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Frankfurter Buchmesse : Lernen? Von wem denn?

Vielleicht ließe sich ja aus dieser Erfolgsgeschichte lernen? Szene aus dem Computerspiel „Orwell“. Bild: Osmotic Studios

Der Erfolg von Serien und Spielen sollte die Buchbranche zumindest interessieren. Die Diskussion, was man sich da abschauen könnte, bleibt jedoch unausgegoren.

          2 Min.

          „Spielerisch die Leser erreichen“,  das war das Thema des ersten Panels bei Frankfurt Authors, dem ehemaligen Selfpublisher-Bereich in Halle 3.0. Aber bevor Gerd Robertz von B.O.D., Lena Falkenhagen als Vorsitzende des Schriftstellerverbandes und Lars Birken-Bertsch von der Buchmesse mit Moderator Wolfgang Tischer darüber sprachen, wurden erst mal alte Wunden thematisiert, die das neue Konzept des Bereichs aufgerissen hatte. Falkenhagen kritisierte, dass die Bühnenslots für Autoren jetzt mehrere hundert Euro kosten, auch wenn die ohne Verlag im Hintergrund agieren – ein Vorwurf, dem Birken-Bertsch nicht mehr entgegnen konnte als den halbherzigen Hinweis, die Nachfrage sei nun mal da.

          Es schloss sich eine längere Diskussion an zur Frage, ob Autoren ohne Verlag stiefmütterlich behandelt werden. Dabei ist die Antwort sehr einfach: Ja, und manchmal zu Recht und manchmal zu Unrecht. „Da kommen auch Dinge auf den Markt, die würde es im Verlagsbereich nicht geben“, sagte Falkenhagen, und auch das ist eine auffallend wertfreie Aussage. Robertz sieht jedenfalls zunehmende Professionalisierung: Autoren suchten sich mehr Hilfe aus der Community und planten von vornherein, ein Buch zu schreiben, statt irgendwann zu merken, dass ihre Geschichte, an der sie schon länger schreiben, womöglich eins sein könnte.

          Nach einer halben Stunde konnte man sich schließlich doch aufs eigentliche Thema verlegen, das durch den Buchpreis-Sieg von Saša Stanišić mit „Herkunft“ sehr aktuell geworden ist: In seinem letzten Drittel wird es zum Adventure-Game, in dem man selbst entscheiden kann, was die Figur tun soll, und dann entsprechend auf einer anderen Seite weiterlesen muss. Lena Falkenhagen, die auch als Narrative Designer für Spiele arbeitet, konnte da ein paar interessante Hinweise liefern: Das Geheimnis vieler Spiele sei, die Entscheidungen wirklich beim Spieler zu belassen. Und bei der Entwicklung eines Spiels arbeite man immer im Team, nicht wie in der Buchbranche ganz alleine bis zum Schluss, wo der Lektor auf den Plan tritt. 

          Zwanzig Minuten lang dauert dieser Teil der Diskussion, in dem auch kulturell wertvolle Spiele wie „Orwell“ zur Sprache kommen. Dann macht die Buchbranche hier im Kleinen das, was sie auch im Großen am besten kann: Sich ihrer eigenen Klugheit versichern, indem sie die Frage umdreht und nun viel lieber darüber reden möchte, was eigentlich andere von ihr lernen können. Dass etwa ein Buch gegenüber einem Spiel oder einer Serie mit vergleichsweise geringem Aufwand entstehe, hält Robertz für nachahmenswert – als könnte man den technischen Aufwand der Formate einfach beliebig anpassen. Falkenhagen nennt ebenfalls einen Punkt, der nichts mit Storytelling zu tun hat, aber immerhin variabel ist: „Talent erkennen, fördern und behalten“, das sei bei vielen Studios ein Problem, Verlage beherrschten das deutlich besser.

          Gute Nachrichten also, wenn man das Ergebnis dieser Diskussion als repräsentativ oder wenigstens typisch gelten lassen will: Nach wie vor ist die Buchbranche so weit vorn in puncto Storytelling, dass sie sich da im Grunde von niemandem etwas vormachen lassen muss. Das mag ja sein. Aber nur zwanzig Minuten Selbstbefragung und Reflektion angesichts zwei so derartig erfolgreicher Branchen, die den Büchern eventuell doch ein bisschen Wasser abgegraben haben, ehe das Gespräch wieder zur eigenen Vorbildhaftigkeit wechselt, wirken doch etwas bequem.

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