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Zum Tod von Siegfried Lenz : Ein Virtuose der Nachsicht

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Siegfried Lenz, 17. März 1926 bis 7. Oktober 2014 Bild: Barbara Klemm

Scheitern und Vergeblichkeit waren seine Motive, frei vom jedem Zynismus: Siegfried Lenz, Autor der „Deutschstunde“, Freund von Marcel Reich-Ranicki und Helmut Schmidt, ist tot. Ein Nachruf.

          7 Min.

          Fünfundzwanzig Millionen Exemplare soll die Gesamtauflage seiner Werke betragen. „Ohne Siegfried Lenz ist keine Bestsellerliste komplett“, seufzte ein Kritiker vor dreißig Jahren. Ja, es ist wahr, zum Lenz-Tonfall hatten viele Leser Vertrauen. Es ist ein gemütvoller Ton, der die Schicksale von nicht allzu außerordentlichen Menschen ernst nimmt. Die Figuren werden in Situationen der Bewährung geführt, in denen sie meist scheitern zum didaktischen Gewinn des Lesers. Wie Böll und Grass hat Siegfried Lenz den Roman zur moralischen Veranstaltung gemacht. In ihm „wohne ein geheimer Pädagoge“, meinte er einmal. Der blieb allerdings nicht lange geheim, sondern gab bald seine Deutschstunden in einem Klassenraum mit Millionen Lesern.

          Freunde fürs Leben: Siegfried Lenz und Marcel Reich-Ranicki 1999 in der Frankfurter Paulskirche Bilderstrecke

          Im Jahr 1968 veröffentlicht Lenz einen Roman, der den zentralen Konflikt der Studentenunruhen – den Protest gegen die Vätergeneration – ins literarische Bild setzt, mit einem Polizisten, einem Künstler-Verfolger, Malverbot-Überwacher in einer Hauptrolle. „Deutschstunde“ war eine neuartige Darstellung des Alltags im Dritten Reich, sie kam, wie die New York Times rühmte, ohne marschierende SS-Männer und plakatives Parolengebrüll aus: Die Nazizeit als friesisches Kammerspiel zweier Jugendfreunde, die durch die Zeitläufte zu Gegenspielern wurden. Wobei der Polizist Ole Jepsen kein bloßer Finsterling ist und der verfolgte Künstler Max Ludwig Nansen (nach dem Vorbild Emil Noldes gestaltet) durchaus seine Schattenseiten hat. Es ging Lenz um moralische Fragen, die sich am scheinbar abseitigen Schauplatz parabelhaft vergegenwärtigen ließen: Macht und Ohnmacht des Einzelnen, „Freuden der Pflicht“ und Spielräume des Widerstands, Schuld und Sühne. Dabei war „Deutschstunde“ im Tiefsten ein versöhnliches Buch, weil es die symbolische Zerschlagung literarischer Form nicht mitmachte und im altmeisterlichen Ton die Themen aufgriff, die die Jungen bewegten. Erst in diesem Frühjahr hatte eine Frankfurter Nolde-Ausstellung die Diskussion neuerlich entfacht, inwieweit die unkritische Haltung des Malers zum Nationalsozialismus den Roman von Lenz diskreditiere.

          Eine vergessene Pioniertat

          Eine leicht paradoxe Grundanlage hat auch der zweite große Roman von Siegfried Lenz. Mit überbordender Detailfülle errichtet der Erzähler Lenz ein literarisches Heimatmuseum. Doch schon auf der ersten Seite legt die Hauptfigur Zygmunt Rogalla Feuer an ihre masurische Sammlung, und der Roman liefert auf achthundert Seiten die Begründung, warum Rogalla seine mühsam über die Flucht geretteten Bestände lieber in Brand steckt, als sie den Vertriebenen-Organisationen zu überlassen.

