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Buddenbrooks-Verfilmung : Essener Kaltstart

  • -Aktualisiert am

Heinrich Breloers Verfilmung der „Buddenbrooks“ erlebt in der Essener Lichtburg, dem größten Filmpalast des Landes, seine Welturaufführung. Bundespräsident Horst Köhler würdigt das Werk - und meint wohl die Verfilmung. Und so viel kann man schon mal sagen: Es ist ein Werk von einiger Länge.

          Die Absperrungen ziehen sich hin, aber die Auslegeware dazwischen deutet darauf hin, dass es hier kein Spießrutenlaufen geben wird. Und wenn doch? Warten wir's ab, es sind noch zwei Stunden, bis der Vorhang aufgeht. Über diesen roten Teppich müssen sie jedenfalls kommen und dann, die Form eines riesigen L abschreitend, direkt einlaufen in die Vor- und, so muss man nun schon sagen, Ruhmeshalle der Essener Lichtburg, in der die Welturaufführung des „Buddenbrooks“- Films über die Bühne geht - man könnte, ohne das Ereignis damit schon überzubewerten, auch sagen: die Bühnenuraufführung über die Stadt und den Erdball geht, denn die Berichterstatter werden nicht alle für WAZ und WDR arbeiten.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Wieso gerade Essen? Hat das etwas mit Heinz Rühmann zu tun? Die Moderatorin Bettina Böttinger, die mit ihrer Herkunft nie hinterm Berg hält, wird später zugestehen, dass die Ortswahl der Erklärung, wenn auch nicht der Rechtfertigung bedarf. Die „Preemjäähre“, tegtmeiert sie, müsse ja eigentlich in Lübeck sein. Doch wozu? Ist nicht der Roman durch eine nun schon jahrelang vor sich hinbrummende PR-Verwurstungsmaschine gedreht worden und unten als zeitlose, aber natürlich hochaktuelle Parabel auf die globalisierte Wirtschafts- und Finanzwelt herausgekommen/-gekrochen?

          Der Buddenbrook-Roman unter den Kinos

          Da ist es egal, wo der Film zuerst gezeigt wird. Nicht nur im Kontor einer Lübecker Getreidefirma gilt: Geld spielt eine Rolle. Und es ist sowieso alles viel banaler; die Essener Lichtburg ist der größte Filmpalast des Landes, mithin der Buddenbrook-Roman unter den Kinos: deutsche Wertarbeit. Dass die Plakate für die hier außerdem laufenden Filme abgehängt wurden, wird niemand als geschäftsschädigend empfinden, das ist man dem im Ruhrgebiet aufgewachsenen Regisseur Heinrich Breloer schuldig.

          Würdigte die „Buddenbrooks” - und meint wohl den Film: Bundespräsident Köhler

          Wenn die vielen Leute draußen an den Absperrungen mit dem Logo der Verleihfirma Warner Brothers, das bei einer Oscar-Verleihung nicht aufdringlicher sein könnte, aber wüssten, dass der Bundespräsident später von sich und seiner Frau geradezu heinrichlübkehaft behaupten wird, sie gingen „gerne ins Kino, privat und zum Vergnügen“, dann hätten sie sich die Warterei sparen und die Gans für den ersten Weihnachtstag, wenn Kinostart ist, in der Gefriertruhe lassen können.

          Horst Köhler würdigt die „Buddenbrooks“ - und meint wohl den Film

          Unbehelligt von bundespräsidentialen Bemühungen, Nähe zur Kultur zu suggerieren, die ja erst die Ferne zu ihr betonen, könnten sie sich dann den Film ansehen und es auch auf sich beruhen lassen, dass es sich, wie Horst Köhler weiter ausführte, bei den „Buddenbrooks“ um einen „Spiegel unseres Wesens und unserer Kultur“ handele. Wäre damit auf das, was der Romancier selbst im Sinne hatte, angespielt, dann hätte Köhler den Nagel auf den Kopf getroffen - gemeint war aber wohl der Film. Deshalb wissen wir, was wir sagen, wenn wir, das Wort „Event“ mühsam unterdrückend, aber ohne vernebelnde Absicht hinzufügen, dass die Aussage in dieser gegenwärtigen Hinsicht ja noch viel richtiger ist.

          Niemand muss das bedauern, auch die spärlich, aber regelmäßig einströmenden Gäste nicht. Die ausgezeichnete Bewirtung lässt den Film oder zumindest die Vorfreude darauf rasch in den Hintergrund treten - eine List des Regisseurs? Bernd Saxe, der Lübecker Bürgermeister, genießt hier gewissermaßen Hausrecht, das ihm auch am Tresen nicht streitig gemacht wird, wo er über den Zusammenhang von Frikadellen (die im Roman und, so viel schon an dieser Stelle zur Werktreue, auch im Film zu „Fleischpflanzerln“ werden) und Vegetarismus reden wird.

          Warten auf die Hauptdarsteller

          Es ist gleich 18 Uhr; noch eine Stunde, dann geht es los. Die sperrangelweit offenen Türen lassen nicht vergessen, welche Jahreszeit herrscht. Aber Sunnyi Melles, die als Senatorin Möllendorpf mitmischt, hält beim Ablichten draußen eine viertel Stunde lang durch, mit einem Rücken, der freie Sicht auf eine Haut gewährt, die durch den hartnäckigen Verzicht aufs Sonnenstudio irgendwie etwas Souveränes an sich hat. Affektiert posiert sie so herum und wird es zum Glück nicht mehr mitbekommen, dass die Fotografen ihre Kommandos erst energisch brüllen, wenn die Hauptpersonen eintreffen, unter ihnen der angenehm zurückhaltende Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, der Bundespräsident und die anderen Schauspieler.

          An seiner schwarzen Wollmütze ohne weiteres auszumachen ist Hans W. Geißendörfer, als „Zauberberg“-Verfilmer auch so ein Mann-Maniac. Schon ganz von weitem erkennen wir Gerhart Baum, dessen Anwesenheit als Innenpolitiker aus heißer Herbstzeit sich ebenfalls versteht, weil Breloer eben nicht nur ein Mann-, sondern auch RAF-Fachmann ist. Bald ertönt der erste Gong, aber ohne den ersten Mann im Staate, der noch nicht gesichtet wurde, wird man kaum anfangen. Horst Köhler wird über die Ungehörigkeit, dass die Leute nicht sofort bei seinem Betreten des Saals aufstehen, sondern erst, als er die Bühne besteigt, hinwegsehen müssen. Dann öffnet sich der Vorhang für die „Buddenbrooks“, die Breloer ja unbedingt, aber ungereimt mit „Ein Geschäft von einiger Größe“ unterschrieben haben wollte. Es ist, das sei verraten, ein Film von einiger Länge.

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