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100 Jahre Biene Maja : Auch eine deutsche Bildungsgeschichte

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Dieses Brettspiel orientiert sich an der Atmosphäre des Buches.

Sie empfahlen sich schon damals durch erfolgreiche Kinderserien und arbeiteten zudem preisgünstiger als die amerikanische Konkurrenz. Die Abweichungen von der literarischen Vorlage waren gravierend: Während die Maja des Buchs die Stationen eines Entwicklungsromans durchlebt, bleibt die Trickfilm-Maja ein statischer Charakter, der eine Aneinanderreihung bunter Abenteuer absolviert. Auch die Doppelbödigkeit des Originals ging verloren; Themen wie Tod und Wiedergeburt oder die Spannung zwischen Individualismus und kollektiver Lebensform, die den Roman durchziehen, kamen kaum mehr vor.

Zwiespältige Rolle in der NS-Zeit

Ohne die Biene wäre Bonsels heute ein vergessener Autor. Zu seinen Lebzeiten hingegen hatte sein umfangreiches Werk aus Reiseberichten, Vagabunden-Romanen, erotischen Erzählungen und religionsphilosophischen Traktaten eine große und verehrungsvolle Lesergemeinde. Die unterschiedlichen Facetten von Autor und Werk beleuchtet ein Band mit Aufsätzen, den der Münchner Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek herausgegeben hat (“Waldemar Bonsels. Karrierestrategien eines Erfolgsschriftstellers“, Wiesbaden 2012 ). Für Hanuschek offenbart Bonsels, der sich gern als der materialistischen Moderne entrückten Genius stilisierte, ein sehr strategisches Textverständnis, mit dem er auch im Literaturbetrieb unserer Tage reüssieren könnte. Einmal geschriebene Passagen verwendete Bonsels immer wieder neu und baute sie, heutigen Sampling-Techniken ähnlich, in unterschiedlichste Zusammenhänge ein. Trotz einer zur Schau getragenen Verachtung des Geldes vermarktete er sich und sein Werk sehr professionell.

Eine Ausgabe des Buches von 1926.

Bonsels Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, die der Münchner Germanist Wilhelm Haefs beleuchtet, erscheint zwiespältig. Mehrere seiner Werke - die „Biene Maja“ gehörte nicht dazu - standen zeitweilig auf einer schwarzen Liste des Amtes Rosenberg. Offizielle Begründungen dafür sind nicht bekannt. Mit Hilfe von Hanns Johst, dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer, gelang es Bonsels, die Differenzen mit den Machthabern beizulegen, um von da an wieder das Leben eines erfolgreichen Großschriftstellers zu führen. Zur inneren Emigration gehörte Bonsels trotz der vorübergehenden Indizierung nicht: Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme meldete er sich von Capri aus in der deutschen Öffentlichkeit mit antisemitischen, die „deutsche Revolution“ und sogar die Bücherverbrennungen lobenden Stellungnahmen zu Wort.

Biene Maja als „völkische Germanin“

Ähnliches ereignete sich 1942, als Bonsels einen Privatdruck seines Romans „Dositos“ mit einem religiös eingekleideten antisemitischen Vorwort versah und an einen ausgewählten Kreis von Empfängern, darunter hohe Repräsentanten der NSDAP, verschickte. Was ihn, der vor 1933 Kontakt zu Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Robert Neumann und Joseph Roth hatte und bis dahin nicht als völkischer Autor galt, dazu veranlasste, ist nicht abschließend geklärt. Trat hier neben schlichtem Opportunismus eine schon vorher existierende antisemitische Grundierung an die Oberfläche, wie Haefs nachzuweisen sucht? Oder handelte es sich eher um das Geltungsbedürfnis eines Autors, der so auf den bereits hinter ihm liegenden Zenit seines Ruhms zurückzukehren hoffte, wie Harald Weiß annimmt?

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