https://www.faz.net/-hmh-7upvz

Digital-Publishing-Konferenz : Wo warst du, als die Mauer fiel?

  • -Aktualisiert am

Überraschungsbestseller: Karl Olsbergs Minecraft-Roman „Würfelwelt“ Bild: Karl Olsberg

Erzähl es uns! Die Berliner Konferenz „Rewrite the Web - Following the Reader“ fragt nach der Zukunft des Publizierens und Lesens - und huldigt dem Leser als mächtigster Instanz im Buchgeschäft.

          3 Min.

          Vorbei die Zeiten, in denen Selfpublishing belächelt wurde und der Börsenvereinsvorsteher nur mantraartig wiederholte: „Das kann nicht funktionieren.“ Die E-Books, die nur kleines Geld kosten, von dem aber viel im Portemonnaie des Autors landet, haben eine literarische Parallelgesellschaft mit einer eigenen Bestsellerliste geschaffen, die nur noch wenig mit den offiziellen Rankings zu tun hat. Inzwischen gibt es für Selbstpublizierer noch einfachere, schnellere Möglichkeiten: Wattpad, das Youtube für Erzähltes. Vor acht Jahren gegründet, zählt Wattpad inzwischen 35 Millionen Besucher pro Monat; täglich werden tausend Geschichten hochgeladen.

          Wie bei allen digitalen Umbrüchen der Medienlandschaft werden durch das Selfpublishing Hierarchien geschliffen und Rollen von Vermittlern und „Gatekeepern“ in Frage gestellt. Auf der Konferenz „Rewrite the Web - Following the Reader“, die nach der Zukunft des Publizierens, Vermarktens und Lesens fragte und von der Berliner Selfpublishing-Plattform Epubli veranstaltet wurde, huldigte man deshalb unaufhörlich dem Leser, der mächtigsten Instanz im Buchgeschäft. Und den Autoren, die möglichst nah bei den Lesern sind. Verfasser von Fanfiction zum Beispiel, wie Karl Olsberg, der das Computerspiel Minecraft als Vorgabe für seinen Überraschungsbestseller „Würfelwelt“ nutzte. Olsberg stellte verschiedene Formen der Fanfiction vor, und es zeigte sich, dass es sich eigentlich um uralte Schreibweisen handelt. Schon Homers Heldengesänge gehörten, so gesehen, dazu. Fanfiction im engeren Sinn begann mit Fortschreibungen von „Sherlock Holmes“ und „Star Trek“: Geschichten, die in einem Kosmos spielen, den der jeweilige Autor nicht selbst definiert hat. Ein Beigeschmack von literarischer Trittbrettfahrerei haftet der Sache allerdings an, weshalb man Goethes „Faust“, bei aller Aufwertung des Begriffs, dann doch nicht als Fanfiction bezeichnen würde.

          Auch die großen Verlage umgehen zunehmend die Türhüter des Kulturbetriebs und versuchen die Leser selbst bei ihren Wünschen zu packen. Sara Lloyd vom englischen Verlag Macmillan beschrieb die aufwendigen Kampagnen zu Ken Folletts „Jahrhundert“-Trilogie. Die Leser oder „Fans“ werden einbezogen, indem sie zu den Schlüsselereignissen des historischen Romans eigene Erinnerungen beitragen. Persönliche Erfahrung soll sich mit Leseerfahrung mischen: Was hast du gerade gemacht, als Kennedy ermordet wurde? Wo warst du, als die Berliner Mauer fiel? Erzähl es uns! Die Leser-Geschichten werden auf der Website zum Buch oder auf Bildschirmwänden in Bahnhöfen gezeigt. Eine weitere Strategie des Verlags ist die Kooperation mit Herstellern von Produkten, die auf den ersten Blick wenig mit Büchern zu tun haben. Wenn die Marktforschung ergibt, dass die Konsumenten von „Hobgoblin Ale“ (ein beliebtes britisches Dunkelbier) dem sozialen Typus des „Weekend Rebel“ entsprechen und starke Affinitäten zu Horror und Fantasy haben, kann der Verlag den Durst nach passenden Geschichten stillen, indem er sie etwa auf der Facebook-Seite der Dunkelbier-Fangemeinde vorstellt.

          Was wollen die Leser?

          Die Buchempfehlungsindustrie boomt. Patrick Brown stellte Goodreads vor, eine weltweit expandierende Leserplattform. Eine Million Leser-Kritiken werden dort pro Monat verfasst - Rezensieren ist zum Volkssport geworden. Leserunden, Freiexemplare, Erscheinungstag-Events, virtuelle Bücherregale, personalisierte Empfehlungen durch „Freunde“ und ausgeklügelte Algorithmen (die anders als jene Amazons funktionieren sollen, obwohl Goodreads im vergangenen Jahr von Amazon gekauft wurde) führen die Mitglieder des Online-Buchklubs zu ihren Lektüren. Auch hier geht es vor allem um die emotionale Einbindung, etwa durch die Möglichkeit, mit 120 000 Autoren online ins Gespräch zu kommen. Voller Genugtuung präsentierte Brown die Mail eines polnischen Horrorfans, der darüber jubelt, dass sein Lieblingsautor Stephen King eine Minute seines Lebens geopfert habe, um ihm auf Goodreads eine Frage zu beantworten. Den Verdacht, dass es womöglich doch eher die Minute einer Assistentin war, die für King Website-Auftritte absolviert und Profile pflegt, konnte der Marketing Director nicht völlig ausräumen.

          Was wollen die Leser? „Berührende Geschichten, emotionale Geschichten“, so „Huffington Post“-Chefredakteur Sebastian Matthes. Knallige Clickbait-Überschriften und supervirale, zehntausendfach geteilte Storys sind das Ideal des Zeitungsmachers. Dass komplexe und eher analytische Beiträge in den Feedback-Schleifen des Berührungsjournalismus erwürgt werden, mochte er nicht zugeben.

          Auf implizite Leserwünsche reagiert auch „Blinkist“, die schlauste der neuen Buch-Plattformen. „Lies die besten Sachbücher in weniger als fünfzehn Minuten“, lautet die Verheißung. Aber keine neue Technik des Speed Reading wird hier trainiert. Vielmehr werden Zusammenfassungen weitschweifiger Werke für mobile Endgeräte geboten. Blinkist-Gründer Niklas Jansen erläuterte, wie er das Dilemma der vielen ungelesenen Bücher in seinem Regal bewältigen und dem Umstand Rechnung tragen wollte, dass die Lektüre der meisten Sachbücher durchschnittlich schon „auf Seite achtzehn“ abgebrochen werde. Blinkist bringt das Wissen der Bücher mit den Lesegewohnheiten des Smartphone-Zeitalters zusammen: Micro Reading dank „bite-size content“, leichtverdaulich und amüsant. Herkömmliche Verlage wollen, dass Autoren aus interessanten Aufsätzen Dreihundertseiter machen. Blinkist dampft die dünne Suppe wieder zum Bouillonwürfel ein. Der „Appchen“-Lektüre gehört die Zukunft. Der Leser will es scheinbar so.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.