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Olaf B. Rader im Gespräch : „Am liebsten für die Ewigkeit“

  • Aktualisiert am

Schreiben mit Schmackes: der Sachbuchautor Olaf B. Rader Bild: picture alliance / dpa

Olaf B. Rader ist Mitarbeiter der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Abteilung Monumenta Germaniae Historica) und schreibt spannende historische Sachbücher. Ist das eigentlich ein Spagat? Ein Gespräch.

          3 Min.

          Sachbücher mit Schmackes, gelehrt, aber griffig, dazu ein knackig bebildertes Cover wie bei Ihren „Großen Seeschlachten“ (zusammen mit Arne Karsten, Beck Verlag): Seit wann wird das denn in der Akademie geduldet?

          Was heißt geduldet? Theodor Mommsen hat 1902 für seine „Römische Geschichte“ den Nobelpreis für Literatur bekommen. Man wollte damit den „gegenwärtig größten lebenden Meister der historischen Darstellungskunst“ ehren, wie es in der Begründung hieß. Dass er an der Preußischen Akademie nicht nur Mitglied, sondern von 1874 bis 1895 auch Sekretar (sic!) der Historisch-Philologischen Klasse war, stellte nämlich keinen Widerspruch zu seiner ungemein plastischen Schreibe dar.

          Ja, damals. In den Akademien sitzen aber heute doch vor allem aussterbende Spezialisten ausgestorbener Spezialdisziplinen? Alte Herren, die anderen alten Herren Vorträge über die hethitische Hieroglyphenschrift halten, wie Wolfgang Frühwald schon vor einem Jahrzehnt gelästert hat.

          Alle, die zwei und zwei zusammenzählen können, wissen: ohne Quellen keine noch so marktgängige Darstellung, ohne Leute, die Hieroglyphen lesen können, nix von Kleopatra und Nofretete, Ramses oder Echnaton, so einfach ist das. Auch wer über den Ersten Weltkrieg gute Bücher schreiben will, wird seine Nase schon in Dokumentenpublikationen stecken müssen.

          Haben Sie denn zwei Seelen in der Brust? Eine abgeklärte MGH-Seele und eine draufgängerische? Halten Sie die Stile sauber getrennt?

          Nö, eine Brust, eine Seele! Nur ist ja klar, dass man es mit griechischen, lateinischen oder alttürkischen Quellenbänden seltener auf Bestsellerlisten schafft als mit Wohlfühlbüchern. Doch wer tatsächlich etwas zu erzählen hat und es auch erzählt, kann nicht fehlgehen.

          Und für wen schreiben Sie lieber: für Leser oder für die Ewigkeit?

          Klarer Fall, wenn das überhaupt ein Gegensatz sein soll: Für die Ewigkeit natürlich. Geschmäcklerisch und leseranbiedernd wäre nicht mein Fall.

          Die letzte Ausgabe der Schriftenreihe „Gegenworte“ der BBAW hatte das Thema „Skandalisierung (in) der Wissenschaft“. Die Zweiteilung war deutlich: hier die gute alte Wissenschaft, dort die hysterische Wissenschaftsverwertung in skandalverliebten Medien oder einer empörungsgeneigten Gesellschaft. Wo sind in diesem Modell populäre Sachbücher zu verorten?

          Nochmal klarer Fall: In der Rubrik, die Sie „gute alte Wissenschaft“ nennen, müssen sie stehen, ansonsten könnte man damit getrost nasse Schuhe ausstopfen oder Tüten für Bonbons drehen. Die Kunst ist, dass der Leser nicht vordergründig merkt, auf welchen soliden Fundamenten ein gut lesbares Buch ruht. Beim Roman trifft das übrigens auch zu.

          Wird man in Akademiekreisen manchmal schief angesehen, wenn man erfolgreiche Sachbücher verfasst – sagen wir von den Koryphäen der „Inscriptiones Graecae“?

          Nein, in der Regel gilt eher: „Sieh mal an, was man aus unseren Dingen so alles machen kann“. Wussten Sie zum Beispiel, dass man im klassischen Athen die Verantwortung und damit auch die Kosten für die jeweiligen Trieren, mit denen diese ihr Seereich errichteten und die Perser schlugen, per Los an die einzelnen Bürger übertrug? Ich auch nicht, bis vor kurzem. Aber das habe ich von meinen Kollegen bei den „Inscriptiones Graecae“ gelernt, weil sie die Inschriften knacken konnten, die das überliefern. Ein wohlhabender Steinmetz schlug also nicht nur schöne Statuen in Marmor, sondern musste sich auch um die vergammelten Planken „seiner“ Triere kümmern und neue kaufen. Ein erstaunlicher Befund, oder? Stellen Sie sich vor, wir beide wären für die Fregatte „Köln“ der Bundesmarine verantwortlich.

          Haben Wissenschaftsakademien in der heutigen Form Ihrer Meinung nach eine Zukunft?

          Ja, natürlich. Überall dort, wo jenseits von kurzfristigen Förderungen geforscht werden soll, treten die Akademien ein. Im Übrigen ist ja keines der Projekte „infinit“, wie Sie es nannten, sondern auch sie werden enden. Nur nicht, bevor es richtig losgegangen ist. Und wenn man das noch ein wenig mehr als üblich auch in den Zeitungen lesen könnte, wäre das Staunen oder Mokieren nicht mehr ganz so groß.

          Die Schriftenreihen und Editionen haben aber mit dem Buchmarkt nichts zu tun, sondern sind quasi hoch subventionierte Sonderdrucke. Braucht man diese Form der Speicherung heute noch? Sollte das nicht (wo überhaupt nötig) elektronisch geschehen?

          Wieso mit dem Buchmarkt nichts zu tun? Unsere Verlage würden uns zu Recht ganz schön auf die Finger klopfen, wenn die Ergebnisse einfach „verschenkt“ würden. Auch diese Bücher werden natürlich vermarktet, nur eben in völlig anderen Dimensionen als ein Bestseller. Und: Leute, die solche Schriftenreihen verantworten, sind doch keine Trottel, auch wenn sie sich immer wieder so schön pappkameradig zusammenschießen lassen müssen. All die tollen Quellen gibt’s doch längst auch elektronisch. Nur, wenn ein gedrucktes Buch unbemerkt hinters Regal fällt, schlägt man es nach dreißig Jahren auf und kann es lesen. Die schöne E-Book-Welt überlebt ja nicht einmal einen Stromausfall, geschweige denn eine vernachlässigte Datenpflege, von, sagen wir, drei Jahren.

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