https://www.faz.net/-hmh-8mnuj

Friedenspreisträgerin Emcke : Für die Formen der Missachtung sind wir alle zuständig

  • Aktualisiert am

Carolin Emcke bei ihrer Dankesrede in der Paulskirche Bild: dpa

Carolin Emcke nimmt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen und mahnt zum Widerstand gegen Hass: „Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen.“

          2 Min.

          Die neue Friedenspreisträgerin Carolin Emcke hat angesichts des gegenwärtigen Hasses und Fanatismus in der Gesellschaft zur Zivilcourage aufgerufen. „Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen“, sagte die Publizistin an diesem Sonntag bei der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Allein sei dies nicht möglich, räumte sie ein. „Dazu braucht es alle in der Zivilgesellschaft. Demokratische Geschichte wird von allen gemacht.“

          Die 49 Jahre alte Berlinerin erhielt den Friedenspreis, eine der wichtigsten gesellschaftlichen Auszeichnungen der Bundesrepublik, für ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog. Der Preis, der seit 1950 vergeben wird, ist mit 25.000 Euro dotiert. Unter den rund 1000 Gästen der Feier war auch Bundespräsident Joachim Gauck. Die Laudatio hielt die Philosophin Seyla Benhabib.

          Für Vieldeutigkeit und Einzigartigkeit

          „Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut“, stellte Emcke fest. Daher dürften Antworten auf das derzeitige Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa nicht einfach an die Politik delegiert werden. „Für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung ... dafür sind wir alle zuständig“, sagte sie.

          Emcke appellierte an jeden, sich in die Welt einzuschalten. Dazu bedürfe es auch der Vorbilder, auf Ämtern und Behörden ebenso wie in Theater und Filmen.

          Die Friedenspreisträgerin mit Heinrich Riethmüller (l.), dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ihrer Lebensgefährtin Silvia Fehrmann, Bundespräsident Joachim Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt

          Den „Populisten und Fanatikern“, die ein „homogenes Volk“ oder eine „wahre Religion“ forderten, setzt Emcke das „Vieldeutige“ und das „individuell Einzigartige“ gegenüber. „Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung“, sagte sie, „Ähnlichkeit keine notwendige Voraussetzung für Grundrechte.“ Die „soziale Pathologie“ unserer Zeit sei es, die Menschen „nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten“ zu sortieren. Damit werde dann Ausgrenzung und Gewalt gerechtfertigt.

          Berichte aus Kriegs- und Krisengebieten

          „Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird“, betonte Emcke. „Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen“, verlangte sie. „Das ist der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.“

          Emcke gehört zu den profiliertesten Journalistinnen und Intellektuellen der Republik. Einen Namen hat sie sich vor allem mit ihren Berichten aus Kriegs- und Krisengebieten gemacht. Auch in ihrem neuen Buch „Gegen den Hass“ schreibt sie gegen den religiösen und nationalistischen Fanatismus an und setzt ihm ein Menschenbild der Vielfalt entgegen.

          Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller würdigte Emcke als nüchterne Chronistin einer „Welt in Aufruhr“. „Sie schreibt das auf, was andere ihr erzählen und was sie selbst dabei empfindet, nämlich oft Angst, Wut und Hilflosigkeit.“ Emcke mache klar, „dass es einen Zusammenhang zwischen Gewalt und Sprache und Gewalt und Sprachlosigkeit gibt“.

          Zu den bisherigen Friedenspreisträgern zählen Intellektuelle und Autoren wie Amos Oz, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, David Grossman, Liao Yiwu und Swetlana Alexijewitsch. Im vergangenen Jahr hatte der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani die Auszeichnung erhalten.

          Weitere Themen

          Leia spielt Schlüsselrolle Video-Seite öffnen

          „Star Wars IX“ : Leia spielt Schlüsselrolle

          Ihre Rolle als Prinzessin Leia in Star Wars hat sie für ihre Fans unsterblich gemacht: Obwohl Schauspielerin Carrie Fisher seit drei Jahren verstorben ist, spielt sie in „Der Aufstieg Skywalkers“ dank moderner CGI-Technik mit.

          Augenöffner des Gesetzes

          Ulrich K. Preuß wird 80 : Augenöffner des Gesetzes

          Wenn er die politischen und ökonomischen Kontexte von Rechtsfragen untersucht, wird Jurisprudenz zu einem intellektuellen Vergnügen: Der Staatsrechtler Ulrich K. Preuß wird achtzig.

          Klima-Kunst am Strand Video-Seite öffnen

          Mega-Stau in Miami : Klima-Kunst am Strand

          Kurz vor dem Start der Kunstmesse Art Basel in Miami hat der argentinische Künstler Leandro Erlich am Strand einen Stau mit Autos aus Sand nachgebildet. Damit will er auf das Thema Kimawandel aufmerksam machen.

          Für die Forscher regnet es Geld

          Münchner Patent-Institut IRT : Für die Forscher regnet es Geld

          Dem Institut für Rundfunktechnik, das öffentlich-rechtlichen Sendern gehört, ist in einem Patentrechtsstreit eine dreistellige Millionensumme entgangen. Für die Mitarbeiter gibt es trotzdem einen beachtlichen Geldsegen.

          Topmeldungen

          Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

          F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

          Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

          Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.