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Zu Gast bei Comandante Joppich : Bücher sind doch kein Klopapier!

  • -Aktualisiert am

Der Gott des Gemetzels: Jeden Morgen kommen die Verkaufszahlen. Danach folgt Revolutionsliedersingen Bild: Wonge Bergmann

Reinhold Joppich ist Vertriebsleiter, Revolutionär und Dolce-Vitalist, für jeden Partisanenkampf zu haben. Einer, wie sie heute nicht mehr wachsen. Ein reizender Saurier.

          Verlagsmitarbeiter lassen sich prima als Büropflanzen vorstellen: Jede Menge Ficusse haben wir da, viele Grünlinien, manchen Drachenbaum, die ein oder andere Zimmerlilie in Hydrokultur. Sucht man nach dem Äquivalent für Reinhold Joppich, den - man darf sagen: legendären - Vertriebsleiter von Kiepenheuer & Witsch, dann kommt wohl nur ein Urwald in Frage, der die Decke des Zimmers wegsprengt, ein Urwald mit allem Drum und Dran: Affen, Luftwurzeln, Hulahula-Tänzerinnen. Und dann Tarzan selbst, der locker von Liane zu Liane schwingt.

          Man hat Joppichs Büro noch nicht betreten, da fliegen einem schon die Anekdoten um die Ohren: Ob man das Che-Poster an der Wand bemerkt habe? Auch die Ähnlichkeit? Einigen Buchhandels-Azubis habe er einmal erzählt, der Comandante sei sein Onkel - irgendeine irre Geschichte mit viel CIA darin -, „und die haben es geglaubt!“. Überhaupt die jungen Leute heute: „Hinterfragen nichts mehr.“ Er unterrichte ja auch und frage dabei stets: „Glauben Sie mir das eigentlich alles, was ich hier erzähle?“ Aber alle starrten ihn dann nur an.

          Verschnarchtheit ist sein Feind

          Wer Joppichs Familienverhältnisse kennt, und er macht da kein Geheimnis draus, dem fällt es aber zumindest leicht, das mit Che auch noch zu glauben. Eine erwachsene Tochter tauchte plötzlich 1997 auf (Mutter Französin, aufgewachsen in Italien, in Dubai lernt sie gerade Deutsch). Da waren es dann fünf Kinder von fünf Frauen. Wer weiß, was noch kommt. So viel zum Hulahula im Dschungel.

          Joppichs Lieblingsfeind heißt Amazon, auch wenn Kiepenheuer & Witsch mit dem Giganten zehn Prozent seines Umsatzes macht. Von hier stammten aber auch die fatalen Attacken gegen die Buchpreisbindung. Jammern ist keine Option für Joppich: Man muss kämpfen! Neuerdings hat er sich auch auf den „verschnarchten“ Börsenverein des deutschen Buchhandels eingeschossen. Diese „langweiligen Beamtentrottel“ beschäftigten sich ewig lange mit einem neuen Logo, seien aber „nicht in der Lage, einmal eine gescheite Kampagne für den Buchhandel zu starten“.

          Rammdösigkeit als Problem des Handels

          Der nämlich müsse sich keineswegs verstecken vor dem angeblich so schnellen Amazon, wo Bücher mit demselben Engagement verkauft würden wie Klopapier und Butter. Von Vea Kaisers Roman „Blasmusikpop“ zum Beispiel habe Amazon jüngst siebenhundert Exemplare geordert, die waren schnell weg. „Und was schreiben die auf ihre Seite? ,Zurzeit nicht lieferbar, erst wieder in zwei Wochen.‘“ Erstunken und erlogen sei der damit erweckte Eindruck, das Buch sei vergriffen. Der Buchhandel dagegen - ah, hier ist der Link - beschaffe es, wenn nicht vorrätig, bis zum nächsten Tag: „Wer ist jetzt schneller?“

          Bis hierher hat Joppich noch nicht einmal Luft geholt - und einen Gedanken schafft er noch, bevor er sich diese ärgerliche Pause gönnt: Was tatsächlich den Untergang des Buchhandels herbeiführen könnte, das sei seine eigene Rammdösigkeit: Viele Buchhändler bekämen von den Diskussionen in den Feuilletons überhaupt nichts mit, auch wenn es Ausnahmen gebe wie die prächtige Osiander-Gruppe. Ein Beispiel nur: Als die große Schlacht um Christian Kracht tobte, hätten bei einer Vertreterbörse in Bad Salzuflen - da flattert der kölsche Bart, so abschätzig, wie Joppich den Stadtnamen ausspricht - von fünfundzwanzig Buchhändlern ganze zwei von der Debatte überhaupt gehört: „Also, Freunde der Nacht, wenn ihr so etwas nicht einmal mitbekommt, dann frage ich mich, warum ihr eigentlich Buchhändler seid! Da reg ich mich natürlich drüber auf!“ Luftholen.

          Von Duisburg über Freiburg nach Rom

          Sofort setzt die angenehm sonore Stimme wieder ein, mit der Joppich schon mehr als sechshundert italienische Leseabende in Buchhandlungen bestritten und mehrere CDs besprochen hat, und jetzt singt diese Stimme das „Venceremos“ der alten, intelligenten, politisch engagierten Buchbranche, und zwar so mitreißend, dass man es glauben möchte. Ganz falsch ist das mit Che jedenfalls nicht: Da sitzt ein Partisan, ein italienisch veredelter Marxist-Leninist.

          Lesesüchtig sei er schon als Kind gewesen, erzählt er. In seiner Heimatstadt Duisburg hatte er eine Ausbildung zum Sortimentsbuchhändler machen wollen in der Buchhandlung Atlantis, geführt von dem bewunderten kommunistischen Kurt Selbiger: „Aber der alte Bock hat nur Frauen eingestellt, der war immer scharf auf seine Buchhändlerinnen.“ So ging Joppich zum katholischen Herder-Verlag und wurde Verlagsbuchhändler, kabbelte sich als Revoluzzer ständig mit der Firmenleitung und ging Ende der Siebziger nach Rom, um in der Libreria Herder zu arbeiten.

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