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Zum Auftakt der Buchmesse : Macht unsere Bücher schöner!

Fördern: Hessische Verlage sollen in diesem Jahr einen Messestand auf der Buchmesse Frankfurt bekommen. (Symbolbild) Bild: DPA

Es steht gut um die gesellschaftliche Rolle der Literatur, doch schlecht ums Buchgeschäft: Das Buch hat sich vom Leitmedium zum Liebhaberobjekt gewandelt.

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          Dies ist die große Woche der Literatur. Am Mittwoch öffnet die Frankfurter Buchmesse ihre Türen, am Donnerstag wird der Literaturnobelpreis bekanntgegeben, am Sonntag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, und gestern Abend wurde bereits der Gewinner des Deutschen Buchpreises gekürt. Jedes dieser Ereignisse kann sich breiter Aufmerksamkeit gewiss sein. Es steht gut um die gesellschaftliche Rolle der Literatur.

          Doch ums Buchgeschäft steht es schlecht. Die Verlage klagen über die Unberechenbarkeit der Kundschaft, die klassischen Buchhändler klagen über die immer erfolgreichere Konkurrenz im Internet. Schon wird ein Viertel aller Buchkäufe in Deutschland über den Online-Händler Amazon abgewickelt, der dank Gratislieferung die flächendeckende Versorgung mit Literatur, für die Deutschland dank seiner Buchhandelskultur berühmt war, nun auf andere Weise garantiert: Die Läden sterben, aber die Post kommt bis in die entferntesten Hütten.

          Dennoch haben die Verlage im ersten Halbjahr 2012 an Umsatz eingebüßt, und deshalb ist die Frankfurter Buchmesse diesmal ein besonders wichtiger Termin. Gelingt der Umschwung, oder wird sich das Schreckensszenario, das in diesem Jahr mit der Schließung zahlreicher, nun auch großer und vor allem traditioneller Buchhandlungen Realität wurde, weiter verfestigen? Doch gerade die Buchmesse als weltweit größte Veranstaltung dieser Branche verschließt sich immer mehr dem Buch.

          Wir verlieren das Buch als Objekt - aber ist das ein Verlust?

          Dabei haben wir es in Deutschland noch vergleichsweise gut: Die im internationalen Maßstab unvergleichlich dichte Handels- und Verlagsstruktur und vor allem die Buchpreisbindung begünstigen das Geschäft mit Literatur in einem Maße wie in keinem anderen Land. Die Frankfurter Buchmesse aber versteht sich als internationaler Akteur, sie ist keine Leistungsschau des deutschen Verlagswesens allein, auch wenn man das angesichts der dominanten Rolle deutschsprachiger Bücher in den Messehallen annehmen könnte. Von den mehr als siebentausend Ausstellern kommt mehr als die Hälfte aus dem Ausland und damit aus buchgeschäftlich weitaus schwerer gebeutelten Ländern. Dort sucht man verzweifelt nach neuen Wegen, Literatur an den Mann und vor allem an die - als Leserin weitaus eifrigere - Frau zu bringen.

          Immer wichtiger wird dabei die konkrete Distributionsfrage. Die Antwort darauf scheint seit einigen Jahren klar: das E-Book. Dateien überwinden alle Distanzen. Das leidige Thema, das im Fachjargon „Interoperabilität“ heißt (und die technische Angleichung der verschiedenen elektronischen Lesegeräte meint, damit die Verlage ihre E-Books nicht in unterschiedlichen Versionen anbieten müssen), steht jetzt vor einer befriedigenden Lösung, und prompt bietet Amazon sein Kindle-Lesegerät in diesem Monat erstmals in ganz Europa an.

          Doch was verlieren wir dabei? Das Buch als Objekt. Das ist nicht immer ein Verlust - man denke nur an die kiloschweren Ausstellungskataloge. Deren Todesglöckchen läutet schon: Die Museen werden alsbald ihre aufwendigen Publikationen als Dateien verkaufen; man spart Gewicht, und Farbintensität wie Leuchtkraft auf den modernen Tablet-Bildschirmen sind so gut, wie man es seit seligen Diapositiv-Zeiten nicht mehr gesehen hat.

          Aber auch auf dem Feld der klassischen Literatur - Belletristik und Sachbücher - wird das Buch Bestand haben, wenn sich die Verlage wieder darauf besinnen, was Ausstattung, Haptik, Verarbeitung bedeuten. Ja, das Buch ist ein Liebhaberobjekt. Und zwar eines, bei dem man nicht so einfach fremdgehen kann; es sei denn, man vergibt alle handwerklichen Vorteile und sieht nur noch den Text. Das ist bei vielen druckkostenbezuschussten Dissertationen der Fall, aber wer will solche Bücher schon lesen? Kurt Tucholsky würde heute nicht mehr fordern: „Macht unsere Bücher billiger!“, sondern: „Macht unsere Bücher schöner!“

          Doch die Frankfurter Buchmesse, so sagen es deren Mitarbeiter ganz offen, sollte eigentlich längst Inhaltsmesse heißen (oder gleich „Content-Messe“, heutzutage muss es ja Englisch sein). Das Buch hat als Leitmedium ausgedient, wenn es um Gewinnkalkulation geht. Deshalb franst die Buchmesse immer weiter aus, hat ein Segment namens „StoryDrive“ entwickelt, das sich „cross- und transmedialem Erzählen“ widmen soll, und sieht in Film und Computerspielen die Geldgaranten von morgen. Für das Buch selbst bleibt nur noch die Rolle eines kommerziellen Ergänzungsspielers.

          Die besucherstärkste Einzelveranstaltung der Buchmesse ist denn auch schon seit Jahren das Finale der Deutschen Cosplay-Meisterschaft: ein Verkleidungswettbewerb, der seine Motive Filmen, Comics und Spielen entlehnt. Daraus hat die Messe gelernt: In diesem Jahr setzt man zu Ehren des Gastlands Neuseeland noch einen speziellen Hobbit-Cosplay obendrauf. Die ruhmreiche Buchmesse in den Fußstapfen von Tolkiens Zwergen - immerhin ein letzter Rest von Buchbezug in all dem kreuz-und-quer-medialen Erzählen, das die Rettung bringen soll.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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