https://www.faz.net/-hmh-7usib

Zum Tod von Siegfried Lenz : Ein Virtuose der Nachsicht

  • -Aktualisiert am

Früh auf dem literarische Altenteil

Eindringlich wird der „Saum des Unglücks“ beschrieben – die ganze Strecke der Flucht ist markiert von den vielen liegengebliebenen Habseligkeiten. „Alles, was du als dein Eigentum betrachtest, kann dir aus der Hand geschlagen werden – eine historisch immer wiederkehrende Heimsuchung des Menschen“, meinte Lenz in einem Interview. Niederlage und Verlust sind Leitmotive in seinen Werken, bis zum späten „Verlierer“-Roman „Fundbüro“, in dem das Verlorene auf bisweilen fast märchenhafte Weise zurückerstattet wird.

Natürlich ließen sich Schwächen in den Romanen entdecken. Die Millionen Lenz-Leser hielten sich dagegen an die Stärken, als hätten sie einen Pakt mit diesem Autor geschlossen. Bei Lenz blieb die Welt kulinarisch erzählbar, während vielen seiner Kollegen die Restriktionen der Moderne und das theoretisch begründete Misstrauen gegenüber dem Erzählen bis zur Selbstschädigung zu schaffen machten.

Dafür wurde Lenz von Teilen der Kritik früh aufs literarische Altenteil geschoben. Schon bei der „Deutschstunde“ hieß es, dieser Roman sei „ein typisches Alterswerk, geschrieben von einem Vierzigjährigen“. Als er fünfzig wurde, höhnte der „Spiegel“: „Erst fünfzig?“ Für die Avantgarde der Achtundsechziger kam dieser Autor nicht in Frage, es wurde allenfalls analysiert, warum seine Sozialkritik unzulänglich sei – und diese Untersuchungen lesen sich heute wie besonders zerknitterte Ausstellungsstücke aus dem Heimatmuseum der Siebziger-Jahre-Germanistik. 1980 meinte Lenz, dass er für die jüngere Generation als Schriftsteller wohl nicht mehr in Frage komme – für die liege er „seit ungefähr tausend Jahren unter den Pyramiden begraben“.

Vielleicht war es diese Leerstelle

Das klingt zerknirscht, und zweifellos gehört Lenz zu den literarischen Melancholikern. Erich Maletzke, dem wir die beste biographische Annäherung verdanken, musste feststellen, dass Lenz bei Fragen nach seiner Jugend „übergangslos vom Erzähler zum Schweiger“ wurde und sich in den Rauch seiner Pfeife hüllte. Offenbar gab es da einen unerledigten Schmerz, der keine Nostalgie zuließ. Die Kindheit in Masuren war eine Idylle mit starken Brüchen: Leben in Lyck am See, Angeln und Schwimmen, mit dem Boot zur Schule, einmal ins mürbe Märzeis eingebrochen und knapp gerettet – ein prägendes Erlebnis. Der Vater, ein Zollbeamter, war eine abwesende Figur: „Ich hatte gar keine Beziehung zu ihm.“ Später dachte Lenz sich vielleicht gerade wegen dieser biographischen Leerstelle eine problematische Vater-Sohn-Beziehung nach der anderen aus.

Die Ehe der Eltern zerbrach, die Mutter zog mit der Tochter in eine andere Stadt und heiratete wieder. Siegfried Lenz wuchs bei der geschichtenmächtigen Großmutter auf, die ebenfalls von ihrem Mann verlassen worden war. Man bekommt eine Ahnung, warum Lenz Geschichten wie die von dem Waisenkind Arne im späten Roman „Arnes Nachlass“ schreiben musste – nach dem Kollektivselbstmord seiner Familie wird der Junge als einziger wiederbelebt und von der Familie des Erzählers aufgenommen, was ihn am Ende doch nicht retten kann.

Weitere Themen

Fliegendreck für alle

Thomas Kapielski : Fliegendreck für alle

Der Schriftsteller Thomas Kapielski wird siebzig, ein Jahr nach dem Helden seines jüngsten Romans. Sein Lebenswerk ist die Nachahmung eines Nachdrucks von Zeitungen.

Topmeldungen

Eines ist allen in der Union klar: Auch ein knappes Rennen, ja sogar ein knapper Sieg führen nicht automatisch ins Kanzleramt.

Wer wird Bundeskanzler? : Laschets Kampf geht weiter

Trotz herber Verluste will Armin Laschet weiter Kanzler werden – auch als Zweitplatzierter. Das ginge nur mit Grünen und FDP. Eine „Zukunftskoalition“ nennt er das. Söder spricht von einem „Bündnis der Vernunft“.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.