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100 Jahre „Tod in Venedig“ : Pervers? Was für ein pfuscherisches Wort!

  • -Aktualisiert am

Mit dieser Pädophilen-Novelle bekäme man heute Schwierigkeiten: Vor 100 Jahren erschien Thomas Manns „Tod in Venedig“ - und stellte die Toleranz der Literaturkritik auf die Probe.

          7 Min.

          Ein alternder, in München lebender Schriftsteller bekommt plötzlich Fernweh und macht eine Reise nach Venedig, wo er sich in einen polnischen Jungen verliebt, dann aber an Cholera stirbt: mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor, wahrscheinlich beides. Der Erfolgsschriftsteller Thomas Mann säße dann, womöglich an vier Abenden hintereinander, in den Talkshows, wo Eltern, Pädagogen und Journalisten über ihn herfielen, Psychologen ihn in Schutz nähmen und Literaturkritiker daran erinnerten, Autor und Figur seien doch nicht ganz dasselbe, es gebe schließlich noch so etwas wie einen Kunstvorbehalt, aber das ginge im moralischen Geschrei natürlich unter. Thomas Mann stünde da als Pädophiler - das ist, neben Antisemitismus, heute das Schlimmste, was man über einen Menschen sagen kann.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          „Der Tod in Venedig“ erschien vor hundert Jahren, im Oktober/November-Heft der „Neuen Rundschau“. Er ist Thomas Manns bekannteste, meistgedeutete Erzählung, die wegen ihrer angestrengten Bildungshuberei und ihres gravitätischen Tons, von dem der Autor behauptete, er sei parodistisch gemeint, heute allerdings nicht mehr ohne weiteres lesbar ist. Es ist das einzige Werk Thomas Manns, in dem der Humor praktisch völlig fehlt, und nicht umsonst hielt dieser es für nötig, ihm ein „humoristisches Gegenstück“ folgen zu lassen, aus dem dann schließlich der „Zauberberg“ wurde.

          Als literarische Phantasie eine Ungeheuerlichkeit

          Werkgeschichtlich fällt die Novelle genau in die Mitte einer künstlerischen Krise, in die Thomas Mann nach den „Buddenbrooks“ fiel und die im Grunde erst mit der Veröffentlichung des „Zauberberg“ (1924) beendet war. Wenn man sie im Bewusstsein dieser Scharnierstelle liest, bekommt man ein Gefühl für das merkwürdig Forcierte, Gewollte dieses Textes. Und es spricht eher noch für als gegen seinen Charakter als Krisendokument, dass Thomas Mann an Gustav von Aschenbach literarische und essayistische Projekte abgetreten hat, mit denen er in der Wirklichkeit nie fertig wurde.

          Als literarische Phantasie muss uns der „Tod in Venedig“ heute aber überaus kühn, ja als eine Ungeheuerlichkeit vorkommen. Und es ist bemerkenswert, dass sie damals nicht in erster Linie als solche verstanden wurde. Zwar hat man das Gewagte daran keineswegs übersehen, und Alfred Kerr, der auch sonst kein Freund Thomas Manns war, stellte fest: „Jedenfalls ist hier Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht.“ Aber insgesamt schien die literarische Öffentlichkeit über diesen Punkt erstaunlich wenig alarmiert.

          Zusammenbestehen von Freisein und Gebundenheit

          Das bedeutet nicht, dass man Päderastie - so lautete der Begriff für das, was wir heute unter Pädophilie verstehen - damals gutgeheißen hätte oder in Fragen der Sexualmoral insgesamt toleranter gewesen wäre. Es bedeutet nur, dass man damals eher bereit war, auch einen inhaltlich brisanten literarischen Text vor allem nach seiner ästhetischen Qualität zu beurteilen und weniger nach seinem Stoff. In diesem Fall ließe sich sagen, Thomas Mann habe es darauf angelegt, dass die Form den Stoff vertilge. Diese gleichsam Schillersche Ambition ist, nicht nur dank einer ausdrücklichen Erwähnung der Schillerschen Poetologie, mit Händen zu greifen.

