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100 Jahre Biene Maja : Auch eine deutsche Bildungsgeschichte

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Feiert runden Geburtstag: Die Biene Maja. Bild: dpa

Der Kinderbuchklassiker von Waldemar Bonsels ist umstritten: schwarzer Humor oder angebräunte Ideologie? Die historisch-kritische Erforschung der Biene hat erst begonnen.

          Was das Schicksal trennt, soll man nicht wieder zusammenfügen, meint Kurt der Mistkäfer, nachdem er den Regenwurm in zwei Teile zerbissen hat. Und die Libelle findet, Hans Christoph sei wirklich ein „lieber kleiner Kerl“, bevor sie dem Brummer zärtlich den Kopf abbeißt. Die Biene Maja schließlich gerät mit Hannibal dem Weberknecht in einen grammatisch-zoologischen Disput über den Satz „Ein abbes Bein kann nicht krabbeln“. Solch ironisch-makabre Kleinodien, die vor dem Hintergrund idyllischer Naturschilderungen umso stärker funkeln, finden sich in Waldemar Bonsels’ Roman „Die Biene Maja und ihre Abenteuer“, dessen erste Auflage vor hundert Jahren auf den Markt kam. Vor die geschliffen parlierenden Tiergestalten des Originals haben sich im allgemeinen Bewusstsein freilich längst die gefälligeren Trickfilm-Figuren geschoben, die 1976 zum ersten Mal über die Bildschirme flimmerten und seitdem das kaum noch überschaubare Sortiment an Merchandising-Produkten prägen.

          Waldemar Bonsels (21. Februar 1880 bis 31. Juli 1952)

          Der hundertste Geburtstag der Biene, der mit dem sechzigsten Todestag ihres Schöpfers zusammenfällt, bietet den Anlass für Publikationen, Vorträge und Ausstellungen zu Bonsels und seinem Werk. Majas mediale Mutationen, die ihrer einzigartig erfolgreichen Vermarktung zugrunde liegen, hat der Tübinger Medienwissenschaftler Harald Weiß untersucht (“Der Flug der Biene Maja durch die Welt der Medien. Buch, Film, Hörspiel und Zeichentrickserie“, Wiesbaden 2012), der auch eine Vortragsreihe zum Thema an der Universität Tübingen organisiert hat. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte die „Biene Maja“ zusammen mit den „Buddenbrooks“ und Remarques „Im Westen nichts Neues“ zu den meistgelesenen Büchern in Deutschland, und sie machte ihren Schöpfer zum glänzend verdienenden Star-Autor.

          Die Trickfilm-Maja bleibt ein statischer Charakter

          Dabei verdankte das Buch seinen ersten großen Durchbruch weniger den Kindern als den Soldaten des Ersten Weltkriegs, die die Feldausgabe zu einer Lieblingslektüre machten. Da das Buch für Erwachsene mindestens ebenso viel, wenn auch anderes zu bieten hatte wie für junge Leser, verschwand der Untertitel „Ein Roman für Kinder“ bald von den Umschlägen. Schätzungsweise mehr als zwei Millionen deutschsprachige Ausgaben wurden bis heute verkauft, hinzu kommen Übersetzungen in mehr als 40 Sprachen. Allerdings nahm die ganz große Beliebtheit seit den fünfziger Jahren allmählich ab, die Auflagenzahlen sanken.

          Zu den medialen Metamorphosen des Stoffs, die Weiß nachzeichnet, gehört ein 1926 uraufgeführter Stummfilm mit echten Insekten, gedreht im Freiland sowie im Dachgarten eines mehrstöckigen Berliner Hauses.Trotz spektakulärer Tieraufnahmen ist der Film künstlerisch gescheitert: Die Bilder der realen Tiere vermögen nicht mit den Dialogen der Zwischentitel, an denen Bonsels mitwirkte, zur märchenhaften Maja-Welt zu verschmelzen. Anläufe zu einer Verfilmung gab es danach immer wieder, sie führten aber erst in den siebziger Jahren zum Erfolg, als ZDF und ORF den amerikanischen Disney-Zeichner Marty Murphy mit dem Entwurf der Handlung und der Figuren beauftragten. Gezeichnet wurden sie in japanischen Trickfilmstudios.

