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100 Jahre Biene Maja : Auch eine deutsche Bildungsgeschichte

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Fragen nach Bonsels’ politischer Einstellung haben in den vergangenen Jahren den ideologiekritischen Verdacht auch auf die Biene Maja gelenkt. Insbesondere das heroische Pathos, mit dem im Schlussteil des Buches die Schlacht zwischen Bienen und Hornissen dargestellt wird, rief den Vorwurf hurrapatriotischer Kriegstreiberei hervor. Als „völkische Germanin“, gar als „braune Biene“ geriet Maja in die Schlagzeilen der Presse. So weit geht Sven Hanuschek nicht, aber er sieht in diesen Passagen immerhin Anklänge an die berüchtigte „Hunnenrede“, die Kaiser Wilhelm II. 1900 vor den deutschen Truppen hielt, die in China den Boxer-Aufstand niederschlagen sollten. Doch bei näherem Hinsehen schrumpft die Beweislage auf eine zudem oberflächliche textliche Übereinstimmung: „Gefangene sind nicht gemacht“, sagt die Bienenkönigin dem Emissär der besiegten Hornissen-Herrscherin; es ist die Mitteilung eines Faktums nach verlustreicher Schlacht. Diese durchaus verbreitete Formulierung wurde auch von Wilhelm II. benutzt, jedoch in einer durchaus anderen Funktion, nämlich als Aufforderung zum Töten: „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht.“ Skeptisch gegenüber der Engführung der Texte stimmt auch, dass, wie Harald Weiß feststellt, die angeblichen Parallelen zur Hunnenrede von keinem der zeitgenössischen Kritiker bemerkt wurden. Plausibler erscheint, dass Bonsels mit der Insekten-Schlacht den Topos des „letzten Gefechts“ zwischen Gut und Böse aufnimmt, wie es sich in zahllosen Epen vom Nibelungenlied über den „Herrn der Ringe“ bis zum „Krieg der Sterne“ findet.

Solche bunten Basteleien beziehen sich vor allem auf die Trickfilm-Maja.

Friedenspädagogische Runderneuerung

Die Gefahr, an die Stelle einer differenzierten und quellenkritischen Analyse die rückwärtsgerichtete Projektion heutiger Lesarten und politischer Maßstäbe zu setzen, zeigt sich an dem Aufsatz des Biologen Karl Daumer (im erwähnten Band), der den Krieg zwischen Hornissen und Bienen „aus biowissenschaftlicher Sicht“ betrachtet, aber dabei nicht nur zoologische, sondern auch politische Unkorrektheiten konstatiert. Dass er nicht nur eine „monarchisch-imperialistische“, sondern sogar eine „sozialdarwinistisch getönte rassistische Tendenz“ entdeckt und die Biene Maja als ungeeignet für die Erziehung zu „staatsbürgerlicher Verantwortung“ einstuft, sagt weniger über Bonsels’ Buch als über den gegenwärtigen Zeitgeist aus.

Dem ist auch eine jüngst erschienene „kindgerechte“ Bearbeitung des Romans geschuldet, die seine sprachliche Originalität zwar komplett eingeebnet, ihn dafür aber friedenspädagogisch runderneuert hat: Das Stechen und Sterben entfällt, die Hornissen werden nur übertölpelt, gefangen genommen und dann des Reviers verwiesen. Vielleicht sollte man die Biene Maja, statt ihr solcherart den literarischen Stachel zu ziehen, lieber gleich auf die Liste der jugendgefährdenden Schriften setzen. Für die zeitgemäße Staatsbürgerkindkunde stehen schließlich schon längst andere, bewährtere Tiere bereit: Benjamin Blümchen, übernehmen Sie!

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