          Auch „Heimatmuseum“ war ein großer Erfolg beim Publikum. Aber die Kritik bewahrte keine Erinnerung an dieses Werk, sonst hätte sie nicht 2002 „Im Krebsgang“ von Günter Grass als Pionierleistung in der Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung rühmen können. Schon in Lenz’ Roman wird mit grausigen Eindrücken die Elendsfahrt eines Flüchtlingstrecks durch den eisigen Winter 1945 geschildert: das Chaos an der vereisten Ostsee, das furchtbare Gedränge im Kampf um einen Platz an Bord, die Bombardierungen. Schließlich schaffen es die Bürger der Kleinstadt Lucknow auf zwei Schiffe, eines wird kurz nach der Ausfahrt versenkt: „In der Feuerstille hörten wir den Schrei, einen einzigen Angst- und Weltuntergangsschrei.“

          Früh auf dem literarische Altenteil

          Eindringlich wird der „Saum des Unglücks“ beschrieben – die ganze Strecke der Flucht ist markiert von den vielen liegengebliebenen Habseligkeiten. „Alles, was du als dein Eigentum betrachtest, kann dir aus der Hand geschlagen werden – eine historisch immer wiederkehrende Heimsuchung des Menschen“, meinte Lenz in einem Interview. Niederlage und Verlust sind Leitmotive in seinen Werken, bis zum späten „Verlierer“-Roman „Fundbüro“, in dem das Verlorene auf bisweilen fast märchenhafte Weise zurückerstattet wird.

          Natürlich ließen sich Schwächen in den Romanen entdecken. Die Millionen Lenz-Leser hielten sich dagegen an die Stärken, als hätten sie einen Pakt mit diesem Autor geschlossen. Bei Lenz blieb die Welt kulinarisch erzählbar, während vielen seiner Kollegen die Restriktionen der Moderne und das theoretisch begründete Misstrauen gegenüber dem Erzählen bis zur Selbstschädigung zu schaffen machten.

          Dafür wurde Lenz von Teilen der Kritik früh aufs literarische Altenteil geschoben. Schon bei der „Deutschstunde“ hieß es, dieser Roman sei „ein typisches Alterswerk, geschrieben von einem Vierzigjährigen“. Als er fünfzig wurde, höhnte der „Spiegel“: „Erst fünfzig?“ Für die Avantgarde der Achtundsechziger kam dieser Autor nicht in Frage, es wurde allenfalls analysiert, warum seine Sozialkritik unzulänglich sei – und diese Untersuchungen lesen sich heute wie besonders zerknitterte Ausstellungsstücke aus dem Heimatmuseum der Siebziger-Jahre-Germanistik. 1980 meinte Lenz, dass er für die jüngere Generation als Schriftsteller wohl nicht mehr in Frage komme – für die liege er „seit ungefähr tausend Jahren unter den Pyramiden begraben“.

          Vielleicht war es diese Leerstelle

          Das klingt zerknirscht, und zweifellos gehört Lenz zu den literarischen Melancholikern. Erich Maletzke, dem wir die beste biographische Annäherung verdanken, musste feststellen, dass Lenz bei Fragen nach seiner Jugend „übergangslos vom Erzähler zum Schweiger“ wurde und sich in den Rauch seiner Pfeife hüllte. Offenbar gab es da einen unerledigten Schmerz, der keine Nostalgie zuließ. Die Kindheit in Masuren war eine Idylle mit starken Brüchen: Leben in Lyck am See, Angeln und Schwimmen, mit dem Boot zur Schule, einmal ins mürbe Märzeis eingebrochen und knapp gerettet – ein prägendes Erlebnis. Der Vater, ein Zollbeamter, war eine abwesende Figur: „Ich hatte gar keine Beziehung zu ihm.“ Später dachte Lenz sich vielleicht gerade wegen dieser biographischen Leerstelle eine problematische Vater-Sohn-Beziehung nach der anderen aus.

          Die Ehe der Eltern zerbrach, die Mutter zog mit der Tochter in eine andere Stadt und heiratete wieder. Siegfried Lenz wuchs bei der geschichtenmächtigen Großmutter auf, die ebenfalls von ihrem Mann verlassen worden war. Man bekommt eine Ahnung, warum Lenz Geschichten wie die von dem Waisenkind Arne im späten Roman „Arnes Nachlass“ schreiben musste – nach dem Kollektivselbstmord seiner Familie wird der Junge als einziger wiederbelebt und von der Familie des Erzählers aufgenommen, was ihn am Ende doch nicht retten kann.

