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Frankfurter Buchmesse beginnt : Alles so schön übersichtlich

Mehr Kameras als Saalpublikum: Auf der ARD-Buchmessenbühne in der Frankfurter Festhalle entsteht das Livestream-Programm der Buchmesse. Bild: Frank Röth

Die große Leere und der Versuch, sie zu füllen: Am ersten Tag der Buchmesse verteilen sich in der Festhalle 12 Zuschauer auf knapp 100 Stühle – aber es wird tapfer gegen die Pandemie angeredet.

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          Kein Mensch in der U-Bahn an der Festhalle. Oder doch. Da: Ein Mann mit schwarzem Bart, dem einen halben Waggon weiter hinten müde das Kinn auf die Brust gesunken ist. Keiner steigt aus. Leer auch die Unterführung unter dem Anlagenring, die von der Station hinüber zu den Rolltreppen nach oben führt, direkt vor den City-Eingang des Messegeländes. Hier streben sonst raschen Schrittes Buchmessenbesucher in die Hallen. Stattdessen fegt ein einsamer Arbeiter den Fußboden. Ein Gerüst und eine Leiter zeugen von der Reparatur einer Deckenlampe.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Oben vor dem Eingang ein herrenloser E-Scooter, ein paar Schritte weiter zwei Tauben, die seelenruhig auf dem grauen Bodenbelag herumpicken. Am Morgen eines normalen Buchmessen-Mittwochs hätten die Vögel keine Chance. Sie würden weggefegt von den Verlegern, Agenten, Autoren, Buchhändlern und Berichterstattern, die zu ihren Terminen in die Hallen eilen. Ehe sich vor der sorgfältigen Taschenkontrolle, eingeführt in den Terrorismusjahren, dann doch alles wieder staut. Aber sogar hier heißt es in diesem Jahr, in dem auf dem Messegelände nichts mehr normal ist: freie Bahn voraus. Wenn ein einziger Besucher vorbeikommt, sind die vier Kontrolleure schnell fertig mit ihm.

          Auf der ARD-Buchmessenbühne in der Festhalle spricht Ijoma Mangold über sein Buch „Der innere Stammtisch“, Reichsbürger, Debattenzank und das Beklagen der Ressentiments des Gegners, ohne die eigenen zu sehen. Zwölf Zuhörer verteilen sich vor ihm über knapp 100 Stühle mit kleinen weißen Beistelltischen. Vor der Bühne bewegen sich drei Kameramänner und ein Kabelträger hin und her.

          Der technische Aufwand ist groß

          Wer dem wohl zusieht? Das Büro eines amerikanischen Konzernverlags in New York? Dort interessiert man sich höchstens für das digitale Fachprogramm und die Rechteplattform der Messe im Netz. Eine deutsche Buchhändlerin auf dem platten Land? Jetzt, wo es keine Bücherschau gibt, ist sie wohl eher bei der Arbeit. Eine begeisterte Leserin, die abends Literatursendungen im Fernsehen verfolgt? Dann müsste sie sich auch schon mit dem Fernsehen im Internet angefreundet haben. So etwas soll es geben. Aber die Zahl der Zuschauer ist gewiss eher klein.

          Sonst schieben sich hier die Menschenmassen Richtung Eingang: Rolltreppen an der U-Bahn-Station Festhalle/Messe. Bilderstrecke
          Frankfurter Buchmesse 2020 : Wenn es in den Hallen hallt

          Der technische Aufwand hingegen ist groß, und die jeweils eine halbe Stunde langen Veranstaltungen bieten viel. Denis Scheck hält nichts von Julia Engelmanns neuem Buch: „Das ist Lyrik von der intellektuellen Schärfe eines Stampfkartoffelinstruments.“ Glücklicher ist er vor dem Logo seiner Sendung „Druckfrisch“ über den Nobelpreis für Louise Glück. Er erinnert an Joseph Brodskys Bemerkung, Lyrik sei die „höchste Form der menschlichen Rede“, und preist „Alles andre: ungewiss“, den bei Schöffling in Frankfurt von Michael Lentz herausgegebenen Band mit Gedichten des im Februar gestorbenen Mainzers Ror Wolf: „Eine ganz wunderbare Auswahl.“

          Wenig später stellt die Filmemacherin Julia Finkernagel ihr Buch „Immer wieder ostwärts“ vor, das sie bei Knesebeck herausgebracht hat: „In Litauen muss man am Zebrastreifen vorsichtig sein.“ Und in Lettland? „Da laufen sehr viele Frauen auf sehr hohen Stöckelschuhen herum und tun das sehr geübt.“ Aber wozu? Weil es dort mehr Frauen als Männer gibt, die sich auf diese Weise mühsam einen Partner angeln. So haben es Finkernagel zumindest die Lettinnen erzählt, die sie danach gefragt hat. Das ist dann schon von der exquisiten Zufälligkeit der Einsicht und dem gepflegten Irrsinn einer sehr bunten Welt, die sich beim Schlendern über einen Messetag auch in normalen Jahren auftut.

          In diesem Herbst muss die Bühne unter der Kuppel der Festhalle für all die Stände der Zeitungen, Sender und Verlage einstehen, die das Messepublikum in den Hallen 3.0, 3.1. und 4.1 sonst gemeinsam beschallen und unterhalten. Jetzt fehlt das Publikum, das pandemiebedingt am Montag ausgesperrt wurde.

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          Seitwärts jedoch steht noch immer der Bücherstand, der für die Besucher gedacht war. Pfeile markieren die Laufrichtung, „Zur Kasse“, heißt es in Weiß auf rotem Bodenbelag. Aber die Kasse ist abgebaut. Nur eine Plexiglasscheibe zeugt noch vom Geschäft, das hier gemacht werden sollte. Ob das, was die Buchmesse den Umständen zum Trotz auf die Beine gestellt hat, etwas bringt, muss sich zeigen, wenn der Börsenverein in den nächsten Wochen mit Verlegern und Buchhändlern die nächste Messe bespricht.

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