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Friedenspreis für Carolin Emcke : Sie lassen hassen

Carolin Emcke bei ihrer Dankesrede in der Paulskirche Bild: dpa

Wie wir den Frieden wiedergewinnen, den die Demokratie zur Voraussetzung hat, das Gemeinwesen, das seine Angelegenheiten durch öffentlichen Streit regelt: Die Reporterin Carolin Emcke nimmt den Friedenspreis entgegen.

          Als Kriegsreporterin ist Carolin Emcke bekannt geworden. Als sie an diesem Sonntag in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, würdigte die Laudatorin Seyla Benhabib das 2004 erschienene Buch „Von den Kriegen“ als den deutschen Beitrag zu einer Gattung politischer Weltliteratur, die das Weltgeschehen beeinflusst hat. Mit Augenzeugenberichten aus völkermörderischen Kriegen lieferten Autoren wie Michael Ignatieff sowohl eine Rechtfertigung für den Gedanken, dass die Weltgemeinschaft an Schreckensorten einschreiten muss, als auch Material für die Kritik der sogenannten humanitären Interventionen. Benhabib, Philosophin in Yale, schrieb diesem Schrifttum eine explosive Wirkung zu: Es sprengt „die Unterscheidung zwischen Reportage und moralisch-politischem Kommentar“. Anschauung und Protokoll des Leids gewinnen Beweiswert. Das weltmoralisch Gebotene kommt ans Licht als das dort und jetzt Evidente. Und doch bedarf der Appell, der von solchen Schilderungen ausgeht, der Überprüfung durch die vergleichende Reflexion.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die philosophische Reporterin Carolin Emcke passt in die Reihe derjenigen Träger des Friedenspreises, bei denen Frieden den Weltfrieden meinte. Dazu gehört George Kennan, der Erfinder der Strategie der „Eindämmung“, der sein langes Leben nach dem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst in den Dienst der Eindämmung der Nebenfolgen der Abschreckungsdoktrin stellte. Carolin Emcke begann ihre Dankesrede mit einer Reminiszenz an die Verleihung an Kennan 1982, die erste, deren Zeugin sie war: als Fünfzehnjährige vor dem Fernseher im Elternhaus.

          Der Nationalismus ist zurückgekehrt

          Ihre Rede lief auf ein Bekenntnis zum Könnensbewusstsein hinaus, das es mit der Barbarei aufnehmen will: „Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.“ Hier war mit der Welt aber nicht die große weite Welt Kennans gemeint, sondern die überschaubare moralische Welt unserer heimischen Öffentlichkeit. Diese Themenwahl war selbst eine politische Entscheidung. Noch dringlicher als die Sorge um den Weltfrieden scheint Carolin Emcke die Wiedergewinnung des sozialen oder inneren Friedens, den die Demokratie zur Voraussetzung hat, das Gemeinwesen, das seine Angelegenheiten durch öffentlichen Streit regelt.

          Für Verdienste um Frieden in diesem Sinne wurde 2001 Jürgen Habermas geehrt, in dessen Seminaren Carolin Emcke die Betreuerin ihrer Doktorarbeit kennenlernte, Seyla Benhabib. Dass die Preisträgerin das Thema der Arbeit wieder aufgriff, Chancen und Grenzen der Rede von „kollektiven Identitäten“, während Jürgen Habermas in der ersten Reihe zuhörte, gab der Zeremonie den Anschein eines Frankfurter Schultreffens. Aber weniger provinziell hätte es unter den Augen des selig lächelnden Oberbürgermeisters Peter Feldmann nicht zugehen können. Im Kreis um Habermas wurde in Carolin Emckes Studienzeit die Frage erörtert, welchen Platz eine universalistische politische Theorie den partikularen Kollektiven einräumen kann, etwa Gemeinschaften der Herkunft oder der Konfession. Für diese Vermittlung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen ist der Ernstfall eingetreten: Der Nationalismus ist ins politische Leben der Bundesrepublik zurückgekehrt. Es gibt wieder eine politische Kraft, die nach außen den Primat der Differenz propagiert und im Innern alle Differenzen einebnen will.

          Die Rechte, die jedermann und jede Frau genießen

          Solche Ideen verbreiten sich nicht von selbst. Sie werden verbreitet: von Autoren, in denen die Preisträgerin die wahren Hintermänner der Anschläge auf Flüchtlingsheime sieht. „Sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen.“ Für „all die kleinen, gemeinen Begriffe und Bilder, mit denen stigmatisiert und entwertet wird“, fand Emcke das brillante Bild der „rassistischen Product-Placements“. Das Brisante dieser Passage der Rede: Die Lieferanten der Vorurteilsmuster sind nicht nur für Organe der Gegenöffentlichkeit tätig, sondern garantieren honorigen Mitgliedern des Börsenvereins hohe Auflagen.

          Die Friedenspreisträgerin mit Heinrich Riethmüller (l.), dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ihrer Lebensgefährtin Silvia Fehrmann, Bundespräsident Joachim Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt

          Doch platziert die Preisträgerin ihre Denkprodukte nicht selbst gemäß der Kunst der geheimen Verführer? Setzt sie nicht auf Suggestion, Einverständnis und Gefühl? In diesem Sinne ließ sich der eine oder andere Rezensent ihres neuen Buchs „Gegen den Hass“ vernehmen. Wenn sie von sich spricht, so auch jetzt wieder von ihren Erfahrungen als homosexuelle Frau, dann will aber der radikale Subjektivismus gerade die Probe auf die universalistische Triftigkeit ihrer Haltung machen: Man soll es ihr ins Gesicht sagen, wenn man meint, sie verlange für sich und ihresgleichen mehr als die Rechte, die jedermann und jede Frau genießen. Sie berichtet in eigener Sache und mutet uns zu, darin die allgemeine zu erkennen.

          An Evidenzargumenten scheiden sich die Geister. Leben wir im latenten Bürgerkrieg? Wer die Frage bejaht, wird Carolin Emcke zustimmen, wenn sie humanitäre Interventionen im Alltag fordert.

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