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Sicherheit auf der Buchmesse : Mobbing oder Maßnahme?

  • -Aktualisiert am

Solche Szenen soll es nicht wieder geben: Handgemenge bei einer Lesung des thüringischen AfD-Landeschefs Höcke auf der Buchmesse 2017 Bild: Frank Rumpenhorst/dpa

Nach den Auseinandersetzungen auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr versucht die Messe linke Aktivisten und rechte Verlage voneinander zu trennen. Das neue Sicherheitskonzept passt aber nicht jedem.

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          „Die nächste Buchmesse braucht eine klare Strategie gegen Rechts.“ Dies forderte Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, im vergangenen Jahr. Ähnlich äußerte sich der Verleger Klaus Schöffling, der aber noch hinzufügte: „Man kann sich auch mal dagegenstellen und nicht so eine liberale Soße darübergießen.“

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Ausgangspunkt der Debatte waren Tumulte zwischen Besuchern und Aktivisten, die sich während einer Buchvorstellung des von Götz Kubitschek geleiteten Antaios-Verlags zugetragen hatten. Darüber hinaus ist es neben Wortduellen zwischen rechten und linken Gruppen auch zu einer Handgreiflichkeit am Stand der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ gekommen.

          Schöffling wünschte sich für dieses Jahr eine große Podiumsdiskussion zum Umgang mit rechtspopulistischen Ideen. Sein Kollege Vittorio Klostermann plädierte dagegen für Schweigen – jede Form der Aufmerksamkeit für die drei rechtsgerichteten Stände sei zu viel gewesen.

          Linke Schmierereien und rechte Provokationen

          Im Vorfeld der diesjährigen Buchmesse wurde zwar keine Podiumsdiskussion nach Schöfflings Geschmack anberaumt. Allerdings hatte die Amadeu-Antonio-Stiftung in der vergangenen Woche zu einem Pressegespräch im Frankfurter Museum Judengasse geladen. Dort sagte der Geschäftsführer der Stiftung, Timo Reinfrank, die Neue Rechte betreibe einen Kulturkampf und flüchte sich laufend in die Opferrolle.

          Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, ergänzte, die Berichterstattung über die Händel auf der Messe 2017 hätte sich häufig nicht mit seinen Eindrücken gedeckt. Von den Aktionen mutmaßlich linker Aktivisten war damals einiges zu lesen. So wurden Teile der Antaios-Auslage gestohlen, mit Zahnpasta beschmiert oder mit Kaffee übergossen. Den Manuscriptum-Stand hatten Unbekannte mit obszönen Zeichnungen versehen. Der Stand der Zeitschrift „Tumult“ war nachts leergeräumt worden.

          Quent meint gleichwohl, die Messe sei vor allem von Rechten als Ort für die „Schulung der politischen Auseinandersetzung“ genutzt worden. Das umfasse Provokationen, Diebstähle und unerlaubtes Filmen. Auf Anfrage hat Quent diese Vorwürfe nun präzisiert. Anhänger der Neuen Rechten im Kinder- und Jugendalter „sind zu anderen Ständen hin und haben angefangen zu diskutieren, beispielsweise darüber, warum wir keine Statistiken führen würden über Opfer von Ausländer- oder Migrantengewalt“. Inwiefern das den Tatbestand der Provokation erfüllt, bleibt offen.

          Von Diebstählen habe man Quent nur berichtet, etwa bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Da die Delikte nachts und ohne Zeugen begangen worden seien, könne man über die Täter nur Mutmaßungen anstellen. Das unerlaubte Filmen wiederum sei gut zu beobachten gewesen: „Sowohl Kinder als auch Jugendliche haben uns die ganze Zeit gefilmt, und Kubitschek hat sie instruiert.“

          Ist die Messe in diesem Jahr besser gewappnet?

          Juergen Boos, der Direktor der Messe, erklärte vor einem Jahr gegenüber dieser Zeitung: „Jemand, der auf dem Boden des Grundgesetzes verankert ist, was ich dem Antaios-Verlag im Moment unterstellen muss, denn seine Schriften sind nicht indiziert, dem muss ich die Gelegenheit geben, seine Meinung zu äußern.“ Die Adresse für Verbote sei der Staatsanwalt, nicht die Messe.

          Seiner Kollegin Katja Böhne, zuständig für Kommunikation und Marketing, war im Pressegespräch anzumerken, wie schwierig sich angesichts dieser bewusst liberalen Haltung offenbar der Umgang mit der realen Situation gestaltet. Auf die ideologische Instrumentalisierung der Messe von rechten Verlagen, wie sie Böhne zu erkennen glaubt, „waren wir nicht gut vorbereitet, und unsere Hoffnung ist, dass wir es in diesem Jahr besser hinkriegen“.

          Teil der Lösung soll ein neues „Sicherheitskonzept“ sein. Die „Junge Freiheit“ etwa ist Böhne zufolge „in einer Gegend auf der Messe untergebracht, wo wir hoffen, das gut kontrollieren zu können“. Konkret heißt das: am Ende einer schmalen Sackgasse in Halle 4.1, gut separiert von den Besucherströmen. Dieter Stein, Chefredakteur der „Jungen Freiheit“, hat gegen diese Plazierung Einspruch erhoben.

          Daraufhin erhielt er einen Brief von der Geschäftsleiterin des Messe-Managements. Die Maßnahme, heißt es darin, „erfolgte in Abstimmung mit Polizei und Sicherheitsdienst“ und sei eine Reaktion „auf den tätlichen Angriff im Rahmen einer Veranstaltung am Stand der Jungen Freiheit im vergangenen Jahr“. Ein Messebesucher hatte dort einem anderen, der in ein öffentliches Gespräch hineinrief, einen Schlag ins Gesicht versetzt.

          Stein betrachtet die Zuweisung des neuen Platzes als „bewussten Affront und Versuch des Mobbings“. Während Katja Böhne beim Pressegespräch die Bedeutung eines offenen Diskurses herausgestellt hatte, teilte sie dieser Zeitung auf Anfrage nun mit, sie werde sich zu dem Vorgang nicht weiter äußern. Die von Meron Mendel geforderte „Strategie gegen Rechts“ scheint angelaufen zu sein.

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