https://www.faz.net/-hmh-7ujm7

„Deutscher Meister“ von Stephanie Bart : Ein Roman wie ein Faustschlag

Bild: F.A.Z., Nina-Yvonne Michalk

Unglaublich, aber wahr: Stephanie Bart erzählt in „Deutscher Meister“ auf großartige Weise die Geschichte des Boxers Johann Rukelie Trollmann, der 1933 im nationalsozialistischen Deutschland um den Titel betrogen wurde.

          4 Min.

          Stephanie Bart hat sich aufrecht gehalten, seit sie vor vier Jahren wie vom Schlag getroffen wurde. Damals saß die Schriftstellerin im Internetcafé und stieß auf die Nachricht, dass in Berlin ein temporäres Denkmal für Johann Rukelie Trollmann errichtet worden war. Sie wusste nicht, wer das war, aber sie las von zwei Boxkämpfen, die Trollmann im Jahr 1933 absolviert hatte. Einen davon hatte er gewonnen, einen verloren. Das klingt banal, doch das, was Trollmann dabei widerfuhr, war außergewöhnlich: Die Früchte des Siegs wurden ihm gestohlen, und die Niederlage erlitt er unter Kampfbedingungen, die nur geschaffen worden waren, um ihn zu benachteiligen. Denn Johann Rukelie Trollmann war Sinto, und als „Zigeuner“ sollte er im nationalsozialistischen Reich nicht Deutscher Meister werden. Stephanie Bart wusste sofort: Das würde der Stoff für ihren nächsten Roman sein. Und er würde „Deutscher Meister“ heißen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So geschah es, aber das Geld für die Arbeit daran musste sich die 1965 geborene Autorin mit Rikschafahren in ihrer Wahlheimatstadt Berlin verdienen, bis sie ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds zugesprochen bekam. Wobei das Rikschafahren auch einen werkimmanenten Effekt hatte. Die Romanhandlung spielt sich an Orten ab, die sie mit ihrem Gefährt passiert haben könnte: in der Hasenheide und Kreuzberg, am Schiffbauerdamm, rund um die Gedächtniskirche, quer durch die ganze Hauptstadt.

          Zwölf Runden auf hundert Seiten

          „Deutscher Meister“ umfasst die Zeit vom 27. März bis zum 21. Juli 1933, und was währenddessen politisch geschieht - Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April, Bücherverbrennung am 10. Mai, Verbot aller Parteien außer der NSDAP am 1. Juli -, steht hier nur am Rande; das Buch wird zeitlich strukturiert durch vier Boxkämpfe. Doch die Perfidie im Boxsport jener Tage war nicht geringer als die der Politik. Davon erzählt Stephanie Bart.

          2009 war ihr erster Roman, „Goodbye Bismarck“, erschienen, die - gleichfalls wahre - Geschichte der Verhüllung des gigantischen Hamburger Bismarckdenkmals mit einer Helmut-Kohl-Maske anlässlich der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Gegenüber „Deutscher Meister“ war das ein Halbschwergewicht der deutschen Literatur, doch lässt einiges in diesem Debüt schon das kommende Buch vorausahnen: die Einarbeitung zeitgeschichtlicher Ereignisse, die lebendigen Dialoge, ein poetisches Pathos und vor allem die Fixierung auf ein für die Handlung zentrales Datum, das dann im Boxerroman der 9. Juni 1933 sein wird, der Tag des Titelkampfs von Trollmann. Die Schilderung dieser zwölf Runden in der Kreuzberger Bockbierbrauerei umfasst bei Bart hundert Seiten, mehr als ein Viertel des ganzen Buchs.

          Ein Instrument, das nie genannt wird

          Wir bekommen diese reichliche Dreiviertelstunde, in der Trollmann sich zum Deutschen Meister macht, ohne es zu werden, wie in Zeitlupe vorgeführt. Aber keineswegs gemächlich, sondern mit Schilderungen wie der folgenden: „Seine Beine waren wie Sprungfedern aus Stahl, er hielt die Kraft zurück für die Schläge, zackzack, angestoßen vom Boden, eine pfeilgerade Linke in die Mitte der Stirn, das Schmatzen des Leders auf Vaseline, die Hi-Hat des Faustkampfs, Witts Linke nach oben, eine gerade Rechte auf den freiwerdenden Unterkiefer, die kleine Trommel über dem Bass, der Bass, das Treten der Füße auf die Bretter, die Schritte auf Holz, gedämpft durch den Ringbelag, der Resonanzraum unter dem Ring, darüber die Schläge, die schnellen Hände, links-rechts, zwei Schläge wie einer, zackzack, Schwung mit dem Oberkörper, Schritt zur Seite, Witts Konter in die Luft, raus aus der Reichweite, auf der Stelle von einem Bein ins andere, wippend, pendelnd, Bishop: ,Ah, jetzt holt er seine Rechte raus!‘, sich aufrichtend, fußwechselnd, Plaschnikow: ,Och je, der arme Witt!‘“ Hier ist der Satz zu Ende, die Kampfschilderung aus der dritten Runde ist es noch lange nicht.

          Weitere Themen

          Die Spuren des Adlers

          Römische Villa in Yorkshire : Die Spuren des Adlers

          Nahe der nordenglischen Stadt Scarborough ist eine römische Villa ausgegraben worden. Zu ihr gehörte ein Rundbau, der den Archäologen Rätsel aufgibt. Wurde er als christliches Gebetshaus genutzt? Das wäre eine kleine Sensation.

          Kipper und Wipper

          Die Richter in der Pandemie : Kipper und Wipper

          Deutschland hat die höchste Richterdichte der Welt. Hiesige Gerichte wetteifern mit Regierungen und Verwaltungen um den Zuschnitt des Lebens in Corona-Zeiten. Doch eine klare Linie fehlt. Ein Gastbeitrag des früheren bayerischen Kultusministers Hans Maier.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.