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Gespräch mit David Hockney : Rembrandt war der Allerschnellste

Natürlich, der Bildschirm ist nun einmal so groß und nicht mehr. Es gibt ein größeres iPad, aber dann muss ich beim Zeichnen die Hand auf dem Bildschirm ablegen, und das stellt mich vor Probleme. Denn jede Berührung des Bildschirms löst ja etwas aus.

Einen Unterschied zwischen Original und digitaler Kopie gibt es bei ihren iPad-Bildern nicht mehr. Die können ja ohne Qualitätseinbußen reproduziert werden.

Prinzipiell stimmt das. Wenn ich eine Zeichnung auf dem iPad beendet habe, schicke ich sie elektronisch an etwa dreißig Leute. Die sind begeistert von diesen Nachrichten, denn sie müssen sie nur öffnen, wenn sie Spaß daran haben, und ich erwarte keine Antworten oder Nachfragen. Es ist erstaunlich, was sich alles getan hat. Vor etwa drei Jahren kam ein Mann mit einem Fernsehteam zu mir, der mich schon vor dreißig Jahren interviewt hatte. Und wieder hatte er ungefähr acht Leute dabei, die das Licht zu setzen, den Ton aufzunehmen, die Maske zu machen hatten. Ich habe ihm danach gesagt, dass es mittlerweile ein Werkzeug gebe, das in meine Tasche passe, diese Aufnahme machen und dann noch alles an hunderttausend Menschen versenden könne: mein iPhone.

Kennen Sie zeitgenössische Künstler, die das iPad so konsequent nutzen wie Sie selbst?

Einen oder zwei habe ich gekannt, aber die arbeiten anders. Ich war schon früh als Zeichner mit dem iPhone zugange, gleich nachdem ich eines der ersten bekommen hatte, wie alle in meiner Umgebung. Mein Bruder, meine Schwester, einfach jeder, und alle wollten herausbekommen, was damit möglich war. Ich habe sie 2009 mehrfach dabei gezeichnet, wie sie auf ihre iPhones starrten. Als ich dann vom iPad hörte, ließ ich mir eines aus Kalifornien schicken und habe es beim Malen von „The Arrival of Spring“ ausprobiert: all die Farben, all die Pinsel, ich kann in Sekunden eine eigene Palett erzeugen.

Haben Sie denn Wünsche, die Ihnen die Technik noch erfüllen könnte?

Ach, eigentlich ist alles ganz gut so. Am besten geht es weiterhin auf einem Stück Papier. Aber als ich in den achtziger Jahren erstmals mit einem Computer zeichnete, dauerte es um die zehn Sekunden, bis eine Linie, die Sie gerade gezogen hatten, auf dem Bildschirm dargestellt wurde. Das war schlecht für einen Zeichner, also hörte ich wieder auf. 1992 habe ich es noch einmal probiert, aber es war nur wenig schneller geworden. Heute dagegen geschieht alles im Augenblick, das ist perfekt. Und das Format, das mir etwa durch das iPhone vorgegeben ist, war mir vertraut, weil ich immer schon kleine Skizzenbücher benutzt hatte. Ich zeichne in kleinem Format, kann mir jedoch die Vergrößerung schon vorstellen, wie Picasso. Zeichnen ist heute aus der Mode gekommen sein, aber es wird zurückkommen, es kam schon immer auf die Zeichnung an, auch wenn man an den Kunsthochschulen aufgehört hat, Zeichnen zu unterrichten. Ich behaupte: Jemandem zeichnen beizubringen bedeutet, ihm das Sehen beizubringen. Die meisten Leute schauen nicht sehr genau hin, sie scannen nur den Boden vor sich im Raum. Künstler dagegen sehen hin. Fotografieren ist ja okay, aber Zeichnen ist besser.

Und weshalb?

Denken Sie mal an die Perspektive. Fotografie bildet sie ab, aber als Zeichner müssen Sie sie konstruieren. So wurde sie überhaupt erst entdeckt: von Brunelleschi. Erfunden hat er sie nicht, man muss sie entdecken. Das hat er in Florenz getan. Im Jahr 2000 war ich selbst da, weil ich begreifen wollte, was Brunelleschi gemacht hat. Dazu haben wir uns die Türen des Doms öffnen lassen, um nachzuvollziehen, wie Brunelleschi mit einem konkaven Spiegel das gegenüberliegende Baptisterium auf eine Tafel projiziert hat. Und wenn man dann diese Linien nachzieht, bekommt man die Perspektive.

Also ist Kunst für Sie eine Methode, Erkenntnis zu gewinnen? Von Dingen, die wir sehen können?

Ja, wie sehen wir? Was sehen wir? Ich meine, wir sehen nicht von selbst perspektivisch. Perspektive ist durch die Architektur in unser Leben gekommen, Brunelleschi war ja Architekt. In der Natur haben wir nicht wirklich das Phänomen der Perspektive. Bäume wachsen nicht perspektivisch, sie sind zu kompliziert.

Eine letzte Frage: Was bedeutet das „Bigger Book“ für Sie?

Well, I am thrilled.

Ist das Buch aber nicht ein konservatives Medium, im Vergleich zum iPad?

Ja, aber die Bücher werden bleiben.

Passend zu „A Bigger Splash“: David Hockneys ganz großes Buch

Der Titel „A Bigger Book“ spielt auf das größte der berühmten Swimmingpool-Bilder von David Hockney an, „A Bigger Splash“ von 1967, das sich heute in der Tate Gallery in London befindet. Mit diesem „David Hockney Sumo“, der für sich genommen ein Buch-Kunstwerk ist, gedacht als eine Art von Sonderausstellung seines Werks in privater Umgebung, haben sich der Verleger Benedikt Taschen und der Künstler gemeinsam einen in jeder Hinsicht großen Wunsch erfüllt.

Der Bildband misst fünfzig mal siebzig Zentimeter und ist fünfhundert Seiten stark. Faltet man eine der dreizehn Ausklappseiten ganz auf, hat er eine Spannweite von zwei Metern. Deshalb kommt er, bei einem Buchgewicht von 35 Kilogramm, samt seinem eigenen Buchtisch, den der australische Designer Marc Newson dafür entworfen hat, und es gibt ein dickes Begleitbuch dazu. Zu haben ist „A Bigger Book“ in einer limitierten Sammler-Edition von neuntausend Exemplaren, die David Hockney einzeln signiert hat (für 2000 Euro). Hinzu kommt eine „Art Edition“ von tausend Exemplaren, der jeweils eine von vier unterschiedlichen signierten Graphiken einer iPad-Zeichnung Hockneys, Auflage je 250, beiliegt (für 4000 Euro).

„A Bigger Book“ wird heute um 14.30 Uhr am Stand des Taschen Verlags in Halle 4.1 auf der Buchmesse vorgestellt – und David Hockney wird anwesend sein.

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