          Thomas Mann selbst deutete seine Erzählung stets so, dass er als hellsichtiger Autor dastand: Mal war Aschenbach ein nervöser Charakter, mal einer, der dem Psychologismus entsagt
          Thomas Mann selbst deutete seine Erzählung stets so, dass er als hellsichtiger Autor dastand: Mal war Aschenbach ein nervöser Charakter, mal einer, der dem Psychologismus entsagt : Bild: Archiv

          Dass Thomas Mann sie eingelöst, dass er viel gewagt und viel gewonnen hat, wurde damals sofort erkannt. Bruno Frank schrieb 1913 in der „Neuen Rundschau“: „Cholera und Knabenliebe zu den beiden Grundpfeilern einer Erzählung zu machen darf als ein Wagnis gelten; daß es glücken konnte und so glücken, geht auf ein eigentümliches Zusammenbestehen von Freisein und Gebundenheit zurück.“

          Berauschtheit durch das Schöne

          Man kann sagen, das heutige Lesepublikum sei einerseits leichter erregbar, andererseits auch abgestumpfter. Der Reiz, den der „Tod in Venedig“ noch bereithält, könnte in der Erkenntnis bestehen, dass der eigentliche Skandal in der Überfeinerung des Stils zu sehen ist, den Thomas Mann durch fünfmalige Lektüre von Goethes „Wahlverwandtschaften“ geschult haben will. „Kaum je“, schrieb Josef Hofmiller schon 1913, „ist die Maxime L’art pour l’art mit solcher Strenge bis in ihre absurdesten Folgerungen verfolgt worden, bis sie nicht mehr entrinnen konnte, bis der richtende Dichter über dem gerichteten das Halali blies. Hat selbst Ibsen irgendwo mit vernichtenderer Rücksichtslosigkeit über den Dichter, über sich selbst ,Gerichtstag gehalten‘, als es Thomas Mann in diesem Werke tut?“

          Wahrscheinlich nicht. Noch der fast achtzigjährige Autor schien sich Sorgen zu machen, dass seine Novelle allzu plumpen, moralisierenden Deutungen offenstehen könnte. In einem nicht abgeschickten Brief heißt es: „,Pervers‘? Die Verfallenheit Aschenbachs an den Knaben Tadzio ist mit diesem recht pfuscherischen Wort nicht abzutun, denn sie ist nicht ordinäres Begehren, sondern Berauschtheit durch das Schöne.“

          Ein zentrales Moment in Thomas Manns Poetologie

          Mit äußerster Kunstanstrengung gewagte Vorgänge oder Phantasien sprachlich so auszudifferenzieren und zu verfeinern, dass ein Skandal unterbleibt, indem der Anlass gewissermaßen zu Feinstaub gemahlen wird, garniert obendrein mit Antiken-Anspielungen - wie sehr Thomas Manns Strategie aufging, zeigt die Rezension des Lyrikers und Literaturkritikers Carl Busse vom selben Jahr: „Ohne Zweifel wird man das Thema peinlich finden, aber man muß bekennen, daß es mit vorbildlicher Zartheit behandelt wird. Im bürgerlich-moralischen Sinne bleibt der Held völlig ,korrekt‘; er nähert sich dem schönen Knaben überhaupt nicht, er spricht nie ein Wort mit ihm - das Ganze ist nur eine erotische Gefühlsausschweifung, und sie quält umso weniger, als man das dumpfe Empfinden hat, es wäre gerade vor diesem Helden eine notwendige Rache der Natur. Jedenfalls: soweit die Kunst an sich ein solches Thema überhaupt von dem peinlichen Erdenrest, der ihm anhaftet, befreien kann, ist das hier geschehen.“

