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Trends des Buchmarkts : Schnelldreher zum Verschenken

Weil niemand mehr Zeit zum Lesen hat, ist Flachware auf dem Vormarsch. Zum Beginn der Frankfurt Buchmesse ein Blick auf den sich wandelnden Markt der Sachbücher.

          Wenn an diesem Mittwoch die Frankfurter Buchmesse eröffnet, ist wieder viel von Inhalt die Rede. Unter dem neudeutschen Titel „Content“ wird inzwischen alles zum Inhalt umdefiniert, gleichgültig ob es sich um Pixi-Bücher, einen avantgardistischen Roman, ein Drehbuch, wissenschaftliche Monographien, Twitternachrichten oder um Kochrezepte handelt.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Das Buch ist in diesem Bauchladen nur eine von vielen möglichen Erscheinungsformen, der Rest ist digital – so klingt jedenfalls die entschlossene Ansage des Buchmessendirektors. Immerhin, der Ton ist zuletzt konzilianter geworden. Der holzverarbeitende Betrieb namens Verlag ist nicht mehr der Gegenspieler, den es zu überwinden gilt, er ist jetzt Teil der gemeinsamen Geschäftsreise der Buchbranche, die von der Digitalisierung ebenso betroffen ist wie alle anderen.

          Aber was soll man sich unter Inhalt im engeren Sinn vorstellen? Ist es das, was die Deutschen lesen und, wenn sie es denn lesen und nicht nur kaufen, immer noch ganz gern als gedrucktes Produkt zwischen zwei Buchdeckeln zu Hause haben? Werfen wir einen Blick auf jenes Instrument, das seit mehr als fünf Jahrzehnten darüber Auskunft gibt, wofür der Kunde bereit ist, Geld zu zahlen. Die „Spiegel“-Bestsellerliste, erstmals 1961 veröffentlicht, präsentierte zur Buchmesse jenes Jahres auf Platz eins Hans Graf von Lehndorffs „Ostpreußisches Tagebuch“; heute ist es immer noch lieferbar, ein Schicksal, das den wenigsten Büchern zuteil wird.

          Der Trend zum Leichtverdaulichen verfestigt sich

          Die Liste ist sicher nicht das Mittel für ultimative Trennschärfe. Doch offenbart ein Durchgang durch vergangene Jahrzehnte immer wieder Autoren von Rang – Sartre, Hammarskjöld, Habermas, Haffner, Hofstadter –, deren zeitgenössische Pendants sich heute in einem ungleich marktschreierischen Umfeld beweisen müssen. Zu diesem Schluss kommt, wer die Bestsellerliste als Ausdruck eines sich ständig wandelnden Leseverhaltens heranzieht.

          Man muss nicht so weit gehen wie Michael Jürgs, der in „Seichtgebiete“ einst nachzuweisen suchte, „warum wir hemmungslos verblöden“. Aber seit der Jahrtausendwende verfestigt sich der Trend zum Leichtverdaulichen, Esoterischen und Fernseh-Prominenten, und dies nicht nur, weil im Oktober 2000 Lance Armstrongs verfrühte Memoiren auf dem Spitzenplatz standen. Was immer geht, sind Ratgeber und Lebenshilfe. Je komplizierter die Gegenwart, desto größer die Sehnsucht nach dem Einfachen. Aber wem hat dann Werner Tiki Küstenmachers Millionenseller „Simplify your life“ jenseits des Autors und des Verlags tatsächlich geholfen? Und wie viele Bücher versprechen Hilfe bei der Glückssuche, bei der Altenpflege, bei der richtigen Medizin, bringen Tipps gegen die irre Arbeitswelt – zur Not mit einer erwanderten Abwesenheitserklärung im Stile Hape Kerkelings, der mit „Ich bin dann mal weg“ die wahre Sehnsucht der Nullerjahre auf den Punkt brachte.

          Zuneigung für überkonfessionelle Esoterik

          Alle Jahre wieder erscheinen Anleitungen zu Alltagsfluchten und Gelassenheit, Trostbüchlein zu Krankheitsschicksalen; die Kunst des Denkens und die Erkenntnisse der Gehirnforschung sind ebenso in den Hintergrund getreten wie die Warnrufe gegen Big Data. Neu ist die tiefe Zuneigung für überkonfessionelle Esoterik (Rhonda Byrne, Dalai Lama), sie löst die theologischen Schlachten der Vergangenheit (Küng gegen Ratzinger) ab, in der Disziplin Philosophie hat Richard David Precht mit niederschwelligeren Angeboten Rüdiger Safranski überholt, im Erbauungsschrifttum dominiert leichte Muse vom Schlag Margot Käßmanns und Peter Hahnes. Seit Thilo Sarrazin vor fünf Jahren die deutsche Selbstabschaffung heraufziehen sah, hagelt es Bücher über den Islam, Integration, Erziehung, Flüchtlinge. Der große Rest ist Kochbuch und Fitness, beides hatte Harald Schmidt einst auf den Titel-Punkt gebracht: „Fleischlos schwanger mit Pilates“.

          Die Buchindustrie spiegelt mit ebenso schnell auf den Markt geworfenen wie wieder vergessenen Büchern die mediale Gegenwart. Wo früher ein Historiker erst die Zusammenhänge zwischen dem IS und den Assassinen erklärt hätte und dann ein Reporter hingefahren wäre, schafft es heute nur noch das Buch des Reporters auf die Bestsellerliste. Ausnahme der letzten Jahre: Christopher Clarks „Die Schlafwandler“. Das Buch hatte jenseits seriöser Verschenkbarkeit zum Jahrestag für manche den Vorzug, dass es die deutsche Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs relativierte.

          Liegt es an den schrumpfenden Möglichkeiten der Buchbevorratung in den Wohnungen, dass nur noch sechs Prozent der Deutschen mehr als zweihundertfünfzig Bücher besitzen, also mehr als ein volles Billy-Regal? Eigentlich nehmen die Single-Haushalte ja zu, die Platz für Bücher haben müssten. Außerdem werden Bücher seit Jahren tendenziell billiger. Das Bücherlesen ist vermutlich also weniger eine Frage von Raum und Geld. Sondern eine der Zeit. Früher gab es weniger Medienkonkurrenz und mehr Muße für die Lektüre ernsthafter Bücher. Heute muss für viele auch das Lesen schneller gehen. Dafür bekommen sie dann oft Bücher, in die ihrerseits wenig Zeit investiert wurde. Bücher, die seriöse Inhalte bieten, sind hingegen immer Ergebnisse langjähriger Auseinandersetzung mit ihrem Thema. Sie haben darum nicht nur ihr Schicksal, sie haben auch ihren Preis.

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