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Interview mit dem Designer : Was hält das Blaue Sofa alles aus?

  • -Aktualisiert am

Wulf Schneider auf dem von ihm entworfenen Blauen Sofa Bild: Picture-Alliance

Der Designer Wulf Schneider hat das Möbelstück erfunden, das als Blaues Sofa berühmt wurde. Er freut sich über jeden Prominenten, der zur Buchmesse darauf sitzt. Nur eine Sache macht ihm schwer zu schaffen.

          3 Min.

          Herr Schneider, Sie haben 1994 das Blaue Sofa entworfen, also das Möbelstück. Wie kamen Sie darauf?

          Bei mir ist es grundsätzlich so: Ich habe eine Idee, und dann überlege ich, an welche Firma ich damit herantrete. Ich wollte damals ein Möbelprogramm entwerfen, dessen Teile, anders als es damals üblich war, nicht riesig groß sein sollten. Eher kompakt.

          Was meinen Sie mit Möbelprogramm?

          Ein System. Es funktioniert nach dem Baukastenprinzip. Das Blaue Sofa ist nicht als Einzelstück geplant gewesen, sondern als eine Variante von vielen: Einsitzer, Zweisitzer, Sechssitzer um die Ecke. Und dabei war mein Ansatz, das ungewöhnlich zu gestalten. Zum Beispiel mit Aluminiumbügeln, die die Polster halten. Das war damals sehr progressiv – und ist es bis heute.

          Ist das Sofa denn dabei auch bequem?

          Ja! Das ist raffiniert gemacht. Und zwar so, dass die Polsterung im vorderen Sitzbereich härter ist und im hinteren weicher. Dadurch ist diese Fläche, die so gerade aussieht, im Sitzkomfort eben nicht gerade, sondern gemütlich und ergonomisch richtig.

          Und was für Menschen sollten da drauf sitzen? An Schriftsteller und Journalisten haben Sie ja damals wohl noch nicht gedacht.

          Ich stellte mir designinteressierte Leute vor, die sich das in ihr Wohnzimmer stellen und schätzen, dass sie das so kombinieren können, wie sie wollen. Aber später zeigte sich, dass das Möbel auch anderswo einsetzbar war. Es wurde ein Medienstar.

          Bei der Buchmesse.

          Auch vorher schon.

          Ach so?

          Es wurde in der Sat-1-Sportsendung „ran“ eingesetzt.

          Als Blaues Sofa?

          Nein, dort waren es Sessel, mit grauem Leder bezogen. Da saßen Sportler im Studio, wenn sie interviewt wurden.

          Sie dachten sich das Sofa also nicht zwingend in Blau?

          Nein! Das war eine von vielen Varianten, die der Hersteller COR dann anbot. Ausgewählt wurde diese Version – Dreisitzer, Armlehnen, blauer Bezug – von den Medienleuten, die das Sofa ins Fernsehen brachten. Ich fand das auch gut, wie’s aussah. Und wie es genannt wurde: das Kultmöbel, die Ruhmesrampe, das berühmteste literarische Sitzmöbel. Das habe ich alles mit großer Freude verfolgt. Doch jetzt kommt das große Aber.

          Oha.

          Da, wo der Einsatzbereich erweitert wurde, ging es schief. So wie etwa am 19. November 2019 in katastrophaler Weise. In einer eigentlich tollen Sendung: „Das Blaue Sofa. Bauen für die Kunst“. Das war also jenseits der Buchmesse, das Format existiert ja auch unabhängig davon. Da sah man, dass das Blaue Sofa in seine Teile zerlegt worden war. Weil aber mehr Gäste da waren als Teile, haben sie Möbel dazugestellt. Irgendwelche blauen Sessel, die aber gar nicht zu dem Sofa passten. Das ist, als wenn Sie einen Oldtimer nehmen, zum Beispiel einen Jaguar E-Type, und an den die Kotflügel von einem Opel schrauben.

          Wie stehen Sie zu den verschiedenen Tischmodellen, die schon mit dem Blauen Sofa kombiniert wurden?

          Das ist auch ein Problem! Der Eileen-Gray-Tisch, der da normalerweise bei der Buchmesse steht, ist ideal. Stahlrohr, Glas, schlicht, elegant, ebenfalls ein Klassiker. Dann kam aber jemand auf die Idee, einen anderen Tisch vor das Sofa zu stellen, einen großen Glastisch oder auch einen klobigen weißen.

          Und aktuell? Wir beide haben ja eben mal reingeschaut in den Live-Stream vom Blauen Sofa. Sah für mich ganz gut aus.

          Ja, einwandfrei. Das versöhnt mich auch schon fast wieder mit der ganzen Sache. Sie haben den Dreisitzer mit einem Element aus dem System zum Viersitzer umgebaut, vielleicht wegen Corona. Man sitzt mit mehr Abstand als sonst. Der Tisch stimmt diesmal auch. Ein Lob an die Macher!

          Was denken Sie über die Kombination Ihres Sofas mit Schriftstellern? Haben Sie welche, die Sie da besonders gern oder ungern sitzen sehen, aus ästhetischen oder anderen Gründen?

          Nein. Ich freue mich darüber, wer schon alles da saß – bis hin zum Günter Grass. Alles super Leute.

          Aber nicht unbedingt nur Klassiker. Dieses Jahr zum Beispiel Campino, Lars Eidinger, Wladimir Klitschko und Richard David Precht.

          Ja, egal. Das sind alles im weitesten Sinne Kulturschaffende. Das hält das Sofa aus.

          Was lesen Sie privat so?

          Ich bin leider kein sehr intensiver Leser von Belletristik. Meist lese ich Fachliteratur. Zurzeit arbeite ich an der dritten Auflage meines eigenen Buches.

          Sitzen Sie dabei auch auf einem Blauen Sofa?

          Nein, auf einem anderen, das ich entworfen habe: ein Achtsitzer, der im Winkel steht. Da liege ich auch manchmal und träume davon, irgendwann auch mal auf dem Blauen Sofa im Fernsehen zu sitzen.

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