          Dieses Brettspiel orientiert sich an der Atmosphäre des Buches.

          Sie empfahlen sich schon damals durch erfolgreiche Kinderserien und arbeiteten zudem preisgünstiger als die amerikanische Konkurrenz. Die Abweichungen von der literarischen Vorlage waren gravierend: Während die Maja des Buchs die Stationen eines Entwicklungsromans durchlebt, bleibt die Trickfilm-Maja ein statischer Charakter, der eine Aneinanderreihung bunter Abenteuer absolviert. Auch die Doppelbödigkeit des Originals ging verloren; Themen wie Tod und Wiedergeburt oder die Spannung zwischen Individualismus und kollektiver Lebensform, die den Roman durchziehen, kamen kaum mehr vor.

          Zwiespältige Rolle in der NS-Zeit

          Ohne die Biene wäre Bonsels heute ein vergessener Autor. Zu seinen Lebzeiten hingegen hatte sein umfangreiches Werk aus Reiseberichten, Vagabunden-Romanen, erotischen Erzählungen und religionsphilosophischen Traktaten eine große und verehrungsvolle Lesergemeinde. Die unterschiedlichen Facetten von Autor und Werk beleuchtet ein Band mit Aufsätzen, den der Münchner Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek herausgegeben hat (“Waldemar Bonsels. Karrierestrategien eines Erfolgsschriftstellers“, Wiesbaden 2012 ). Für Hanuschek offenbart Bonsels, der sich gern als der materialistischen Moderne entrückten Genius stilisierte, ein sehr strategisches Textverständnis, mit dem er auch im Literaturbetrieb unserer Tage reüssieren könnte. Einmal geschriebene Passagen verwendete Bonsels immer wieder neu und baute sie, heutigen Sampling-Techniken ähnlich, in unterschiedlichste Zusammenhänge ein. Trotz einer zur Schau getragenen Verachtung des Geldes vermarktete er sich und sein Werk sehr professionell.

          Eine Ausgabe des Buches von 1926.

          Bonsels Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, die der Münchner Germanist Wilhelm Haefs beleuchtet, erscheint zwiespältig. Mehrere seiner Werke - die „Biene Maja“ gehörte nicht dazu - standen zeitweilig auf einer schwarzen Liste des Amtes Rosenberg. Offizielle Begründungen dafür sind nicht bekannt. Mit Hilfe von Hanns Johst, dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, gelang es Bonsels, die Differenzen mit den Machthabern beizulegen, um von da an wieder das Leben eines erfolgreichen Großschriftstellers zu führen. Zur inneren Emigration gehörte Bonsels trotz der vorübergehenden Indizierung nicht: Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme meldete er sich von Capri aus in der deutschen Öffentlichkeit mit antisemitischen, die „deutsche Revolution“ und sogar die Bücherverbrennungen lobenden Stellungnahmen zu Wort.

          Biene Maja als „völkische Germanin“

          Ähnliches ereignete sich 1942, als Bonsels einen Privatdruck seines Romans „Dositos“ mit einem religiös eingekleideten antisemitischen Vorwort versah und an einen ausgewählten Kreis von Empfängern, darunter hohe Repräsentanten der NSDAP, verschickte. Was ihn, der vor 1933 Kontakt zu Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Robert Neumann und Joseph Roth hatte und bis dahin nicht als völkischer Autor galt, dazu veranlasste, ist nicht abschließend geklärt. Trat hier neben schlichtem Opportunismus eine schon vorher existierende antisemitische Grundierung an die Oberfläche, wie Haefs nachzuweisen sucht? Oder handelte es sich eher um das Geltungsbedürfnis eines Autors, der so auf den bereits hinter ihm liegenden Zenit seines Ruhms zurückzukehren hoffte, wie Harald Weiß annimmt?

