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Buchmessengast Island : Die Unmöglichkeit einer Insel

  • -Aktualisiert am

Sind so viele Vulkane: Besucher bestaunen die Multimedia-Installation des Gastland-Auftritts Bild: dapd

Der tückischste Rauchproduzent Europas ist jetzt auch noch Ehrengast der Frankfurter Buchmesse: Zeit für eine unsachliche Betrachtung isländischer Lebensrealität.

          Diese sagenhafte Insel im nördlichen Eismeer sei ein einziger Hort des Friedens und des Glücks, ein salzwasserumspülter, rundum geglückter Weltentwurf. Könnte man meinen. Wäre da nicht der isländische Literaturnobelpreisträger Theodor (?) Laxness in einer seiner frühen respektive späten Schriften zu einem ganz oder wenigstes teilweise anderen Urteil gelangt. Und das geht, wenn ich mich recht erinnere, sinngemäß, so: dass nämlich Island eine dampfende, stinkende, qualmende und alles in den Bann ziehende Natur- und Intellektualgemeinheit sei. In den Köpfen der Insulaner nisteten Brutalität, Infamie und der hundertprozentige Wille zu nichts. Apathie sei das vorherrschende Lebensgefühl, gepaart mit Wahn, Dünkel, Arroganz. Gesellschaftsfeindliche Exzentrik hielten sie für Originalität, Kauzigkeit für Charme und Elfen, Trolle und Björk für echte Lebewesen. Kritiker würden mundtot gemacht oder in Vulkankrater geworfen. Neben Helmut Schmidt sei Island der tückischste Rauchproduzent Europas.

          Als Immobilie, so Laxness bilanzierend den Bogen schlagend, sei das Land gescheitert, es gelte als unvermietbar und sei bis unter die Erde in einem ruinierten Zustand. Die Kanalisation werde von schwindsüchtigen Stümpern verlegt, allerorten quelle, schieße und spritze heißes Schwefelwasser aus dem Boden, gefolgt von todbringenden Miasmen. Auf Lunge nehme sie hohnlachend der Eingeborene. Island sei so groß wie die ehemalige DDR und mindestens dreimal so tot. Die Bewohnerschaft sei der Bielefelds naturgemäß unterlegen, und zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern in jeder Hinsicht. Wer das Pech habe, einmal in Bielefeld gewesen zu sein, könne sich leicht ausrechnen, was das bedeute: Die DDR unter der wirtschaftlichen und intellektuellen Führung Bielefelds - das sei Island, die Heimat der Bekloppten. Schloss Laxness in etwa diesen seinen Gedankengang.

          Die Zustände vor Ort seien erschreckend, ja irreparabel, die Wetterverhältnisse eine einzige, sich von Tief zu Untief hangelnde pseudoklimatische Zumutung. Erst regne es und schneie, dann falle der Regen nieder. Dann schneie es, regne es und schneie. Dann regne es die ganze Zeit. Es stürme und tose, dann schneie es wieder. Nicht einmal einen Wolf würde man da vor die Türe jagen. Jedoch den Islandinsassen schere es nicht im Geringsten. Nachts sei es stockdunkel, oft monatelang. Die Naturgesetze würden nicht befolgt. Wer versuche, die Insel zu verlassen, werde harpuniert. Ein Exodus finde indes nicht statt. Abhauen täten ja nur die Risikobereiten, die Könner, die Gebildeten - die es in Island naturgemäß nicht gebe. Autobahnkreuze gebe es keine, und falls doch, so seien sie blockiert. Die schon aus purer Prinzipienreiterei verlotterten und verfallenen Straßen führten durch Landstriche universaler Ödnis.

          Wider die Naturgesetze

          Wer dem Naturerlebnis auf der verkarsteten und schimpflich erodierten Toteninsel nicht mehr standhalten könne, der warte wochenlang auf den Bus nach Reykjavík, einer trostlosen Anhäufung von Holzhütten und Verschlägen aus angeschwemmtem Favelamaterial. In den Straßen fließe der Tran, der Verkehr gehe nicht voran. Stillstand sei hier Zeichen des Fortschritts. Durch die lichtlosen, ranzig riechenden Gassen der Hauptstadt, so Laxness munter weiter, schleppten sich Bresthafte und Verzweifelte, Vorboten des Todes. Die lächerlich schmale Prachtstraße Laugavegur sei rücksichtslos mit Autos und kollabierenden Jugendlichen verstopft, die ihre jahrzehntelange Ausbildung zum Vollalkoholiker gerade erst angetreten hätten. In den vertragsbrüchig überteuerten Clubs und Diskotheken tanze die kaputtgestylte, körperdurchbohrte Jugend dem Untergang entgegen. Sie tanzten bis zum Ende, zum Herzschlag der schlechtesten Musik.

          Touristen würden getäuscht, ausgenommen, entrechtet. Sie seien nichts als Freiwild für eine bis in die feinsten administrativen Verästelungen schamlos vor sich hin korrumpierende Kaufmannschaft. Überhöhte Parkgebühren seien die Regel. In den Hinterhöfen stapelten sich Pfandflaschen, selbst der geringste Versuch einer Straßenreinigung werde verhindert, ja bestraft. Schattenwirtschaft überall.

