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Lyrik lebt außerhalb der Buchmesse : Wie eine dreidimensionale Multimedia-Veranstaltung

  • -Aktualisiert am

Stellt Redewendungen auf den Kopf: Tom Bresemann im Frankfurter Kunstverein Bild: Amadeus Waldner

Klangkunst und Sprachspiel: Die Lyrik hat es auf der Frankfurter Buchmesse nicht leicht. Außerhalb des Messegeländes präsentiert sie sich aber stark und zeigt, dass sie in unsere Gegenwart gehört: ins Eventzeitalter.

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          Wenn man in Bus und Bahn jemanden sieht, der Lyrik liest, ist das so, wie einer Vespa auf der Autobahn zu begegnen – zum Gernhaben, aber auch ein bisschen wahnsinnig. Öffentliche Lyrikleser umgibt immer eine Aura subversiver Liebhaberei. Lyrik, das Nischenprodukt schlechthin, passt sonst so gerade noch in die Lücke zwischen Tannenbaum und Krippe, aber spätestens zu Neujahr ist auch damit Schluss. Auf der Frankfurter Buchmesse ist die Lyrik noch nicht einmal Nischenprodukt, sondern quasi nicht existent. Mit Gedichten lässt sich kein Geld machen, auf der Frankfurter Messe geht es aber genau darum. Das Fachpublikum interessiert sich nur für die Businessclass der Literatur. Ein paar finnische Verse werden zwar vorgetragen, ein paar indonesische, aber das ist Lyrik für Touristen, ein Spiel mit dem Fremden – ähnlich wie die computergenerierten Gedichte im Zelt des Gastlands.

          Außerhalb des Messegeländes allerdings gibt es Veranstaltungen, auf denen die Lyrik ernstgenommen wird.  „Dichte Geschichten 4.0“ etwa präsentiert die vermutlich jüngste Dichtergeneration. Da sind die Texte noch ganz nah bei den Verfassern, sind flatterhaft-emotional und, ja: manchmal auch kitschig. Aber gerade dort, im Orange Peel, diesem kleinen Club im Bahnhofsviertel, haut es einen vom Barhocker, wenn auf der Bühne plötzlich einer von Bäumen spricht, „die flache Hüte in die Nacht tragen“. Einer, der sich „Straßennamen für Trümmer“ wünscht und warnt: Wenn ein „Motorrad durch den Kopf fährt“, ist das „gefährlich für unsere Artisten“. Ansgar Riedißer, Jahrgang ’98, scheint sich dazu entschieden zu haben, die pubertäre Phase der Dichterei einfach zu überspringen und gleich da anzufangen, wo es ernst wird. Sirka Elspaß, drei Jahre und einige Schreibworkshops älter, macht dann dort weiter, wo es weh tut: „Manchmal sind Sachen am Leben, für die ich nichts kann. Zum Beispiel ein Mädchen, das sich mit Wimperntusche einen Hitlerbart malt“.

          Es lesen noch einige weitere Nachwuchslyriker der Netzwerke Babelsprech und Lyrix, von sexyunderground und vom Treffen junger Autoren. Die Lyrik ist hier ganz lebendig und führt ein waberndes Eigenleben zwischen verdichteter Prosa und erzählenden Versen. Lara Rüter, Vertreterin von Babelsprech, beschreibt das Nildelta als fruchtbare, aber unberechenbare Gegend: „in einer Verfächerung sumpfen heißt nichts Gutes“. Die Jungautoren sind experimentierfreudig, einige wechseln Form und Stil wie Hüte, versuchen sich in moderner und alter Sprache. Häufig genug geht das schief, wirkt antiquiert oder übertrieben popliterarisch, aber langweilig wird es nie. 

          Jubel beim Lyrik-Marathon

          Auch außerhalb solcher Veranstaltungen wird immer wieder der Versuch unternommen, das Gedicht wiederzubeleben und doch einmal das lyrische Desinteresse der Massen zu erschüttern. Und allzu oft geht das mit poppigem Anbiedern einher, wie der inzwischen aussterbende Zweig der SMS-Lyrik zeigt. Ein Gedicht in 160 Zeichen: Zack, jetzt ist Lyrik cool. Aber so geht es eben nicht. Und was ist mir dem Slam? Hier nämlich ist auch die Buchmesse plötzlich wieder dabei. Sie präsentiert einen Wake-Up-Slam, einen Yolo- und einen Science-Slam. Wenn Sprache Entertainment bedeutet, hilft sie beim Networking der Fachleute – so vielleicht die Idee. Und auch wenn sich die literarische Qualität der Beiträge, jedenfalls beim 08/15 Dorfslam, mit Sicherheit häufiger unterhalb als oberhalb der Groschenromane bewegt, ist er, für die jüngere Generation, das momentan beliebteste Modell der performativen Sprachkunst.

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