          Fragen nach Bonsels’ politischer Einstellung haben in den vergangenen Jahren den ideologiekritischen Verdacht auch auf die Biene Maja gelenkt. Insbesondere das heroische Pathos, mit dem im Schlussteil des Buches die Schlacht zwischen Bienen und Hornissen dargestellt wird, rief den Vorwurf hurrapatriotischer Kriegstreiberei hervor. Als „völkische Germanin“, gar als „braune Biene“ geriet Maja in die Schlagzeilen der Presse. So weit geht Sven Hanuschek nicht, aber er sieht in diesen Passagen immerhin Anklänge an die berüchtigte „Hunnenrede“, die Kaiser Wilhelm II. 1900 vor den deutschen Truppen hielt, die in China den Boxer-Aufstand niederschlagen sollten. Doch bei näherem Hinsehen schrumpft die Beweislage auf eine zudem oberflächliche textliche Übereinstimmung: „Gefangene sind nicht gemacht“, sagt die Bienenkönigin dem Emissär der besiegten Hornissen-Herrscherin; es ist die Mitteilung eines Faktums nach verlustreicher Schlacht. Diese durchaus verbreitete Formulierung wurde auch von Wilhelm II. benutzt, jedoch in einer durchaus anderen Funktion, nämlich als Aufforderung zum Töten: „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht.“ Skeptisch gegenüber der Engführung der Texte stimmt auch, dass, wie Harald Weiß feststellt, die angeblichen Parallelen zur Hunnenrede von keinem der zeitgenössischen Kritiker bemerkt wurden. Plausibler erscheint, dass Bonsels mit der Insekten-Schlacht den Topos des „letzten Gefechts“ zwischen Gut und Böse aufnimmt, wie es sich in zahllosen Epen vom Nibelungenlied über den „Herrn der Ringe“ bis zum „Krieg der Sterne“ findet.

          Solche bunten Basteleien beziehen sich vor allem auf die Trickfilm-Maja.

          Friedenspädagogische Runderneuerung

          Die Gefahr, an die Stelle einer differenzierten und quellenkritischen Analyse die rückwärtsgerichtete Projektion heutiger Lesarten und politischer Maßstäbe zu setzen, zeigt sich an dem Aufsatz des Biologen Karl Daumer (im erwähnten Band), der den Krieg zwischen Hornissen und Bienen „aus biowissenschaftlicher Sicht“ betrachtet, aber dabei nicht nur zoologische, sondern auch politische Unkorrektheiten konstatiert. Dass er nicht nur eine „monarchisch-imperialistische“, sondern sogar eine „sozialdarwinistisch getönte rassistische Tendenz“ entdeckt und die Biene Maja als ungeeignet für die Erziehung zu „staatsbürgerlicher Verantwortung“ einstuft, sagt weniger über Bonsels’ Buch als über den gegenwärtigen Zeitgeist aus.

          Dem ist auch eine jüngst erschienene „kindgerechte“ Bearbeitung des Romans geschuldet, die seine sprachliche Originalität zwar komplett eingeebnet, ihn dafür aber friedenspädagogisch runderneuert hat: Das Stechen und Sterben entfällt, die Hornissen werden nur übertölpelt, gefangen genommen und dann des Reviers verwiesen. Vielleicht sollte man die Biene Maja, statt ihr solcherart den literarischen Stachel zu ziehen, lieber gleich auf die Liste der jugendgefährdenden Schriften setzen. Für die zeitgemäße Staatsbürgerkindkunde stehen schließlich schon längst andere, bewährtere Tiere bereit: Benjamin Blümchen, übernehmen Sie!

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