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Oleg Senzow auf der Buchmesse : Über das Schreiben im Gefängnis

Oleg Senzow in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Seine „schlechte Handschrift“ hat ihn gerettet: Auf der Frankfurter Buchmesse erzählt der ukrainische Regisseur Oleg Senzow über das Schreiben in russischer Haft und die Lehre aus seiner Gefängniszeit.

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          Dem erst vorigen Monat aus russischer Haft entlassenen Regisseur Oleg Senzow ist jede Selbstdarstellung sichtlich unangenehm. Die Fragen, die der Schriftsteller Andrej Kurkow, ein russischsprachiger Ukrainer wie er, über die fünf in russischen Gefängnissen zugebrachten Jahre an ihn richtet, beantwortet er mit leiser, eindringlicher Stimme und blickt aus tiefliegenden Augen wie aus großer Ferne über die Zuschauerreihen im Agora-Lesezelt. Das Gefängnis sei kein interessanter Ort, sagte Senzow, es gebe einem nichts, sondern nehme nur weg – aber er habe sich seine Würde nicht wegnehmen lassen. Zugleich betonte er, dass er nicht physisch misshandelt worden sei, doch der moralische Druck sei groß gewesen, seine Aufseher und Mitgefangene hätten ihn als Feind angesehen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Zelle habe er Hunderte Bücher gelesen, auch aus der Gefängnisbibliothek, bekannte Senzow; das tue dort übrigens jeder, auch wer sonst nie gelesen habe. Vor allem aber habe er fünfzehn Skizzenbücher vollgeschrieben. Dazu gehöre ein Folgeband seiner frühen Romankomödie „Kaufen Sie das Buch, es ist lustig!“, der in den Vereinigten Staaten spiele, in denen er nie gewesen sei. Umso leichter sei ihm das Schreiben gefallen, sagte Senzow, der anmerkte, viele glaubten, er habe ein strenges Naturell, dabei sei er eigentlich fröhlich. Daneben habe er Kurzgeschichten verfasst, in denen aber nicht er selbst, sondern nur seine Mithäftlinge vorkämen. Diese Porträts zeigten, was das Gefängnis mit einem macht. Außerdem habe er während seines Hungerstreiks ein Tagebuch geführt. Das habe ihm geholfen, durchzuhalten, sei aber auch riskant gewesen. Denn die Notizen enthielten Passagen, in denen seine Aufseher nicht gut wegkämen. Er sei ständig per Videokamera überwacht, jeden Tag durchsucht worden, und wenn jemand das Tagebuch bemerkt hätte, wären ihm wohl auch die anderen Aufzeichnungen abgenommen worden. Doch seine „schlechte Handschrift“ habe ihn gerettet.

          Übrigens habe die Gefängniserfahrung doch ein Gutes, man betrachte das eigene Leben aus der Distanz. Und merke, wie oft man sich mit Überflüssigem beschäftige statt mit Wichtigem wie der Familie. Das werde er künftig anders machen, versicherte Senzow. Vor allem aber werde er sich für jene 87 Ukrainer einsetzen, die weiterhin in russischen Haftanstalten schmachten, sowie für die mindestens 127 ukrainischen Armeeangehörigen, Aktivisten, aber auch Frauen und Jugendlichen in den Gefängnissen der besetzten „Volksrepubliken“. Dort gehe es noch viel schlimmer zu als in den russischen Haftanstalten.

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