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Bestseller : Hyänen lachen nur zum Spass

Was im Internat geschah: In seinem neuen Roman „Schändung” verhandelt Jussi Adler-Olsen die tödlichen Umtriebe von Oberschichtkindern Bild: ddp

Alle lieben Carl Mørck: Seit bald einem Jahr steht der dänische Thriller-Autor Jussi Adler-Olsen auf den Bestellerlisten. Jetzt legt er mit „Schändung“ seinen zweiten Roman um den Sonderermittler vor - Blutbad inklusive.

          Der Hunger der deutschen Leser nach skandinavischen Greueltaten ist unstillbar. Den diesjährige Sommerhit landet der Däne Jussi-Adler-Olsen, gleichwohl sein Roman „Erbarmen“ schon im September 2009 erschienen ist. Seit sechsundvierzig Wochen steht der Thriller auf der „Spiegel“-Bestsellerliste“, aktuell auf Platz sechs, 350 000 Exemplare meldet der Deutsche Taschenbuch-Verlag als verkauft. In diesen Tagen erscheint Band zwei „Schändung“, Band drei liegt in Dänemark schon vor, Band vier wird gerade geschrieben, am Énde sollen es zehn Romane sein.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der sechzig Jahre alte Carl Valdemar Jussi Henry Adler-Olsen wird sich also noch einige Abenteuer für seinen Ermittler Carl Mørck vom Sonderdezernat Q einfallen lassen müssen. Der spätberufene Autor – 1997 erschien sein Romandebüt – kann nun bequem vom „Lügen“ leben, wie er dem „Spiegel“ anvertraute. Als Sohn eines psychiatrischen Klinikarztes machte er früh Bekanntschaft mit Geisteskranken und Selbstmördern, später wandte er sich als Journalist Film und Comics sowie der Altbausanierung zu. Als Aufsichtsrat von Hochtechnologiefirmen hat er jenen Sachverstand geschärft, den er in „Erbarmen“ am Beispiel jener Druckkammer, die als Folterverlies dient, aufscheinen lässt.

          Die Herren vom Sonderdezernat Q für unerledigte Fälle

          Dennoch fügt sich auch dieser Verkaufserfolg in die Rätselecke des ökonomisch wichtigen Thriller-Marketings: Warum geht ein Titel, der sich in Aufmachung und Titelgebung dezidiert an Stieg Larssons „Millenium“-Trilogie anlehnt, als eigenständiger Erfolg durch? Warum schafft es Adler-Olsen, sich aus der gewaltigen Welle von Einerlei hervorzuheben? Es kann weder am Stil, noch am Plot liegen. Allerdings ist erkennbar, dass sich der Autor genau überlegt hat, wie er seine Bücher zum Film großräumig absteckt. Dazu gehört verpflichtend der kaputte Kommissar Carl Mørck, der einen Schusswechsel überlebte, den ein Kollege mit dem Leben, ein zweiter mit der Existenz als Pflegefall bezahlte.

          Vom deutschen Markt aus die Welt erobern: der dänische Autor Jussi Adler-Olsen hat große Pläne

          Körperlich und geistig ausgebrannt schiebt man ihn buchstäblich in den Keller ab, wo er das neue Sonderdezernat Q für unerledigte Fälle leitet. Ein syrischer Einwanderer namens Hafez el-Assad, der als Putzhilfe im Präsidium jobbt, schlüpft in die Rolle seines Assistenten, dazu eine renitente Sekretärin, eine Polizeipsychologin, die Mørcks verloren geglaubte Libido reaktiviert, eine keifende Ex-Frau, ein missratener Sohn sowie die üblichen Zutaten des skandinavischen Gesellschaftsbildes – ein zerrüttetes Land in den Fängen einer Oligarchie, Alkohol, Drogen, Gewalt, Kälte, Finsternis. Das probate Zerrbild des Nordens also, in das sich die Leser kuscheln wie in eine alte Schmusedecke.

          In den Knast wanderte gegen Bezahlung ein Strohmann

          Erzählt ist das alles durchaus behäbig, auf Umwegen und längst nicht so rasant wie es die amerikanische Konkurrenz beherrscht. Dabei gibt es Ansätze, die hoffungsfroh stimmen. Das Ermittlerteam böte schöne Entwicklungsmöglichkeiten wegen der angedeuteten Geheimdienstvergangenheit des undurchsichtigen el-Assad, der ganz drollige idiomatische Probleme mit dem Dänischen zu bestehen hat. Aber in „Schändung“ bleibt das weithin unterentwickelt. Denn Adler-Olsen ist vernarrt in seinen aus der Oberschicht gestürzten Racheengel Kimmie. Sie war Mitglied einer sozial verwahrlosten Bande von Millionärskindern, die in ihrer Internatszeit wahllos Leute prügelten, schließlich totschlugen. Kimmie – schwanger und dann selbst Opfer der Gewaltorgien – landete auf der Straße; die Jungen stiegen an die Spitze der Gesellschaft, in den Knast wanderte gegen Bezahlung ein Strohmann.

          Mit Öffnung der Akte ist die Zeit der Abrechnung gekommen. Auch diese Erzählschablone ist weder neu noch offenkundig umzubringen. Ohne sich mit literarischen Ambitionen aufzuhalten hat sich Jussi Adler-Olson mit seinem Carl Mørck auf die vakante Position von Henning Mankells Wallander einwechseln lassen – ein schlauer Schachzug. Das ZDF verfilmt, im Buch sind bereits die surrealen Bildmotive angerichtet: Eine Menagerie mit tollwütigem Fuchs, Waran und Hyäne. Und viele, viele Leichen.

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