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Nikolaus Stingl im Interview : „Faulkners Sätze waren ein richtiger Kraftakt“

  • -Aktualisiert am

Es lebt sich gut als Übersetzer: Nikolaus Stingl schätzt es besonders, sein eigener Herr zu sein. Bild: Privat

Das Ziel ist Perfektion: der Übersetzer Nikolaus Stingl über die Buchmesse, gelungene Romane und die speziellen Anforderungen seines Berufs.

          4 Min.

          Werden Sie dieses Jahr auf der Buchmesse sein?

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Nein. Jedes Jahr hinzufahren, wäre mit zu viel Aufwand verbunden. Für mich ist das immer ein ziemlicher Angang. Ich wohne weit im Norden und brauche einen Tag für die An- und einen Tag für die Rückreise.

          Welchen Zweck erfüllt die Messe für Sie?

          Kontaktpflege. Ich treffe dort Kollegen und Lektoren. Das muss ich aber nicht jedes Jahr machen, weil ich ohnehin mit diesen Leuten in Kontakt stehe. Aber es ist immer gut, sich zwischendurch zu sehen, damit sich das Ganze nicht so unpersönlich am Telefon abspielt.

          Sie sind ein gefragter Übersetzer. Welche Fremdsprachen beherrschen Sie?

          Die einzige Sprache, die ich so gut spreche, dass ich mich in der Lage sehe, sie ins Deutsche zu übertragen, ist Englisch. Ich lese allerdings Bücher in anderen Sprachen, zum Beispiel versuche ich mich gelegentlich an französischen Romanen, stelle dann aber fest, dass das doch sehr mühsam ist. Mein französischer Wortschatz ist einfach nicht groß genug.

          Wie halten Sie ihr Englisch auf dem neuesten Stand?

          Ich lese so viele englischsprachige wie deutsche Bücher. Als Übersetzer muss ich ja auch mein Deutsch in Schuss halten. Außerdem lese ich englische und amerikanische Zeitungen.

          Sind Sie beim Übersetzen schon einmal über einem Buch verzweifelt?

          Die Arbeit an manchen Büchern war schon sehr, sehr, sehr mühsam. Ich erinnere mich beispielsweise an die Übersetzung von William Faulkners „Absalom, Absalom!“. Faulkner schreibt unglaublich lange Perioden, die zum Teil über mehrere Seiten gehen. Diese Sätze in der Übersetzung so zu bauen, dass sie noch funktionieren, war ein richtiger Kraftakt. Es gab auch Bücher, mit denen ich Schwierigkeiten hatte, weil sie mir nicht so gelungen vorkamen. Und es ist sehr mühsam, aus etwas, das man für nicht gelungen hält, etwas Gelungeneres zu machen.

          Wann ist ein Buch gelungen?

          Das klingt jetzt wahrscheinlich banal, aber gelungen ist ein Buch, wenn Form und Inhalt eine Einheit bilden. Oder wenn ich etwas zu erkennen meine, was ich so bislang nicht gekannt habe. Etwas Originelles. Das ist dann auch eine Aufgabe für den Übersetzer, die sich wirklich lohnt und Spaß macht. Es ist eine Herausforderung, gelungene Literatur in der Übersetzung nachzubilden.

          Was ist Ihnen in diesem Zusammenhang wichtiger: Wortwörtlichkeit oder Duktus?

          Duktus. Mit Wortwörtlichkeit kommt man eigentlich nie besonders weit. Ich lese das Buch, das ich ins Deutsche bringen soll, einmal und versuche ein Gefühl dafür zu bekommen, was der Autor sprachlich machen wollte – und das gilt es bei der Übersetzung nachzuvollziehen. Da spielen Intuition und Analyse gleichermaßen eine wichtige Rolle. Ich kann eigentlich nicht anfangen zu arbeiten, solange die Frage nach der künstlerischen Intention des Autors für mich unbeantwortet ist.

          Stellt sich manchmal heraus, dass Sie bestimmte Fragen, die Sie an ein Buch gestellt haben, erst Jahre später wirklich beantworten können?