          Man mag den Duktus solcher Kritiken heute für überholt halten; trotzdem belegen sie die Toleranz der damaligen Literaturkritik, die nicht reflexhaft nach dem autobiographischen Gehalt fragte - den es natürlich trotzdem gab -, sondern gewissermaßen einen Schritt zur Seite trat und ganz unvoreingenommen vor allem wissen wollte, ob das ästhetische Experiment denn gelungen sei. Busse trifft mit dem Stichwort vom „peinlichen Erdenrest“ dabei ein zentrales Moment in Thomas Manns Poetologie: die Auffassung, dass erotische Gefühlsausschweifungen selbst für einen fingierten Helden nur als Gedankenspielereien und nicht als Schilderungen von Realität in Frage kommen.

          Ein Land, in dem so etwas geschrieben wird, hat Krieg nötig

          Thomas Mann sicherte sich also doppelt ab. So ist es zu erklären, dass dieser Tabubruch, um den es sich zweifellos handelte, Thomas Mann nicht nur nicht schadete, sondern sein schriftstellerisches Ansehen noch steigerte. Plump autobiographisch könnte man sagen, er habe mit dem „Tod in Venedig“ sein Coming-out gehabt. Wem im Werk vorher schon die eine oder andere Stelle aufgefallen war, der wusste nun Bescheid. Thomas Mann wollte sich damit allerdings keine Akzeptanz im Homosexuellen-Milieu erschreiben. Das hätte sich mit seinen Nationalschriftsteller-Ambitionen nicht vertragen, und dazu war auch die Tendenz der Erzählung zu pessimistisch. Der Aktivist und Publizist Kurt Hiller, der im „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ schon ungeduldig gefragt hatte „Wo bleibt der homoerotische Roman?“, lehnte sie denn auch ab als ein „Beispiel moralischer Enge“, das Knabenliebe bloß als Verfallssymptom behandle; Stefan George missbilligte sie aus ähnlichen Gründen. Und der englische Schriftsteller D.H. Lawrence befand: „Germany does not feel very young to me.“

          Nein, für sonderlich jung konnte man in der Tat kein Land halten, dessen führende Schriftsteller sich so präsentierten. Thomas Mann, der damals erst 37 Jahre alt war, schien sich dessen bewusst zu sein und schrieb im März 1913 an seine Lübecker Bekannte Ida Boy-Ed: „Eine Nation, in der eine solche Novelle nicht nur geschrieben, sondern gewissermaßen akklamiert werden kann, hat vielleicht einen Krieg nötig.“ Der kam dann auch, vom Verfasser der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ wenig später ausdrücklich gutgeheißen. Deswegen wäre es auch ein Missverständnis anzunehmen, Thomas Mann habe so etwas wie Wehrkraftzersetzung im Sinn gehabt.

          „Die ,Haltung‘ ist etwas rein Formelles“

          Die Zuschreibung der Homosexualität als eines Dekadenzsymptoms, das einer allgemeinen Zersetzung Vorschub leiste, mag nicht sonderlich originell sein - von ihrer Abwegigkeit zu schweigen -; aber sie war damals so einflussreich, dass Thomas Mann ihr entgegenwirken zu müssen meinte, und zwar indem er, wiederum in einem Brief an Ida Boy-Ed, nicht etwa Homosexualität für gefährlich erklärte, sondern die handwerkliche Perfektion, man könnte auch sagen: die Geläufigkeit, mit der sich ein Schriftsteller ihrer annimmt: „Nicht, weil sie von kranker Liebe handelt, könnte diese Novelle rauher Volkstüchtigkeit gefährlich werden, sondern weil sie zu gut geschrieben ist. Es ist wirklich nicht Eitelkeit, daß ich das sage, sondern schlechtes Gewissen.“

