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Literatur-Nobelpreis 2014 : Der Gewinner ist Patrick Modiano

  • Aktualisiert am

Der Erzähler und Romancier Patrick Modiano in seiner Pariser Wohnung Bild: Frank Röth

Der 1945 geborene französische Erzähler Patrick Modiano erhält den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. Zu seinen Hauptwerken gehört der Roman „La place de l’étoile“ von 1968, eine aufsehenerregende Parodie des Antisemitismus.

          Der neunundsechzig Jahre alte Franzose Patrick Modiano bekommt den Literaturnobelpreis 2014. Das gab die Schwedische Akademie am  Donnerstag in Stockholm bekannt. Damit geht der Preis zum 15. Mal nach Frankreich. Das Werk des Schriftstellers thematisiere Erinnerung, Vergessen, Identität und Schuld, erklärte die Schwedische Akademie. Modiano beherrsche die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe.

          Patrick Modiano weiß offenbar noch nichts von seinem Glück. Die schwedische Nobel-Jury hat den diesjährigen Literaturnobelpreisträger vorab nicht erreicht. „Wir konnten noch keine Verbindung zu ihm herstellen, aber wir hoffen, ihn bald zu erreichen“, sagte der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Peter Englund, am Donnerstag nach der Verkündung in Stockholm.

          Bekannt wurde Modiano 1968 durch die Veröffentlichung seines Romans „La place de l’étoile“, eine aufsehenerregende Parodie des Antisemitismus, die erst 2010 ins Deutsche übersetzt wurde und den Preis der SWR-Bestenliste erhielt. Erzählt wird die Geschichte um einen jüdischen Antisemiten, der im von Deutschen besetzten Paris als Nazispitzel und Mädchenhändler agiert.

          Die Geschichte einer flüchtigen Sommerliebe

          1972 erhielt Modiano für seinen Roman „Les boulevards de ceinture“ (dt. Außenbezirke) den Grand Prix du Roman der Académie Française und 1976 den Prix des Libraires für seinen Roman „Villa triste“, der nach Kritikermeinung unverkennbar in der Nachfolge des Nouveau Roman stand. Regisseur und Drehbuchautor Patrice Leconte verfilmte die Geschichte einer flüchtigen Sommerliebe zwischen dem jüdischen Schriftsteller Victor und der attraktiven Schauspielerin Yvonne 1994 unter dem Titel „Das Parfum von Yvonne“.

          1978 wurde Modiano für sein Buch „Rues des boutiques obscures“ (dt. Die Gasse der dunklen Läden) mit dem begehrten französischen Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet. Ein Mitglied der Goncourt-Jury meinte damals, man könne Modianos Romane eigentlich in einem Buch veröffentlichen, da alle Texte Fortsetzungen der immer gleichen Geschichte seien.

          Viel Kritikerlob erhielt er auch für sein 1990 erschienenes Buch „Voyage de noces“ (dt. Hochzeitsreise). In diesem Roman verfolgt ein Erzähler, der von Beruf Forschungsreisender ist, das Leben der Jüdin Ingrid Teyrsen, die in Paris im Jahre 1941 nach der Sprechstunde nicht heimkehrte. Mit dem dokumentarischen Roman „Dora Bruder“ (1998) rekonstruierte Modiano inspiriert durch eine Vermisstenanzeige in einer alten Zeitung, die Geschichte einer während der deutschen Okkupation 1941 aus Paris verschwundenen Jüdin, die schließlich in Auschwitz ermordet wurde.

          Drei junge Pariserinnen erzählen ihr Leben

          Auch in den folgenden Veröffentlichungen beschäftigte sich Modiano mit der Suche nach der verlorenen Zeit, schrieb dabei jedoch häufiger aus der weiblichen Perspektive und weniger düster-melancholisch als bislang. So erschien 1999 der Erzählband „Des inconnues“ (1999; dt. Unbekannte Frauen), nach einhelliger Kritikermeinung ein weiteres Meisterwerk, in dem drei junge unbekannte Frauen von ihrem Leben in Paris erzählen, Geschichten über das Scheitern auf der Suche nach Glück und Liebe.

          In dem Roman „Accident nocturne“ (2003; dt. Unfall in der Nacht) erzählt Modiano von einem jungen Mann, der spät in der Nacht von einem Auto angefahren und leicht verletzt wird und sich auf die Suche nach der Fahrerin begibt, weil sie ihn an Orte der Vergangenheit und seinen Vater erinnert.

          2004 veröffentlichte Modiano mit „Un pedigree“ (dt. Ein Stammbaum) einen autobiographischen Bericht über seine ersten 21 Lebensjahre, in dem er insbesondere von seinem sprachlosen, emotional kalten Elternhaus erzählte.

          Die wiedergefundene Jugendliebe von Berlin

          Ins Paris der sechziger Jahre führte sein 2007 erschienener Roman „Dans le café de la jeunesse perdue“ (dt. Im Café der verlorenen Jugend), in dessen Mittelpunkt eine junge rätselhafte Frau steht, von der aus vier Perspektiven erzählt wird.

          Auch sein nächster Roman „L’Horizon“ (2010; dt. Der Horizont) ist in der gleichen Zeit angesiedelt, allerdings erinnert sich ein Schriftsteller darin in Rückblenden an eine Jugendliebe, die er schließlich im Berlin der Gegenwart wiederfindet.

          Im vergangenen Jahr hatte die Kanadierin Alice Munro den Preis als „Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“ erhalten. Letzte deutschsprachige Preisträger waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999). Der Literaturnobelpreis wird seit 1901 vergeben.

          Die wichtigste Literaturauszeichnung der Welt ist wie die anderen Nobelpreise mit 8 Millionen schwedischen Kronen (rund 880 000 Euro) dotiert. Verliehen wird sie traditionell am 10. Dezember in der schwedischen Hauptstadt. Das ist der Todestag des schwedischen
          Preisstifters und Industriellen Alfred Nobel (1833 bis 1896). An diesem Tag werden auch die wissenschaftlichen Auszeichnungen verliehen.

          Als einzige der Auszeichnungen wird der Friedensnobelpreis nicht in Stockholm, sondern in Oslo verliehen. Wer den Preis in diesem Jahr bekommt, soll an diesem Freitag in der norwegischen Hauptstadt verkündet werden. 2013 war die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) geehrt worden.

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