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Umschlaggestaltung : Treppen gehen immer

Bild: F.A.Z.

Mann muss schon ganz genau hinschauen, um bei all den Treppen, Laternen, Frauenhänden auf den Umschlägen das gesuchte Buch nicht zu verwechseln. Regel eins im Cover-Club lautet: Plagiate haben noch keinem geschadet.

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          Iny Lorentz haben damit angefangen. Auf ihren historischen Schmökern finden sich nur die Hände von Frauen, und selbst wenn der Bildausschnitt weiter reicht, wird der Kopf spätestens am Hals abgeschnitten. Das ist nicht nett, aber es hatte mal einen gewissen Wiedererkennungswert. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein: In den Buchhandlungen sehen die Tische mit historischen Romanen aus wie Nagelstudios. Ein Großteil der über den Tisch gereckten Hände nestelt an Kleidung herum – man könnte meinen, die Frauen seien bis zur Erfindung des Reißverschlusses mit nichts anderem beschäftigt gewesen. Wenn sie doch mal von ihren Gewändern ablassen, ergreifen sie malerisch eine dahinwelkende Blüte.

          Die Schwemme nahezu identisch aussehender Cover lässt mehrere Schlüsse zu. Erstens: Die Verlage gehen davon aus, dass die Leserschaft sich nicht mit dem Entziffern des Autorennamens abgibt und einfach draufloskauft. Zweitens: Die Verleger historischer Romane wissen nicht, wie die Frauen damals aussahen, und möchten keinen Fehler riskieren. Womöglich hatten die Frauen drei Augen und vier Münder – aber die Hände, doch, da sind wir uns recht sicher, sahen aus wie die unseren. Drittens, und das erscheint am plausibelsten: Es gibt eine Datenbank für Coverfotos, die nur zwanzig Bilder umfasst. Dazu die Möglichkeit, die Motive mittels Photoshop ineinanderzumontieren. Hier ein Vogelschwarm, dort ein leerer Stuhl, dazu ein wehender Vorhang.

          Eine besondere Faszination üben die Straßenlaternen aus dieser Datenbank auf die Grafiker aus, am liebsten in Schwarzweiß, zumindest aber möglichst fahl. Damit verkauften sich schon Hans Fallada, Mario Vargas Llosa und Carlos Ruiz Zafón; jüngstes Beispiel ist der von J.K. Rowling unter Pseudonym veröffentlichte Roman „The Cuckoo’s Calling“. Wenn wir schon nicht ihren Namen auf das Buch drucken dürfen, wird sich der Verlag gedacht haben, nehmen wir eben unsere Geheimwaffe: die Straßenlaterne. Die funktioniert so gut, wir müssen das Buch vorher nicht mal lesen, schließlich kommt immer irgendwo eine Straße vor. Ha! Wieder ein paar Stunden Arbeit gespart.

          Das Gleiche gilt für Treppen, die zwar selten eine tragende Rolle in Romanen spielen, aber unbestreitbar in den meisten Gebäuden vorhanden sind. Deshalb sind sie derzeit besonders beliebt, und das nicht nur im romantischen Genre, wo auch zwischen den Umschlagdeckeln gerne ein Schema verfolgt wird. Nein, man kann mit so einer Treppe auch mal Ian McEwan zieren, wenn man eine ratlos wirkende Frau im roten Kleid hinaufstapfen lässt. Und selbst für einen Thriller taugt die Treppe. Schließlich gibt es in der Bilddatenbank noch gemächlich vor sich hin rinnendes Blut, das man mit wenigen Handgriffen draufmontieren kann. Ein abgetrennter Kopf wäre theoretisch auch gegangen. Schließlich sind von den Historien-Schinken noch einige über.

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