https://www.faz.net/-gqz-6ub77

Buchmessengast Island : Die Unmöglichkeit einer Insel

  • -Aktualisiert am
Existiert eine nationale Küche? Dorsche vor der Fisch-Bank
Existiert eine nationale Küche? Dorsche vor der Fisch-Bank : Bild: Schmitt

Die Lieblingsbeschäftigung aller sei die mit sich selbst, Autoerotik gelte als Kunst. Weder kümmere man sich um, noch wisse man von Afrika, Augsburg, gar Amberg. Die sogenannten Politiker, versiert einzig in Eidbruch und Erbschleicherei, wüschen ihre Hände in Unschuld. Staatsziel sei der Totalbankrott. Die Banken seien pleite, die Renten unsicher, seriöse Einkommensquellen gälten als Hütchenspiel. Defraudanten und Hochstaplern errichte man Denkmäler. Die Kapitalströme würden um- und fehlgeleitet, abgezapft und trockengelegt. Das gestohlene Geld werde aus purer Lust verbrannt, die Asche auf dem Luftweg nach Europa geschickt.

Die Kindeserziehung, so, ziemlich sicher, Laxness, überlasse man Bibelschülern und tollwütigen Tieren. Während die Jugend in den Vorgärten nach Heroin wühle, vergnügten sich die Eltern bei der Treibjagd auf Meeressäuger. Beim Walfang würden keine Gefangenen gemacht, er sei Staatsreligion. Je größer und rarer das über Stunden zu Tode gehetzte Tier, desto größer die Befriedigung der drogenabhängigen Jäger. Dies von brandschatzenden, rotbärtigen Barbaren und somit letztlich sogar Laxness’ Vorfahren gekaperte Eiland höre nicht auf, die Ethik und die Schöpfung zu verhöhnen. Überall auf der Welt liebe und schütze man den niedlichen Papageientaucher mit seinem bunten Schnabel. In oder auf Island indes schneide man ihn langsam und qualvoll in Scheiben, dazu gebe es Kartoffelbrei-Surrogat aus der Packung. Egal, wie niedlich und harmlos, alles werde rülpsend verspeist.

Porno ohne Ton schauen

Eine nationale Küche existiere gleichwohl nicht. Man schwelge in vergammeltem Haifisch, der bis zur finalen Reife hinter dem Haus vergraben werde. Trauten die Hunde sich wegen des bestialischen Gestanks nicht mehr ran, sei er fertig. In der Zwischenzeit vertilge man Hotdogs, „eina með öllu“ - einer mit allem drauf, immer feste drauf auf diesen phosphathaltigen Wurstprügel, immer feste alles druff, was die fallierte und auf den heißen Hund gekommene Fastfoodküche Islands zu bieten habe. In den Café, gar Restaurant sich nennenden Pinten und Spelunken hätten die Kakerlaken die Regentschaft übernommen. Die Preise seien astronomisch. Im Kaffibarinn wie im Rex vergeige die Digitaljugend ihre Lebensperspektive und schaue Porno ohne Ton. Wer nicht in die neueste Betrugskollektion von H&M, Etro oder Vögele gekleidet sei, werde eiskalt ignoriert, könne Ewigkeiten auf sein Milchschaumgetränk warten.

Du mich auch!

Zwar gebe es tatsächlich ein Goethe-Institut, doch sei es nicht dem Olympier Johann Wolfgang, sondern dessen inkommensurablem letztem Enkel Walter von Goethe gewidmet. Das, so erfahrungs-, ja erinnerungsgemäß Laxness, sage schon alles. Der traditionelle Morgengruß laute „Du mich auch!“

Als unerlernbar gelte „da draußen“ des Isländers vermeintlich kehlige Sprache, sie sei zur Weitergabe von Informationen völlig ungeeignet, aber das sei gut so. Denn worüber sollten „wir Isländer“ uns schon unterhalten? Hier war nichts, sei nichts, werde nichts. Die Landvermesser lögen wie gedruckt. Im Gebälk des angeblich ältesten, noch aktiven Parlaments der Welt, dem Althing, drehe der Holzwurm sturheil seine Runden, naturgemäß regiere die brutalstmögliche Anti-Aufklärung. Die Parteien schürten Streitsucht und Neurosen, Steine feindeten, Fenster grinsten Verrat.

Eine Nationalliteratur, das könne er, Laxness, bestätigen, sei gänzlich unbekannt, ja unerwünscht. Es existiere nur eine Handvoll heidnisch blutrünstiger Splatterschwänke, eingeritzt in gegerbte Kalbshäute oder die Schädeldecken erschlagener Anwohner. Diese seine nur noch dem Wahnsinn verpflichtete Insel habe brutto genau einen einzigen berühmten Schriftsteller hervorgebracht, nämlich diesen Edda oder wie, den Nachnamen habe er wohl vergessen. Dennoch floriere der Handel mit abgeschriebener Schundliteratur: Islands zahllose und seit je zahlungsunfähige Verlage verklappten das Geschreibsel gleich palettenweise nach Deutschland, wo es kritiklos goutiert und in heiterer Demenz weggelesen werde.

So oder so ähnlich sinngemäß Laxness. Oder auch nicht. Wenn ich mich recht erinnere, schloss er mit der Bemerkung, dass es in oder auf Island ansonsten ganz schön sei.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die Bundeskanzlerin am Mittwoch vor der Pressekonferenz im Kanzleramt.

Verlängerter Teil-Lockdown : Wo ist der rote Faden?

Merkel und die Ministerpräsidenten stehen immer im Verdacht, selbst wenn sie noch so ausgewogen handeln, doch relativ wahllos zu entscheiden. Das mehrt die Unzufriedenheit – ist aber der goldene Mittelweg.

Zum Tod von Diego Maradona : In den Händen Gottes

Bei der WM 1986 wurde er in Argentinien zum Heiligen. Er war einer, der es nach ganz oben schaffte. Nun muss die Fußball-Welt sich von einem ihrer größten Spieler verabschieden: Im Alter von nur 60 Jahren ist Diego Armando Maradona gestorben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.