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Deutscher Buchpreis 2015 : Der existenzielle Furor des Frank Witzel

Frank Witzel an seinem Platz im Saal, als der Preisträger bekanntgegeben wurde. Bild: Frank Röth

Das Buch wiegt ein Kilo, und schon sein Titel verdient einen Preis: Dass „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, ist so überraschend wie überzeugend.

          Claudia Kramatschek, die Sprecherin der zuletzt vielgescholtenen Jury hätte im Auftaktgespräch mit dem Moderator gar nicht so defensiv auftreten müssen. Dass es schwer sei, sagte die Kritikerin, am Ende einen Einzigen aus sechs verbliebenen Roman im Finale herauszuheben. Dabei ist das, nun ja, die Aufgabe der Jury, zu entschuldigen gibt es da nichts. Dass das Poltern und Rumpeln im Vorfeld dieses Preises nicht nur dazugehöre, sondern vielmehr Teil des Geschäftsmodells Deutscher Buchpreis sei, führte der Vorsteher des Börsenvereins Heinrich Riethmüller aus: Je mehr über Bücher gesprochen und gestritten werde, umso besser.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Auch wenn man die Formel „Ich bin überrascht, ich bin unvorbereitet“ in Dankesreden von Buchpreisgewinnern schon öfter gehört hat,  klang sie bei Frank Witzel tatsächlich einmal glaubwürdig. Denn der 1955 in Wiesbaden geborene und in Offenbach lebende Autor und Musiker gehörte tatsächlich nicht wie Ulrich Peltzer und Jenny Erpenbeck zu den Favoriten, und er hat auch kein Oeuvre vorzuweisen. Dafür hat er in fünfzehn Jahren mit geradezu existentiellem Furor  einen Roman geschrieben, der ein halbes Jahrhundert einfängt und dabei nicht chronologisch erzählt, sondern disparate Formen wie Innerer Monolog, Traumprotokolle, fingierte Befragungen und philosophische Traktate vermischt.

          Auf diese Weise fängt er den Geschmack und Geruch einer ganzen Epoche ein, Erinnerungen und intellektuellen Vorlieben der Generation von Wirtschaftswunder und Kaltem Krieg. Ein  „im besten Sinne maßloses Romankonstrukt“, hieß es zur Begründung der Jury. In seiner Mischung aus „Wahn und Witz, formalem Wagemut und zeitgeschichtlicher Panoramatik" sei dieses „hybride Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia Roman „einzigartig in der deutschsprachigen Literatur“.

          Er habe nur in seiner eigenen kleinen Vergangenheit gegraben, erklärte hingegen ganz unaufgeregt der kahlköpfige Witzel, und staune selbst, auf welch starke Begeisterung dies bei anderen stoße. Man dürfe den Roman künftig auch einfach nur „Die Erfindung“ nennen, sagt Witzel. Doch den Titel lassen wir uns nicht so leicht nehmen.

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