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George Orwell wurde überwacht : 1984 vor der Zeit

Madame Tussaud hat es geahnt: in ihrem Wachsfigurenkabinett wird Orwell überwacht Bild: AP

Geheimdienst-Sergeant Ewing schloss 1942 auf „fortschrittliche kommunistische Ansichten“. Sein Beweis: Der Autor kleidete sich „sowohl im Büro wie in der Freizeit unkonventionell“. Der Überwachungsstaat-Utopist George Orwell wurde selbst überwacht.

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          Der kleinbürgerlich-pedantische Charakter der Stasi ist oftmals als Ausdruck von deutschem Ordnungswahn und Pflichtbewusstsein bezeichnet worden. Geheimdienstdokumente aus der Akte George Orwells, die jetzt nach fast sechzig Jahren freigegeben worden sind, zeigen jedoch, dass diese Mentalität in England genauso anzutreffen ist. Sergeant Ewing, ein auf den Schriftsteller angesetzter Beamter der Geheimpolizei, meldete im Januar 1942: „Dieser Mann hat fortschrittliche kommunistische Ansichten.“

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Besonders verdächtig erschien Orwell, weil er sich „sowohl im Büro wie in der Freizeit unkonventionell kleidet“. Die Akten enthüllen, dass die britischen Geheimdienste den ehemaligen Kolonialbeamten Orwell schon viel früher beobachtet haben, als bisher vermutet. Obwohl als Schriftsteller damals noch unbekannt, war Eric Blair, wie Orwell eigentlich hieß, aufgefallen, nachdem er Anfang 1928 den Dienst in der Kolonialpolizei von Burma quittiert hatte und sich in Paris als freier Journalist durchschlug. Dort wurde registriert, dass er in den Cafés linke Zeitungen las und seine Dienste unter anderem dem Organ der Kommunistischen Partei Großbritanniens anbot.

          Wohl „überfordert“ von Orwells „individueller Linie“

          Da der Geheimdienst aber keine Verbindung zu französischen Kommunisten nachweisen konnte, schlussfolgerte er, dass der Verdächtige den Kontakt meide, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Die Überwachungsdienste blieben auch in London auf Orwells Spur. Seine Beziehungen zu einem Buchhändler in Hampstead, von dem bekannt sei, dass er sozialistische Ansichten habe und sich für einen Intellektuellen halte, wie der Berichterstatter naserümpfend in Anführungsstrichen vermerkt, wurden ebenso festgehalten wie sein Umgang im nordenglischen Wigan, wo Orwell 1936 den elenden Alltag der Bergarbeiter dokumentierte und kommunistischen Versammlungen beiwohnte.

          Der Geheimdienst hielt ihn für einen Kommunisten
          Der Geheimdienst hielt ihn für einen Kommunisten : Bild: AP

          Sein Reisepass-Antrag mit der Personenbeschreibung „Höhe, 6 Fuß, 2 Inches, Augen grau, Haar braun, Tätowierungen auf der Rückseite der Hände“ und ein Zeitungsausschnitt aus dem „Manchester Guardian“ vom September 1938, in dem Orwell als Mitunterzeichner einer Friedenserklärung auftrat, liegen der Akte bei. Wenn Agenten vom Schlage des Sergeanten Ewing das Sagen gehabt hätten, wäre Orwell womöglich der Macht der Denkpolizei ausgesetzt worden, wie sie Winston Smith in „1984“, Orwells bitterer Satire auf den Überwachungsstaat, zu spüren bekam. Davor aber bewahrte ihn der weltläufigere Geheimdienstoffizier Ogilvie. Er spielte die Spekulationen des Kollegen herunter und mokierte sich über den „guten Sergeant“, der wohl etwas überfordert sei von Orwells „individueller Linie“, weshalb er von „fortgeschrittenen kommunistischen Ansichten“ gesprochen habe. Trotz seiner eindeutigen Sympathien für die Linke, so Ogilvie, machten Orwells Veröffentlichungen deutlich, dass er gegen die Kommunistische Partei sei und diese gegen ihn.

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