          Die wahre Universität seines Lebens

          Nach dem Notabitur macht Lenz noch ein Jahr Krieg bei der Marine mit. Im Mai 1944 geht er in Swinemünde an Bord des Panzerschiffes „Admiral Scheer“. Bei Königsberg gibt das Schiff den belagerten deutschen Verbänden Feuerschutz; es übersteht Angriffe von U-Booten und Bombern und nimmt teil an der erbitterten Schlacht um die Insel Sörel. In den allerletzten Kriegstagen soll Lenz mit einigen Kameraden eine Brücke in Dänemark bewachen; am Ende einer Nachtschicht ist er verschwunden. Er schlägt sich durch bis zur deutsch-dänischen Grenze, wo er in ein englisches Kriegsgefangenenlager kommt. „Ich war neunzehn Jahre, als der Krieg zu Ende war, und ich habe einiges gesehen an frühen Toden, an Unbarmherzigkeit, Elend und Not.“

          Er studierte eine Weile ambitionslos in Hamburg; die wahre Universität seines Lebens war der Schwarzmarkt, wo er erstaunliches Geschick entfaltete. In „Lehmanns Erzählungen“ hat er diese Übergangszeit des kreativen Selbsthelfertums später humoristisch verewigt. Besonders einprägsam die Episode, in der bräunlicher Präparieralkohol aus Glasbehältern mit „flockig gewordenen Tierleichen“ abgefüllt wird in fünfhundert Kognacflaschen der Marke „Victory“, um eine englische Siegesfeier zu befeuern.

          Nur noch ein Kapitelchen

          Lenz war ein paar Jahre Journalist, für den Norddeutschen Rundfunk und die „Welt“. Mit gerade fünfundzwanzig Jahren veröffentlichte er seinen ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“. An wem er sich damals vor allem geschult hat, zeigt die frühe Novelle „Jäger des Spotts“. Da lebt in einer Arktisregion der Jäger Atoq, als Versager gescholten. In einem Kampf auf Leben und Tod erlegt er den großen Moschusbullen. Im Triumph will er heimkehren, aber unterwegs bekommt er es mit Bären zu tun, die das Fleisch des Bullen vertilgen. Ein Sieger geht leer aus – bei Hemingway lernte Lenz die Poetik der Erprobung, lernte, dass in Geschichten gehandelt werden muss und dass Niederlagen lakonisch mitzuteilen sind. Die Liebe zum würzenden Adjektiv ließ er sich von Hemingway allerdings nicht austreiben.

          Der Erfolg kam 1955 mit den schalkhaft versponnen Masuren-Geschichten „So zärtlich war Suleyken“, die auf sublime Art vom ostpreußischen Dialekt geprägt sind. Es gibt kein skurrileres Lob des Lesens als die Legende von Hamilkar Schaß, der sich mit einundsiebzig das Buchstabieren beibringt und den aus den Rokitno-Sümpfen angreifenden „General“ Wawrila dann allein mit seiner ungeheuren Lesewut in die Flucht schlägt: „Nur noch ein Kapitelchen, dann wird alles geregelt“.

          Ein Realist? Man muss ihn anders lesen

          Auch ein politisches Kapitel gab es im Leben des Siegfried Lenz. Ende der sechziger Jahre hat er mit Günter Grass Wahlkampf für die SPD gemacht. Radikale Gebärden lagen ihm auch hier fern. „Ich spielte den polemischen Part, Siegfried Lenz sorgte für Ausgleich“, meinte Grass im Rückblick. Gemeinsam begleiteten sie Willy Brandt bei seiner geschichtsprägenden Warschau-Reise und erlebten den Kniefall vor dem Mahnmal für die Opfer des jüdischen Gettoaufstands.

