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Buchmesse real : Viel Lärm im Nichts

  • -Aktualisiert am

Alles so schön leer hier: Die Autorin Julia Finkernagel stellt ihr Buch „Immer wieder ostwärts“ in der Frankfurter Festhalle vor. Bild: Frank Röth

Kontinuität schafft Hoffnung: Auf der Frankfurter Buchmesse werden aus bloßen Begebenheiten halbstarke Ereignisse ohne Rums und Rummel. Was dabei verloren geht, ist die Form.

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          Moment mal, halt!“ Der Sicherheitsmann nähert sich mit vorgestrecktem Kopf. „Wohin des Weges, kann ich helfen?“ Nun, man wolle in die Halle, sei Journalist, Berichterstattung, Sie wissen schon. „Darf ich dann die Einladung sehen, der Herr?“ Langsamer Griff in die Innentasche. Bloß nicht zu servil auftreten. Mit dem Zeigefinger auf dem Ausdruck sucht der Kontrolleur das Datum, findet es – und ist zufrieden. „Alles klar, ein bloßer Presseausweis reicht hier nämlich nicht.“ Volles Verständnis. Ist es unangemessen, jetzt den Daumen zu heben wie ein Fußballer, der sich für eine Flanke bedankt, die er nicht verwandelt hat? Ist es; lieber schnell eine Verlegenheitsfloskel in die Maske nuscheln: „Kein Problem, für die Sicherheit mehr Aufwand.“ – „Ja, ja, diese Einladung braucht man.“ – „Nee, ich sagte: mehr Aufwand.“ – „Genau, die braucht man.“ Wie bei Loriot.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Frankfurter Festhalle – Fassungsvermögen: mehr als dreizehntausend Menschen – soll das Programm all jener Stände abgebildet werden, die es dieses Jahr nicht gibt. Dafür hat die ARD eine Bühne errichtet, auf der Autoren aus ihren Büchern lesen und Fragen beantworten. Vor der Tür das groß plakatierte Motto „All together now“. Hinter der Tür zehn Zuschauer, die Harald Martenstein und Hallgrímur Helgason, Andreas Steinhöfel und Gabriele Krone-Schmalz dabei betrachten, wie sie viel Lärm im Nichts machen. Untertitel des Werbebanners, auf dem zwei Hände ein Herz formen: „Weil Literatur und Kultur wichtig sind“. Fortsetzung im Kopf des Skeptikers: „...streamen wir sie im Netz, so dass sich die Messe, im digitalen Erfolgsfall, ihres körperlich anwesenden Publikums endgültig entledigen und sich selbst abschaffen kann.“ Das Programm klingt kaum anders als sonst, ungewohnt sind indes die abgeschalteten Rolltreppen und widerhallenden Schritte versprengter Besucher. Taschenkontrolle? Fehlanzeige. Dafür haben die Handwerker ihr Gerüst unter einer Lampe gleich stehen lassen. Es versperrt niemandem den Weg.

          Auf der Optimismuswelle

          Der Vorteil dieser Messe ist, dass sie den Blick schärft und auf Kleinigkeiten lenkt, die sonst im Getöse untergegangen wären: Mimik und Gesten, Marotten und Eigenarten. So gewinnen die Protagonisten auf der Bühne unmittelbar an Profil. Den Auftakt in der ARD-Arena macht Ijoma Mangold. Obwohl er, Kinn auf der Brust, manchmal erscheint, als wolle er zum Powernap übergehen, zeigt er sich engagiert und diskussionsfreudig. Im Gespräch mit Ulrich Kühn und Verena Keßler, die ihren Roman „Die Gespenster von Demmin“ präsentiert, stellt der „Zeit“-Redakteur seine soziologisch ausgerichteten Antennen auf Empfang und bedauert, dass der Messe die „mitmenschliche Feuchtigkeit“ fehle. Trigger Warning nicht nötig, gemeint sind Aerosole, die man sich beim Partygespräch gegenseitig ins Gesicht schleudert. Dann und wann wird Mangold vom umherstreifenden Denis Scheck unterbrochen, genauer: von dessen Schuhsohlen, die bei jedem Bodenkontakt saftige Schmatz- und Quietschgeräusche von sich geben. Pfsch, pfsch, pfsch, wie im Sportunterricht. Mangold kriegt das nicht mit und demonstriert einen Dreischritt aus dem kulturbetrieblichen Lehrbuch: expressive Geste mit der Hand, Griff in die Frisur, dann These – gegenwärtig herrsche eine regelrechte „Empörungs- und Aufregungshysterie“.

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