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Gespräch mit Manal al-Sharif : „Die Quelle des Bösen“

  • -Aktualisiert am

Derzeit auf Lesereise in Deutschland: Manal al-Sharif am Sonntag in München Bild: dpa

Mit ihrer Kampagne „Woman2Drive“ hatte Manal al-Sharif kräftig am vormaligen Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien gerüttelt. Welche Tabus sie als nächstes brechen will, erzählt die Aktivistin und Autorin im Gespräch.

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          Als Sie sich 2011 einfach ans Steuer gesetzt haben und sich dabei haben filmen lassen – haben Sie da geglaubt, dass das Fahren für saudische Frauen tatsächlich irgendwann legal sein würde?

          Ich war immer optimistisch und habe gewusst, dass am Ende des Tunnels irgendwo ein Licht sein muss. Aber nun, da das Fahrverbot nach 27 Jahren wirklich überwunden ist, sehe ich es zum ersten Mal auch mit eigenen Augen.

          Ihr sozialer Ungehorsam und neun Tage Gefängnis haben sich also letztlich ausgezahlt. Mittlerweile leben Sie in Australien. Heißt das, dass Sie sich nun zurückhalten aus den Belangen des Königreichs?

          Auf gar keinen Fall. Ich möchte schon bald zurück nach Saudi-Arabien ziehen, mein ältester Sohn lebt dort. Das Fahrverbot zu überwinden war ein wichtiger Schritt. Ein Autoschlüssel ist für eine Frau wie der Schlüssel zu ihrem Leben. Inzwischen dürfen Frauen zu Konzerten, Diplomatinnen werden und es gibt endlich ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung. Das ist für alle Männer des Landes eine klare Botschaft. Aber zu weiblicher Selbstständigkeit und Freiheit gehört noch viel mehr. Als nächstes gilt es, die männliche Vormundschaft über Frauen komplett abzuschaffen, denn sie ist die Quelle alles Bösen bei uns.

          Manch ein Mitbürger und religiöser Extremist sagt sicherlich das Gleiche über Sie.

          Auf jeden Fall. Einige Leute haben ihrem Ärger über die Aufhebung des Fahrverbots im Netz Luft gemacht. Aber der Großteil der Bevölkerung unterstützt den Schritt.

          Was planen Sie als nächstes?

          Ich möchte ein neues Buch über die Schicksale saudischer Frauen schreiben und dafür zehn Leute interviewen. Mir ist dabei sehr wichtig, dass die Frauen nicht anonym bleiben, sondern mit ihrem Gesicht für ihre Geschichte einstehen. Es braucht mutige Vorbilder, damit sich alle Frauen in Saudi-Arabien in künftig trauen, gegen Restriktionen anzukämpfen.

          Welche Hoffnungen haben Sie ansonsten für Ihr Land? Hoffen Sie, dass es sich irgendwann in eine Demokratie umwandelt?

          Ich denke die Menschen in Saudi-Arabien sind noch nicht bereit dafür. Zunächst wäre es wichtig, die Bürger überhaupt erst einmal am politischen Geschehen teilhaben zu lassen und nicht nur das Königshaus. Ich hoffe aber, dass sich das Land schnell modernisiert und es Reformen gibt, um Staat und Religion zu trennen. Aber bis zu europäischen Verhältnissen ist es noch ein weiter Weg.

          Auch in vielen europäischen Ländern gibt es derzeit Bestrebungen von politischen Hardlinern, die Demokratie einzuschränken.

          Auch die Bürger im Westen dürfen ihre Rechte niemals für selbstverständlich erachten, müssen weiterhin für ihre Freiheiten kämpfen, damit sie ihnen nicht wieder genommen werden. Ich fände es sehr schade, wenn Europa irgendwann nicht mehr dieser vielfältige und weltoffene Kontinent wäre, für den ich ihn schätze. Ich habe gerade mein Buch „Losfahren“ in Deutschland präsentiert und merke, wie viel offener Menschen sind, wenn sie nicht in einer Diktatur leben müssen. Ich fühle mich sehr wohl hier: aber nicht nur wegen der toleranten und gebildeten Leute – auch wegen des Regens. Saudi-Arabien ist ein Wüstenstaat, deshalb liebe ich Regen.

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