehmen, die in Dubai festsitzt. Die mit endlosen Freundinnentelefonaten aufgerüschte Story fügt ihrer Synopsis im Klappentext nicht das kleinste Quäntchen an literarischem Mehrwert hinzu – ein Roman nach dem WYSIWYG-Prinzip: What you see ist what you get.

          Tommy Jaud, mit „Hummeldumm” Verkaufsranglistenerster des Jahres 2010 in der Sparte Belletristik

          Kerstin Gier rettet sich vor der Komplettverflachung in Ironie: Der letzte Teil ihrer Jugendbuchsaga strotzt vor selbstreflexiven Kommentaren. Kein Wunder: Die Kernzielgruppe der medienversierten Teenager (und ein Teil ihrer Mütter) erreicht man nicht nur mit plumpem Liebeskitsch. Deshalb ist Gwendolyn, die sechzehnjährige Zeitreisende, die sich auf der Suche nach einem geheimnisvollen Chronographen munter durch die Epochen beamen lässt, für ein Filmzitat immer zu haben: „Und täglich grüßt das Murmeltier!“

          An dramaturgischer oder erzählerischer Raffinesse kann der Erfolg also nicht liegen. Es muss ein strukturelles Moment sein, dass Leser dazu bringt, die Narkose als ästhetische Erfahrung einzustufen. Auffallend ist: Alle drei Bücher sind Reiseromane, es geht buchstäblich um Eskapismus. Raus aus den gesellschaftlichen Zwängen, zumindest topographisch, auch wenn der Text in ideologischer Hinsicht die Verhältnisse – Stichworte Paarbildung, Besitzstandswahrung – letztlich nur bestätigt. Noch wichtiger: Technologie und Medien, ihre Bedeutung und Gefahren für den modernen Menschen, sind ein zentrales Thema. In „Hummeldumm“ versucht der Erzähler verzweifelt, in der Savanne einen Internetzugang zu finden. Er will per Onlinebanking die Anzahlung für eine Eigentumswohnung leisten. Das Erscheinen eines Computers hat in der Folge epiphanische Züge: „Aufgeregt setzte ich mich vor den wunderbaren Bildschirm. Wie schnell das ging. Wie schön das war!“

          Unbehagen an der medialen Lebenswelt

          Heldts Protagonistin ist umgeben von Medienleuten. Ein Fotojournalist und ein Klatschreporter machen ihr das Leben schwer, zumal es das Geheimnis der in Dubai gestrandeten Freundin zu wahren gilt. Die ist dort ausgerechnet mit einem Zeitungsmogul beim Techtelmechtel am Strand verhaftet worden. Medien sind demnach der Feind, aber auch die Erlösung. Sie zerstören Privatheit, sorgen aber gleichzeitig für Kommunikation und in Heldts Fall sogar fürs Happy End (Heirat der Heldin mit einem Neven-DuMont-Verschnitt).

          Gier verschlüsselt das Unbehagen an der medialen Lebenswelt, die Zeitreisen ihrer Hauptfigur wirken wie das Äquivalent zu den Bewegungen des Users im Netz. Eben noch in der Gegenwart, eine Sekunde später im Barock oder im Mittelalter: Wie im Web sind Zeiten und Räume in Sekundenschnelle zu durchmessen. Gwendolyn ist selbst ein Medium: Sie kann Geister sehen und mit Figuren verschiedenster Epochen sprechen. Das entspricht der Idee von Facebook, wo ja auch die längst tot Geglaubten wieder auftauchen und einem den Kontakt aufzwingen.

          Facebook-Mimikry

          Jaud und Heldt sind verkappte Kulturpessimisten, die aber auf die Vorzüge eines Smartphones nicht verzichten wollen, Gier nutzt die Zersplitterung der Welt durch Medien für ein anderes Projekt: Sie will konsolidieren, Kontinuität erzeugen. Das gilt auch in ästhetischer Hinsicht: Wenn Geheimbotschaften in Tolstoi-Romanen versteckt werden und ausführlich Anna Karenina zu Wort kommt, ist das der Versuch, sich literarische Traditionen wenigstens in Rudimenten anzueignen. Jaud und Heldt hingegen löschen sie aus, denn ihre Romane lesen sich wie ausgedehnte Twitter-Protokolle; sie haben dem Durchschnittssprech der Facebookeinträge nichts hinzufügen. Das, was literarische Rede ausmacht – Verfremdung, Verdichtung, Musikalität –, ist vollständig getilgt aus diesen Büchern; sie sind die perfekte Mimikry einer pragmatischen Rhetorik, wie man sie aus E-Mails, Blogs und SMS-Nachrichten kennt.

          Liegt hierin nicht ein Widerspruch? Auf inhaltlicher Ebene werden die neueren Medien für die Erosion des Persönlichen und Eigenen verurteilt, stilistisch bewegt man sich im Kielwasser von Facebook und Twitter. Die Leserschaft leistet sich einen paradoxen Genuss: Durch das Kulturprodukt Buch glaubt man noch, in der Gutenberg-Galaxis zu Hause zu sein, während man formal längst im globalen Dorf kaserniert ist. Man muss hart schuften, um diese Spannung auszuhalten.

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