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Nur nicht erdrücken! : Wieso die Nichtleser unsere Hoffnung sind

Früh reckt sich, was ein Leser werden will: junger Interessent vor offenem Bücherschrank in Frankfurt Bild: Maria Klenner

Erst wenn die Nichtleser keine Bücher mehr kaufen, hat der Buchmarkt ein Problem. Das wusste schon der Semiotiker Umberto Eco, und der Analytiker Pierre Bayard hat dem Nichtgelesenhaben von Büchern ein belesenes Buch gewidmet.

          Fünftausend Bücher, mehr schafft man nicht in einem Menschenleben. Und selbst das ist hoch gerechnet. Allein schon, wenn man eine intensive Lesekarriere von sechs Jahrzehnten annimmt, in deren Verlauf also im Alter zwischen zwanzig und achtzig Jahren ein Buch pro Woche gelesen würde, käme man damit gerade einmal auf 3210 Bücher. Das Gewicht der ungelesenen Bücher ist dagegen erdrückend. Angesichts der Fülle des Stoffes – allein im deutschsprachigen Raum erscheinen Jahr für Jahr mehr als siebzigtausend Neuerscheinungen, dazu kommen die ausländischen Titel, die Klassiker und so weiter – fällt erst auf, wie beschämend klein der Anteil der gelesenen Bücher ist, ja bleiben muss im Vergleich zu den ungelesenen. Immer thront da diese Masse an Titeln, die man nicht verinnerlicht hat, die man endlich aufschlagen will, aber nicht dazu kommt, die man lesen muss, aber ein ums andere Mal wieder auf dem Schreibtisch verschiebt. Der gefühlte Leserückstand, er füllt ganze Bibliotheken der Imagination.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch schon Umberto Eco wusste ja, dass der Buchmarkt seit je nicht etwa von den Lesern, sondern von den Nichtlesern getragen wird. Sie sind es, die das Buchgeschäft am Laufen halten, weil so viel mehr Bücher gekauft werden als gelesen (werden können, siehe oben). Zu den Büchern, die man kauft, um sie zu lesen, gesellen sich also unzählige, die zunächst ins Bücherregal wandern, „für später“, die man vielleicht immer schon haben wollte oder die man verschenkt.

          Erst wenn die Nichtleser keine Bücher mehr kaufen, weil sie keinen Platz im Bücherregal mehr haben oder bei der nächsten Einladung als Präsent eine Serien-DVD mitbringen, dann erst hat der Buchmarkt ein Problem. Die Leser lesen. Sie haben immer gelesen, und sie werden es weiterhin tun, egal ob sie Bücher kaufen, leihen oder stehlen. Es sind die Nichtleser, um die es geht, zumindest für den Buchhandel.

          Vielleicht wurde ja deshalb vor ein paar Jahren ein Buch des französischen Literaturwissenschaftlers und Psychoanalytikers Pierre Bayard ganz unerwartet zum Bestseller, das auf die Scham zu sprechen kam, mit der die Kultur des Nichtlesens behaftet ist. In seiner polemischen Erkundung unter dem provokanten Titel „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“, die ihrerseits wiederum von beachtlichem Lektürepensum zeugt, will der Autor den Leser von seinem schlechten Gewissen entlasten. Bayard geht es dabei keinesfalls um eine Anleitung, anhand von Kurzfassungen etwa der Kanonliteratur Wege aufzuzeigen, wie man sich in Gesellschaft nicht blamiert. Vielmehr will er die Unterscheidung zwischen gelesenen und nicht gelesenen Büchern aufheben, da die Mechanismen des Vergessens dies seiner Ansicht nach ohnehin befördern.

          Für Bayard führt die Lektüre deshalb auch nicht zu eindeutigen Ergebnissen. Vielmehr hängt für ihn die Zusammensetzung der „inneren Bibliothek“ von der jeweiligen Verfassung des Einzelnen ab. „Was wir für gelesene Bücher halten, ist ein bunter Haufen von Textfragmenten, verformt durch unsere Imagination. Es sind die inneren Bücher, die den Austausch über unsere Lektüre so schwierig machen, weil sie verhindern, dass sich ein einheitlicher Gesprächsgegenstand herausbildet“, meint der Analytiker. Mit leichter Hand und in paradoxen Thesen geht er sogar noch einen Schritt weiter, wenn er ausführt, dass das Gespräch über nicht gelesene Bücher die Möglichkeit eröffne, „selbst schöpferisch zu werden“.

          Man mag einwenden, dass er sich hierbei nur auf Inhalte beziehen kann; die sprachliche Eigenart eines Buches, dessen Literarizität, kann nicht nachphantasiert werden, mag einer noch so schöpferisch sein. Doch für Bayard ist das Reden über nicht gelesene Bücher eine Kulturtechnik, die verhindern kann, dass wir vor der ungeheuren Masse der Bücher kapitulieren. Dafür zieht er allerlei Gewährsmänner heran, auch aus der Literatur selbst wie etwa den Bibliothekar aus Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Einem General erklärt er, wie man sich unter Millionen von Büchern zurechtfinden könne: „Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen allerdings sagen: Weil ich keines lese!“ Und als der General irritiert nachfragt, lautet die Antwort: „Es ist das Geheimnis aller guter Bibliothekare, dass sie von der ihnen anvertrauten Literatur niemals mehr als die Büchertitel und das Inhaltsverzeichnis lesen. Wer sich auf den Inhalt einlässt, ist als Bibliothekar verloren.“ Darüber kann man reden.

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