          Ja, in der Tat. Ich habe mal durch Zufall herausgekriegt, was ein bestimmtes seemännisches Kommando bedeutet, das Thomas Pynchon in „Mason & Dixon“ benutzt hat. Da gibt ein Kapitän kurz vorm Ablegen des Schiffs den Befehl: „Single up all lines!“ In der Übersetzung hatte ich mich damals darüber hinweggemogelt. Viele Jahre später las ich „Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim, und da kommt der Kapitän des U-Boots kurz vorm Ablegen an Bord und sagt: „Alle Leinen los bis auf Spring!“ Und das ist genau das Kommando aus dem Pynchon-Roman.

          Ärgert Sie so etwas?

          Ja, ich glaube zwar nicht, dass einem Leser von „Mason & Dixon“ aufgefallen ist, dass ich mich über diese Stelle hinweggemogelt habe, aber mich ärgert das schon. Eigentlich strebt man Perfektion an. Mich ärgern zum Beispiel auch Druckfehler, die stehengeblieben sind. Das sollte ja nicht sein, ist jedoch wohl nicht vermeidbar.

          Apropos „Mason & Dixon“. Das Buch hat mehr als tausend Seiten und ist in einer anachronistischen Sprache abgefasst. Wie lange sitzen Sie an so einer Übersetzung?

          Bei „Mason & Dixon“ weiß ich es ziemlich genau. Daran habe ich dreizehn Monate lang jeden Werktag gearbeitet. Wegen der Sprache des Romans, die nach achtzehntem Jahrhundert klingen soll, habe ich in dieser Zeit nur deutsche Bücher aus dieser Epoche gelesen. Ich wollte diesen Stil ohne viel nachzudenken und ohne große Mühe reproduzieren können. Das hatte schließlich Auswirkungen auf meine Alltagssprache. Mir wurde gesagt, dass ich merkwürdig rede.

          Haben Sie ein Beispiel?

          Mein Onkel und ich hatten damals eine politische Diskussion geführt, die immer hitziger wurde. Und dann ist mir der Satz rausgerutscht: „Onkel, Sie alterieren sich.“ Das habe ich tatsächlich gesagt, obwohl „Onkel, reg dich nicht so auf“ ja viel naheliegender gewesen wäre.

          Wie schnell sind Sie, wenn Sie Genre-Literatur wie etwa Science-Fiction übersetzen?

          Wenn man es, und das sage ich jetzt nicht wertend, mit einem konventionell erzählten Buch zu tun hat, welches keinen allzu großen Rechercheaufwand erfordert, ist man vergleichsweise schnell. Bei Neal Stephensons Buch „Amalthea“ etwa musste ich mich allerdings gründlich zu technischen Dingen informieren. Andernfalls hätte ich angefangen, Unsinn zu schreiben. Das ist ja sehr komplexe Science-Fiction.

          Sind Sie ein Fan von Genre-Literatur?

          Klar. Ich habe da überhaupt keinen Dünkel und lese sehr gerne Genre-Romane, solange sie gut gemacht sind. Ich finde zum Beispiel, dass Stephen King sein Handwerk hervorragend versteht. Da habe ich die größte Hochachtung. Oder nehmen wir Tom Franklin, dessen Krimi „Krumme Type, krumme Type“ ich übersetzt habe. Das ist, wie ich finde, große Literatur und geht über das bloße Genre hinaus: ein wirklich guter Südstaatenroman. Ich freue mich auch schon darauf, nächstes Jahr Franklins Kurzgeschichtenband zu übersetzen.

          Haben Sie früher anders übersetzt als heute?

          Ich hoffe mal, dass ich dazugelernt habe. Ich bin, als ich angefangen habe, unbefangener ans Werk gegangen. Heute arbeite ich skrupulöser und denke mehr nach, was vielleicht gar nicht immer gut ist. Ich habe vor einigen Monaten eine alte Übersetzung von mir in der Hand gehabt und gedacht: eigentlich gar nicht so schlecht. Aber mir sind dann eben doch fünfzig Sachen aufgefallen, die ich heute anders machen würde.

          Wie lebt sich’s als Übersetzer?

          Es lebt sich gut. Ich habe das Glück, eine erfreuliche Auftragslage zu haben. Und ich schätze es sehr, mein eigener Herr zu sein. Das war nicht immer so. In der ersten Zeit habe ich mich schon in einer prekären Situation befunden und die Leute beneidet, die von Montag, neun Uhr, bis Freitagnachmittag arbeiten. Mittlerweile sind solche Arbeitsverhältnisse aber auch prekär. Und meine Lage ist eigentlich immer weniger prekär. Ich bin zufrieden.

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