          So ergibt sich der verblüffende Befund, dass sich gerade das nicht homosexuelle Milieu diese Erzählung bieten ließ, während das homosexuelle sie, soweit dies anhand der wenigen Stimmen rekonstruierbar ist, wegen ihres bösen Endes ablehnte, das eine begeistert-identifikatorische Lesart zumindest erschwerte. Dazu war dieser Fall zu besonders und, in seinen Folgen, zu ruinös; deutlich ist ihm eine lähmende Egozentrik eingeschrieben. Dass hier trotzdem auch eine Kritik des Bürgertums unterlief, hat wohl niemand so deutlich erkannt wie Georg Lukács: „Aber der Dichter Thomas Mann ist, unbewußt, vielleicht sogar ungewollt, ein tieferer und richtigerer Gesellschaftskritiker als der Denker.“ Denn, so erkannte Lukács: „Die ,Haltung‘ ist etwas rein Formelles und bietet für die Lebensführung, wenn sich nur einigermaßen ernste Abgründe auftun, nicht den geringsten Halt.“

          Eine innere Verpreußung deutscher Intelligenz

          Thomas Mann hat diesen Aspekt verschiedentlich selbst berührt, wobei seine eigenen Interpretationen immer auf ihre jeweilige Opportunität hin gelesen werden müssen - er deutete seine Erzählung stets so, dass er als hellsichtiger Autor dastand. So war denn Aschenbach für ihn zunächst ein nervöser Charakter - Alfred Adlers einschlägige Studie erschien ebenfalls 1912 - und, literarisch betrachtet, der Protagonist einer neuklassischen Richtung; dann war Aschenbach vor allem jemand, der dem Psychologismus entsagt und, mit seiner „Absage an den Abgrund“ und seinem Bedürfnis „nach einer neuen menschlichen Würde jenseits der Analyse und selbst der Erkenntnis“, zu einer neuen Einfachheit, das heißt: Entschlossenheit finden will, quasi schon eine Präfiguration faschistischer, recht eigentlich schon geistfeindlicher Zeittendenzen. Allein dies zeigt, wie dehnbar der ideelle Gehalt war, nicht nur für Thomas Mann.

          In einem jedenfalls stimmte er mit Lukács überein: Aschenbach steht (auch) für eine gewisse bürgerliche Selbstrevision, für eine innere Verpreußung der deutschen Intelligenz, die einer buchstäblich vernichtenden Kritik unterzogen wird: Haltung ist wirklich nur Pose. Man wüsste gern, was Thomas Mann der Forderung nach einer „Wertediskussion“ entgegengesetzt hätte.

          Der Inbegriff längst überholten Erzählens?

          Die Thomas-Mann-Forschung hat sich an Kategorien wie Künstler-Bürger, Geist-Leben und ähnlichen mit bewundernswerter Gründlichkeit abgearbeitet. Weniger wurde dabei die raffinierte, doppeldeutige Erzählstrategie in den Blick gerückt, die es, auf einer realistischen Ebene, erlaubt, Gustav von Aschenbachs Ende als banale Folge der Cholera zu deuten, mit der er sich durch den Verzehr von Erdbeeren infiziert, oder aber, auf der gleichsam moralisch-mythischen Ebene, als Ergebnis seiner „Neigung“. Jeder kann das lesen, wie er will; das macht den „Tod in Venedig“ so haltbar und interessant.

          Es ist bemerkenswert, wie sehr sich in unserem literarischen Gedächtnis die Vorstellung verfestigt hat, diese Novelle sei quasi der Inbegriff bürgerlichen, und das bedeutet: längst überholten Erzählens. So oder so steht sie, trotz ihrer steifen Anmutung und wegen ihrer Bildungsbeflissenheit, immer noch als Beispiel reiner Kunst da, als Prüfstein auch für literaturkritische Toleranz, indem sie vorführt, wie weit man mit seiner literarischen Phantasie gehen kann. „Der Tod in Venedig war halbgebildet und falsch“, behauptete Thomas Mann 1914 gegenüber seinem Bruder Heinrich. Aber das stimmte eben auch nur halb.

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