          Zeit seines langen Schreiblebens galt Lenz als „Realist“. Inzwischen muss man ihn anders lesen, denn zum Realismus an vorderster Front gehören heute ganz andere Süchte und Sensationen, ganz andere Härtegrade und Desillusionen als sie die Erzählwelt dieses Autors bietet, die immer deutlicher als Kunstwelt erscheint: diese gepflegte Sprache, diese wohldurchgeführten Konflikte mit ihrem moralischem Mehrwert, diese liebenswürdigen Menschen mit sanft erschütternden Niederlagen. Erst recht in den Spätwerken wird der bodenständige Realismus luftig und wendet sich ins Märchenhafte, etwas Surreales, Schrulliges dringt in die Beschreibung verbürgter Welten ein, etwa in der wunderbar skurrilen Ausbrechergeschichte „Landesbühne“.

          Sicherheitsnotstand auf Alsen

          Das Scheitern und die Vergeblichkeit, allerdings frei von jedem Zynismus, gehören zu den großen Motiven seiner Werke. Lenz verstand Literatur als „Gemeinschaft der Wehrlosen und Enttäuschten“ und den Autor als „Virtuosen der Nachsicht“. Eine ungewöhnliche Dezenz umgibt in seinem Werk die Gewalt und den Tod – und die Liebe. Es hatte deshalb etwas Anrührendes, als der Freund Marcel Reich-Ranicki den zweiundachtzigjährigen Autor dafür pries, dass er es nun, in der späten Novelle „Schweigeminute“, endlich gewagt habe: eine wirkliche Liebesgeschichte zu schreiben.

          Und noch ein Freund: Helmut Schmidt. Eine ebenso bemerkenswerte wie merkwürdige Nähe verband den zurückhaltenden Autor und den Staatsmann. Seit Goethes Verhältnis zum Herzog von Weimar dürfte kein deutscher Schriftsteller mehr auf so vertrautem Fuß mit einem Mächtigen gestanden haben. Wenn der Bundeskanzler den Schriftsteller zum Tee besuchte, herrschte – zu Zeiten des RAF-Terrors – Sicherheitsnotstand rund um das Steinfischerhaus auf Alsen, dem Sommersitz des Autors. Als „Wildwasserkanuten der Politik“ hat Lenz den Kampfredner Schmidt um 1960 einmal bezeichnet. Schmidt hat ihn vier Jahrzehnte später als „Ombudsmann des menschlichen Anstands“ gerühmt.

          Handwerk, in Sprachwerk überführt

          Aber Wildwasser gibt es in seinen Werken doch auch. Wer „Deutschstunde“ vor langen Jahren gelesen hat, wird den Roman vielleicht gar nicht wegen der Geschichtspädagogik in Erinnerung behalten haben, sondern wegen der atmosphärischen Beschreibungen des Meeres und der kargen Küstenlandschaft. Weil Lenz so eng mit den nördlichen Wasserwelten verbunden ist, wirkt es fast kurios, dass einer seiner frühen Romane („Duell mit dem Schatten“) in der Wüste Libyens spielt. Die Stimmungen der See, die Wolkenbildungen, der Geruch des Tangs, die Farben des Wassers, des Watts und der Priele – niemand kann das so schildern wie Lenz, der Landschaftsmaler mit Worten. Eine bulgarische Übersetzerin beklagte sich einmal über die Vielzahl von Möwenarten in seinen Werken: Sie könne keine Entsprechung für „Bürgermeistermöwe“ finden. Lange plante Lenz ein enzyklopädisches, mindestens sechsbändiges Werk mit dem Arbeitstitel „Geschichte des Fischfangs aller Völker und Zeiten“. Das ist nun doch nicht fertig geworden.

          Die dichte, konkrete Beschreibung ist einer der weiterwirkenden Reize dieses Erzählers. Seine Figuren sind eingebettet in ihre dinghaften Bezüge zur Welt, Handwerk wird in Sprachwerk überführt: die Baumschule in „Exerzierplatz“, das Handwerk des Steinmetzen in „Klangprobe“, die Malerei in „Deutschstunde“, und immer wieder: das Tauchen und Fischen. Lenz, mag er auch eine Weile unter den Pyramiden liegen, hat einen sicheren Platz in der Literaturgeschichte eines halben Jahrhunderts. Seine Mischung aus „feinem Humor und unverwechselbarem Ernst“ (Walter Kempowski) war einzigartig. An diesem Dienstag ist Siegfried Lenz im Alter von 88 Jahren gestorben.

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