          Existiert eine nationale Küche? Dorsche vor der Fisch-Bank

          Die Lieblingsbeschäftigung aller sei die mit sich selbst, Autoerotik gelte als Kunst. Weder kümmere man sich um, noch wisse man von Afrika, Augsburg, gar Amberg. Die sogenannten Politiker, versiert einzig in Eidbruch und Erbschleicherei, wüschen ihre Hände in Unschuld. Staatsziel sei der Totalbankrott. Die Banken seien pleite, die Renten unsicher, seriöse Einkommensquellen gälten als Hütchenspiel. Defraudanten und Hochstaplern errichte man Denkmäler. Die Kapitalströme würden um- und fehlgeleitet, abgezapft und trockengelegt. Das gestohlene Geld werde aus purer Lust verbrannt, die Asche auf dem Luftweg nach Europa geschickt.

          Die Kindeserziehung, so, ziemlich sicher, Laxness, überlasse man Bibelschülern und tollwütigen Tieren. Während die Jugend in den Vorgärten nach Heroin wühle, vergnügten sich die Eltern bei der Treibjagd auf Meeressäuger. Beim Walfang würden keine Gefangenen gemacht, er sei Staatsreligion. Je größer und rarer das über Stunden zu Tode gehetzte Tier, desto größer die Befriedigung der drogenabhängigen Jäger. Dies von brandschatzenden, rotbärtigen Barbaren und somit letztlich sogar Laxness’ Vorfahren gekaperte Eiland höre nicht auf, die Ethik und die Schöpfung zu verhöhnen. Überall auf der Welt liebe und schütze man den niedlichen Papageientaucher mit seinem bunten Schnabel. In oder auf Island indes schneide man ihn langsam und qualvoll in Scheiben, dazu gebe es Kartoffelbrei-Surrogat aus der Packung. Egal, wie niedlich und harmlos, alles werde rülpsend verspeist.

          Porno ohne Ton schauen

          Eine nationale Küche existiere gleichwohl nicht. Man schwelge in vergammeltem Haifisch, der bis zur finalen Reife hinter dem Haus vergraben werde. Trauten die Hunde sich wegen des bestialischen Gestanks nicht mehr ran, sei er fertig. In der Zwischenzeit vertilge man Hotdogs, „eina með öllu“ - einer mit allem drauf, immer feste drauf auf diesen phosphathaltigen Wurstprügel, immer feste alles druff, was die fallierte und auf den heißen Hund gekommene Fastfoodküche Islands zu bieten habe. In den Café, gar Restaurant sich nennenden Pinten und Spelunken hätten die Kakerlaken die Regentschaft übernommen. Die Preise seien astronomisch. Im Kaffibarinn wie im Rex vergeige die Digitaljugend ihre Lebensperspektive und schaue Porno ohne Ton. Wer nicht in die neueste Betrugskollektion von H&M, Etro oder Vögele gekleidet sei, werde eiskalt ignoriert, könne Ewigkeiten auf sein Milchschaumgetränk warten.

          Du mich auch!

          Zwar gebe es tatsächlich ein Goethe-Institut, doch sei es nicht dem Olympier Johann Wolfgang, sondern dessen inkommensurablem letztem Enkel Walter von Goethe gewidmet. Das, so erfahrungs-, ja erinnerungsgemäß Laxness, sage schon alles. Der traditionelle Morgengruß laute „Du mich auch!“

          Als unerlernbar gelte „da draußen“ des Isländers vermeintlich kehlige Sprache, sie sei zur Weitergabe von Informationen völlig ungeeignet, aber das sei gut so. Denn worüber sollten „wir Isländer“ uns schon unterhalten? Hier war nichts, sei nichts, werde nichts. Die Landvermesser lögen wie gedruckt. Im Gebälk des angeblich ältesten, noch aktiven Parlaments der Welt, dem Althing, drehe der Holzwurm sturheil seine Runden, naturgemäß regiere die brutalstmögliche Anti-Aufklärung. Die Parteien schürten Streitsucht und Neurosen, Steine feindeten, Fenster grinsten Verrat.

          Eine Nationalliteratur, das könne er, Laxness, bestätigen, sei gänzlich unbekannt, ja unerwünscht. Es existiere nur eine Handvoll heidnisch blutrünstiger Splatterschwänke, eingeritzt in gegerbte Kalbshäute oder die Schädeldecken erschlagener Anwohner. Diese seine nur noch dem Wahnsinn verpflichtete Insel habe brutto genau einen einzigen berühmten Schriftsteller hervorgebracht, nämlich diesen Edda oder wie, den Nachnamen habe er wohl vergessen. Dennoch floriere der Handel mit abgeschriebener Schundliteratur: Islands zahllose und seit je zahlungsunfähige Verlage verklappten das Geschreibsel gleich palettenweise nach Deutschland, wo es kritiklos goutiert und in heiterer Demenz weggelesen werde.

          So oder so ähnlich sinngemäß Laxness. Oder auch nicht. Wenn ich mich recht erinnere, schloss er mit der Bemerkung, dass es in oder auf Island ansonsten ganz schön sei.

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