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Bioethik in der Literatur : Aufstand im menschlichen Ersatzteillager

Die Antwort hängt eng damit zusammen, für wen das Buch geschrieben wurde und zu welchem Zeitpunkt. Denn Birgit Rabisch, deren Jugendroman gern in Schulen gelesen wird und mittlerweile die fünfzehnte Auflage erreicht hat, konfrontiert Nutznießer eines Systems, zu dem sie nicht aktiv beigetragen haben, mit den daran geknüpften ethischen Fragen, die heute in Hinblick auf künftige Entscheidungen diskutiert werden. Jonas Helcken, der nach einem Unfall im Krankenhaus liegt und sich über die ihm transplantierten Augen seines Dupliks freut, bekommt Besuch von seiner Schwester Ilka. Sie diskutieren über die - hier längst durchgesetzte - Präimplantationsdiagnostik und deren Folgen. Jonas fragt erregt, wie „eine Frau es heute noch verantworten“ könne, „ein möglicherweise behindertes Kind in die Welt zu setzen“, und freut sich darüber, dass „wilde Schwangerschaften heute praktisch unmöglich geworden sind, seit alle Männer mit achtzehn Jahren sterilisiert werden“. Wenn man etwa „Allergikern immer noch erlauben würde, sich fortzupflanzen, wären wir ein Volk von Invaliden“.

Ilka, die sich als Aktivistin gegen Tierversuche und gegen die Produktion von Dupliks längst von ihrer Familie losgesagt hat, kritisiert dagegen, „dass die Gesellschaft bestimmt, wer ein Lebensrecht hat und wer nicht“, weil ja „die Maschen immer enger gezogen“ würden: „Eltern dürfen sich ja gar nicht mehr für ein behindertes Kind entscheiden. Ein Embryo, der nicht der DIN-Norm entspricht, ist nur noch gut für die verbrauchende Forschung.“

Ausgetauscht werden also exakt die Argumente, wie sie heute in der Diskussion gebraucht werden. Nur mit dem Unterschied, dass sie Fakten statt Befürchtungen oder Hoffnungen beschreiben, eine bestehende Technik und eine existierende Praxis. Und dass die Autorin daraus den Sinneswandel ihres Helden erwachsen lässt.

Die Rebellion bleibt nicht aus

Denn interessanterweise spielt in der hier entworfenen Welt der schulische Ethikunterricht eine zentrale Rolle, so wie auch der Minister für Ethik offenbar eine äußerst wichtige Figur der Regierung ist. Gleichzeitig gilt das strengste Tabu den Lebensbedingungen der Dupliks. Es gibt von ihnen keine Fotos, keine Filme, sie leben abgeschottet am Rand der Städte, und für den Rest der Welt sind sie bis zu dem Moment, in dem man ihre Organe benötigt, so abstrakt wie irgend möglich. Umgekehrt werden die Dupliks von allem ferngehalten, was außerhalb der Mauern ihrer Siedlung vor sich geht. In dem Moment, wo sich in den frei geborenen Menschen eine Vorstellung davon entwickelt, wie sehr ihnen die Dupliks gleichen, gerät das System ins Wanken. Aus genau diesem Grund wird den Klonen in „Das Skorpionenhaus“ im Säuglingsalter eine Substanz ins Hirn gespritzt, die sie zu geistlosen Zombies macht - mit der Folge, dass sie von den übrigen Menschen verabscheut und keineswegs als Brüder angesehen werden.

Auf die Spitze getrieben wird die Diskussion aber mit einem Genre der Jugendliteratur, das sich erst in den vergangenen Jahren entwickelt hat: Immer mehr Protagonisten müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie sich entweder selbst einem Klonexperiment verdanken wie das Mädchen Siri in Charlotte Kerners „Blueprint“ oder aber Teil einer Menschmaschine sind wie Lia Kahn in Robin Wassermans Roman „Skinned“ und Robert in Kevin Brooks' „Being“ (siehe Uneingelöstes Versprechen: Der Jugendroman „Being“ von Kevin Brooks). Sie alle sind Jugendliche, die buchstäblich nach den Vorstellungen von Erwachsenen entstanden sind und mit diesem Wissen umgehen müssen. Ihre Rebellion bleibt nicht aus, natürlich nicht. Auch darin liegt ihr Erfolg bei Jugendlichen begründet.

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