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E-Book-Piraterie : Die bösen Jungs kriegt man nicht

Illegal - ja, und?

Vor allem aber lässt sich aus den Erfahrungen im Musikbereich Realismus lernen: „Ganz ausschalten wird man das illegale Filesharing nicht können“, sagt Skipis. „Wir wollen es so eindämmen, dass Autoren und Verlage von dem, in das sie Zeit und Geld investieren, auch leben können.“ Dazu sollen Warnhinweise beitragen, die die Nutzer vor dem Herunterladen der geknackten Dateien erreichen und darüber informieren, dass ihr Tun illegal ist. „Ein minimaler Eingriff, den man mit relativ geringem Aufwand umsetzen könnte“, nennt Skipis dieses Modell. Ohne die Kooperationsbereitschaft der Provider ist es jedoch unmöglich, und die Politik bietet bisher keine rechtlichen Grundlagen, um solche Hinweise durchzusetzen. Ob sie die Piraterie überhaupt eindämmen können, ist fraglich. „Warnhinweise erreichen nur die Belehrbaren“, sagt Leonardy, „die meisten wissen zwar, wann es illegal ist, Dateien rauf- und runterzuladen, nehmen es aber nicht ernst.“

Die aktuelle DCN-Studie lässt daran kaum Zweifel: „Nahezu die gesamte Bevölkerung (97 Prozent) weiß, dass das Herunterladen oder Anbieten von urheberrechtlich geschützten Medieninhalten über Peer-to-Peer-Netze nicht zulässig ist“, heißt es da. „Unter den aktiven Nutzern illegaler Download-Quellen ist dies mit 88 Prozent ebenfalls die absolute Mehrheit.“

Die Täter sind der Justiz technisch meist voraus

Trotzdem glauben 57 Prozent der Deutschen, ein Warnhinweis zum Herunterladen der Dateien schrecke die Nutzer ab. Drei Viertel der Befragten möchte die Anbieter mit einem Bußgeld bestraft sehen, und ganze 53 Prozent würden diese Maßnahme auch auf die Nutzer ausweiten. Davon sieht die GVU allerdings ab. „Wir konzentrieren uns nur auf die Anbieter. Es ist wie in der Drogenszene: Die Drogenbarone werden reich, die Kuriere sind Kleinkriminelle, am Ende der Kette stehen die Abnehmer“, zählt Leonardy auf.

Diese Abnehmer sind zahlreich. Laut DCN-Studie haben 3,1 Millionen Deutsche urheberrechtlich geschützte Musik, Bücher, Filme oder Fernsehserien illegal aus dem Internet heruntergeladen. Von Männern zwischen zwanzig und 29 Jahren sind vierzehn Prozent Fileshare-Downloader von Büchern. Aber sogar in dieser Altersgruppe halten nur elf Prozent das für erlaubt - je älter die Befragten, desto stärker das Unrechtsbewusstsein.

Während die Nutzer keine besonderen Kenntnisse benötigen, sind die Täter der Justiz technisch meist voraus. Doch nicht die Hacker machen das große Geld damit. Die Verbreiter im Netz dagegen kassieren für Werbung und Abonnements. „Internetkriminalität rentiert sich einfach leider oft“, sagt Leonardy. Neben den E-Books, die legal gekauft, gehackt und dann verbreitet werden, gibt es im Internet etliche eingescannte Bücher - beispielsweise teure medizinische Fachliteratur. Viele Studenten kaufen sie nicht mehr, sondern laden sie herunter.

Unzufrieden mit der Rechtslage

Andreas Schaale und Manuel Bonik, deren Gutenberg-Studien das Thema immer wieder neu durchleuchten, arbeiten inzwischen als Piratenjäger. Nach dem Prinzip „Notice and take down“ suchen sie im Auftrag von Verlagen die gängigen Websites ab und schreiben massenhaft E-Mails mit der Forderung, dieses oder jenes Buch herunterzunehmen. Die Musikindustrie arbeitet ebenfalls häufig mit dieser Methode, die zwar viel Arbeit macht, aber meist gut funktioniert. Jedoch nicht bei allen Websites. „Notice and take down funktioniert nur, wenn ich jemanden auch tatsächlich erreichen kann, wie zum Beispiel bei Rapidshare. Das ist jedoch nur ein Bruchteil der Anbieter“, sagt Leonardy, „die bösen Jungs kriegt man damit nicht.“

Solange es keine ausreichenden rechtlichen Mittel gibt, wird sich dies nicht ändern. Ein Umstand, der die ganze Branche verärgert. „Wir sind nicht zufrieden mit der Rechtslage. Seit mehr als drei Jahren verspricht die Bundesregierung, etwas gegen die Piraterie zu tun“, sagt Skipis. Die Justizministerin vernachlässige das Thema „Urheberrecht“ sträflich. Wenn die Provider die Kooperation verweigerten, müsse eben die Politik handeln. Auch Leonardy verlangt mehr Unterstützung durch die Justiz. „Man muss sich gegen Rechtsverletzungen wehren können“, sagt er, „auch als Kreativer.“

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