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Bestseller: Erziehen auf Chinesisch : Wie die Tigermutter ihre Kinder zum Siegen drillt

Am 3. Dezember 2010 rezitierten die Grundschüler von Jiale den Klassiker „Di Zi Gui”, übersetzt: „Maßstäbe für gute Kinder und Schüler” Bild: Getty Images

Erbittert streitet Amerika über eine Polemik aus der Feder der asiatischstämmigen Yale-Professorin Amy Chua: In ihrem Buch „Battle Hymn of a Tiger Mother“ erklärt die Immigrantentochter die westliche Erziehungsmethode für gescheitert.

          Mit Ling Woo war der Frieden vorbei. Aus die Zeit, dass in der Bostoner Kanzlei gekuschelt wurde. Jedes Wort der zierlichen Chinesin verletzte wie eine Rasierklinge, und mit ihrem grimmigen Immigranten-Ehrgeiz trieb sie den Ostküstenamerikanern den Schweiß unter ihre pompösen Universitätsringe. Ling Woo war eine Figur, wie man sie im amerikanischen Fernsehen nie zuvor gesehen hatte. Nicht zuletzt ihr, verkörpert von Lucy Liu, verdankte die Serie „Ally McBeal“ ihren Erfolg.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was Ling Woo als erster chinesischstämmiger Heldin auf dem Bildschirm gelang, ist Amy Chua in der Wirklichkeit geglückt. Die 1962 in Illinois geborene Tochter chinesischer Immigranten studierte in Harvard Jura und ist nach Jahren als Anwältin in einer Kanzlei heute Juraprofessorin in Yale. Jetzt hat Amy Chua eine Kontroverse ausgelöst, die über Boston hinaus ganz Amerika erfasst. Keine Zeitung, die nicht schon die Frage gestellt hätte, ob diese Professorin nun verrückt geworden oder die Niederlage der Vereinigten Staaten im Wettstreit mit China endgültig besiegelt sei. Hunderttausendfach wurde der Vorabdruck ihres Buches aus dem „Wall Street Journal“ - Überschrift: „Why Chinese Mothers Are Superior“ - im Internet kopiert und weitergereicht.

          Sie bettelt, droht, besticht und erpresst

          Als „Battle Hymn of the Tiger Mother“ dann vor wenigen Tagen in Amerika erschien, stürmte das Buch dort prompt die Bestsellerlisten. Befassten sich Chuas frühere hochgelobten Publikationen mit globalen Wirtschaftsthemen, legt sie nun eine verblüffend intime Ansicht ihrer selbst und ihrer Familie vor. Die selbsternannte Tigermutter - verheiratet mit dem ebenfalls in Yale lehrenden Juristen Jed Rubenfeld, selbst Sprössling einer liberalen jüdischen Familie - erzieht ihre beiden Töchter nach der „chinesischen Methode“. Davon handelt ihr Buch. In westlichen Augen heißt das: unfassbare Strenge und absolute Kontrolle. Amy Chua wiederum wirft den Amerikanerinnen deren Kuschelpädagogik vor, mit der sie den Nachwuchs um seine Chancen brächten.

          Die Autorin: Amy Chua

          Der schonungslose Bericht der Immigrantentochter trifft ins Herz der amerikanischen Mittelschicht, die nach der Wirtschaftskrise mehr noch als zuvor den Abstieg fürchtet. Während dem chinesischen Staats- und Parteichef in Washington dieser Tage der rote Teppich ausgerollt wird, kann man in amerikanischen Buchläden sehen, warum der amerikanische Bürger China so fürchtet: Neben Amy Chuas Ratschlägen an amerikanische Mütter, mehr Härte gegenüber ihren Kindern walten zu lassen, liegt Martin Jacques' Abgesang auf die Supermacht Amerika „Wenn China die Welt beherrscht“.

          Eltern wollen ja immer nur das Beste für ihre Kinder. Amy Chua tut dafür alles: Sie bettelt, droht, besticht und erpresst. Weder die eigene Ermüdung noch die Konkurrenz der anderen entmutigen sie. Und über die Neigung ihrer Freundinnen, Kinder ihren Weg selbst bestimmen zu lassen, kann sie nur lächeln. Wie sehr gerade unter Einwanderern Bildung als Aufstiegschance angesehen wird, begriff Amy Chua, als sie beim Vorspiel der Tochter für die berühmte Juilliard School in New York fast nur ausländische Eltern antraf. Noch nie habe sie ein Buch, dessen Aussage konträr zu ihrer eigenen Erziehungsphilosophie stehe, mit solcher Faszination gelesen, gesteht die deutsche Journalistin Petra Gerster. Wie ihr könnte es vielen Lesern gehen, wenn das Buch, vom Verlag vorgezogen, nächste Woche bei Nagel & Kimche mit dem Titel „Die Mutter des Erfolgs“ auf Deutsch erscheint.

          Das kannst Du besser

          Viele Amerikaner wundern sich, warum chinesische Eltern so viele Mathegenies und musikalische Wunderkinder hervorbringen: Nun, sie könne es ihnen sagen, erklärt Chua siegessicher, „denn ich habe es getan“. Und zählt dann all das auf, was sie ihren Töchtern stets verboten hat: bei Freunden übernachten und Kinderpartys besuchen, im Schultheater mitspielen, Fernsehen oder Computerspiele, sich Hobbys selbst aussuchen und eine schlechtere als die Bestnote zu bekommen. Ist Amy Chua eine Mutter oder ein Monster? Diese Frage erörtern amerikanische Leser erregt im Internet. Und nicht nur sie sind verunsichert, wohlwissend, dass das Bildungsniveau im eigenen Land sinkt, während asiatische Staaten soeben beim Länderschulvergleich Pisa die ersten Plätze belegten.

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