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Bibliothekenschwund : Wo sind die Wutbürger, wenn man sie braucht?

Bibliotheken werden einerseits zu architektonischen Vorzeigeprojekten, auf kleinerer Ebene sind sie dagegen in ihrem Bestand bedroht: Zentralbibliothek der Humboldt-Universität Bild: ddp

Bibliotheken sind ein beliebtes Opfer kommunalen Sparwillens. Immer mehr Häuser werden in Deutschland geschlossen - und das in dramatischem Umfang. Wo bleibt der Protest der derzeit so leicht erregbaren Öffentlichkeit?

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          Hin und wieder zieht man selbst aus den vergänglichsten Produkten etwas Nutzen, wenn man sie dreißig Jahre später noch einmal anschaut. Denn da genügen schon zwei Sätze aus Avery Cormans Roman „Kramer gegen Kramer“ von 1977, um so etwas wie Dankbarkeit aufkommen zu lassen, dass wir seit den Zeiten Ted Kramers ein besseres Leben führen. Sie lauten: „In der Bibliothek in der 42. Straße durfte man noch nicht Zeitung lesen - am Eingang durchsuchten sie die Aktentaschen. Ted musste die Zeitung also hineinschmuggeln.“

          Heute würde Ted dort wahrscheinlich nicht nur alle wichtigen Zeitungen und Zeitschriften vorfinden, er könnte dort auch die unwichtigen kostenlos online lesen, seine Mails abrufen oder im Internet recherchieren, er fände kuschlige Sitzecken für die entspannte Lektüre, könnte Spiele auf CD-Rom und Filme auf DVD entleihen und nach Ablauf der Leihfrist von zu Hause aus online verlängern. Er bekäme Kaffee aus dem Automaten und vielleicht sogar eine Leih-Lesebrille, falls er seine eigene vergessen hätte. Von den Büchern ganz zu schweigen.

          Man würde ihm also buchstäblich den roten Teppich ausrollen. All dies freilich nur, wenn es die Bücherei in der 42. Straße heute noch gibt. Denn während sich auf der einen Seite die Bibliotheken längst von der einstigen Rolle der reinen Ausleih- und Rückgabetheke verabschiedet haben und mit Lesenächten oder Bastelstunden so beharrlich um ihr Publikum werben wie früher die Kirche um die armen Seelen, werden auf der anderen Seite immer mehr Häuser geschlossen - und das in dramatischem Umfang. In Sachsen-Anhalt gab es 1990 etwa 1000 öffentliche Bibliotheken; übrig ist heute noch ein Drittel davon. Stadtteilbibliotheken sind ein beliebtes Opfer kommunalen Sparwillens, und selbst eine so bedeutende Einrichtung wie die 1537 gegründete Augsburger Staats- und Stadtbibliothek war im vergangenen Herbst ernsthaft in ihrem Fortbestand bedroht - ein Plan der Stadtverwaltung sah vor, ihre Bestände aufzuteilen und das Gebäude zu verkaufen.

          Das konnte vorerst abgewendet werden. Ein paar Nummern kleiner allerdings geht die Sache oft genug rasch über die Bühne. Am Anfang steht der Beschluss, dass man leider, leider sparen müsse und jeder seinen Beitrag dazu leisten solle. Dann wird der Einkaufs- und Personaletat gekürzt, sodass weniger neue Titel gekauft und die Öffnungszeiten kürzer werden. Wenn aber die Leser ihre Bibliothek nur Dienstag- und Donnerstagnachmittag von 13 bis 18 Uhr offen finden und sonst vor verschlossenen Türen stehen? Und statt Stig Larsson nur Knut Hamsun, statt Cornelia Funkes „Reckless“ nur „Hanni und Nanni sind immer dagegen“ vorfinden, weil das Geld für neue Bücher nicht reicht?

          Dann ist es Zeit für eine zünftige Evaluation. Die Stadt, die ja immer noch sparen muss, rechnet nach, dass die Stadtteilbibliothek nur noch ganz schlecht besucht sei. Würde man sie schließen, könnte man künftig Jahr für Jahr eine fünfstellige Summe anderweitig verwenden. Und ob denn für den offenkundig geringen Bedarf des Stadtteils nicht auch ein Bücherbus ausreichend sei?

          Der klassische Ort der Bildung blutet aus

          Was ist da los? Warum erregt der geplante Abriss eines Bahnhofs die Nation, während gegen das hundertfache Sterben von Bibliotheken immer nur ein paar Stimmen laut werden? Wo sind die Wutbürger, wenn man sie braucht? Wie kann man gleichzeitig sorgenvoll auf die Pisa-Ergebnisse starren, mit ernster Miene die Bedeutung der Leseförderung beteuern, gerade in den sogenannten bildungsfernen Schichten, und dann den genuinen Ort dafür langsam ausbluten lassen - einige moderne Prestigeobjekte in Stahl und Glas immer ausgenommen?

          Die Antwort ist: Weil es eben geht, während andere kommunale Aufgaben nicht verhandelbar sind. Und solange nicht durch ein Bibliotheksgesetz, das den Namen auch verdient, vorgeschrieben wird, dass die Grundversorgung aller mit Lesestoff für jede Kommune und jede Schule in derselben Weise verpflichtend ist wie die Aufrechterhaltung des öffentlichen Nahverkehrs, so lange werden Bibliotheken weiterhin wortreich gepriesen und als Verfügungsmasse in Sparrunden behandelt werden.

          Pflicht der Vernunft und Gerechtigkeit

          Für diejenigen, die ihren Kindern zu Hause sowieso vorlesen und Bücherwünsche zur Not aus eigener Tasche erfüllen können, ist das im Zweifel zu verschmerzen - würde das Schwimmbad geschlossen, träfe sie das härter. Diejenigen aber, die zu Hause ohne Bücher aufwachsen, werden, wenn es denn gutgeht, als Leser durch Bibliotheken sozialisiert, die sie mit ihrer Schulklasse besuchen. Oder, wenn es sogar richtig gutgeht, die Bücher in der schuleigenen Bibliothek vorfinden, zwei Schritte entfernt vom Klassenzimmer.

          Und wenn es schlechtgeht? Vielleicht kann man die Frage, wie es steht um ein Land, auch damit beantworten, was es für seine öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken tut. Sie zu stärken ist ein Akt der Vernunft. Aber auch ein Akt der Gerechtigkeit.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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