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Buchmesse-Resümee 2013 : Sehnsucht nach Tante Emma

  • -Aktualisiert am

Die Liegelösung des transatlantischen Buchmarkts: Besucher des brasilianischen Pavillons auf der Messe Bild: Fabian Fiechter

Schweifender Blick zurück auf die Buchmesse: Die Cordjacketts weichen der Freakshow, Tante Emma wird verklärt, das Buch macht sich dünne, aber wer keine Nudeln will, muss lesen lernen.

          4 Min.

          Der Bus war früh im Westfälischen abgefahren. Bei Paderborn wurde es hell über den Hügeln, dann der bunte Herbstwald im Oktoberlicht, die Kasseler Berge und schließlich die Ebene mit dem weithin sichtbaren Turm: Messeturm? Nein, Elfenbeinturm der Literatur musste das wohl sein. Ehrfürchtig staunend stand man in den riesigen Hallen, beobachtete die seriösen Gespräche von Männern in Cordjacketts an Verlagsständen. Wer da saß, musste es zu etwas gebracht haben. Dann eine Menschentraube, durch die man sich wühlte, um festzustellen: Da vorn sitzt Günter Grass oder Martin Walser.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Buchmesse sehen wie zum ersten Mal, mit den Augen eines staunenden Schülers, geht das heute noch? Es geht anders. Bei manchem Menschenauflauf stellt man heute erstaunt fest: Sie stehen da, weil vorne einer Nudeln kocht. Oder Katzen malt. Oder Daniela Katzenberger heißt. Wenn die Lehrer nicht wissen, wer das ist, lachen die Schüler.

          Worscht und Buch in einem

          Alles also ein Grund zum Jammern? Etwas melancholisch wirkte diesmal schon die Begrüßung des scheidenden Börsenvereinsvorstehers Gottfried Honnefelder, der nach vierzig erlebten Messen resümierte: „Vergessen Sie nicht Tante Emma!“ Die alte Tante war Sinnbild für den stationären Buchhandel, der erstmals nach vielen Todesvoraussagen wieder eine geringe Umsatzsteigerung zu verzeichnen hatte. Honnefelder beschwor den „ordnenden Geist“ der Tante, die schon anno dazumal Kundenberatung weit besser beherrscht habe, als es heute jeder Big-Data-Algorithmus könne. Auch Buchmessen-Direktor Jürgen Boos kritisierte Google, Amazon und Apple, die den Markt „ohne die Leidenschaft eines intellektuellen Verlegers“ beherrschten. Er beklagte, dass sich die Self-Publisher diesen Giganten unterwerfen. Das war im Vergleich zum Vorjahr eine überraschende Wende: Da hatte Boos noch die schwindende Unterscheidung von Leser und Autor gelobt.

          Während die Veranstalter die Funktion der Verleger als „Gatekeeper“ wieder stärker betonten, waren die Self-Publisher unübersehbar: Fast die Hälfte der traditionellen Literaturverlags-Halle 3.1 dominierten die Ruckzuck-Verleger mit ihren bekannten Werbesprüchen, die jeder Form von Qualitätsauswahl und Lektorat hohnsprechen. Die als Selbstverlegerin gestartete Krimi-Autorin Nele Neuhaus, die es vom Bonus-Präsentwerk („Worscht und Buch in einem“) zu fünf Millionen verkauften Büchern gebracht hat, verriet: „Dialoge sind ganz wichtig, wenn man in der Belletristik schreibt.“

          Wer für Brasilien kam

          Schönere Einsichten gab es im brasilianischen Pavillon. Das diesjährige Gastland hatte darin mit einer Installation aus hohen, verschachtelten Pappwänden bewusst Brasilien-Klischees vermieden und lud stattdessen zu landesspezifischen Diskussionen. Abgesehen von einer sehr kritischen Rede des Schriftstellers Luiz Ruffato bei der Eröffnungsfeier über „500 Jahre Machtmissbrauch“ in Brasilien wurde die Messe jedoch nicht in größerem Maße als Forum für Regimekritik genutzt.

          Für etwas Aufruhr sorgte immerhin der angeblich aus Protest ferngebliebene Bestsellerautor Paulo Coelho, der bemerkte, er kenne viele der siebzig Autoren in der Delegation des Gastlandes nicht, sie seien wohl nur „Freunde von Freunden“. Michael Kegler, ein Literaturübersetzer und Brasilien-Kenner, hielt die Auswahl dagegen für durchaus würdig und repräsentativ. Eine vorher immer wieder angemahnte Quotierung der Gastland-Autorenliste, die für mehr Vertreter der indigenen Bevölkerung Brasiliens gesorgt hätte, lehnte er ab: Es sollten nur literarische Kriterien zählen.

          Ist das überhaupt noch ein Buch?

          Neben der Nachricht, dass der E-Book-Markt nun auch in Deutschland schnell wächst, brachte die Messe noch eine Neuigkeit: das sogenannte „social reading“, also das Lesen von Buchtexten direkt im Internet-Browser mit der Möglichkeit, sie online zu kommentieren. Der Blogger und Autor Sascha Lobo präsentierte als Mitgründer das Portal „Sobooks“, mit dem bereits mehrere größere Verlage kooperieren. Bücher werden darauf zu eigenen Websites, die man online lesen und mit mehr oder weniger sinnvollen Kommentaren versehen kann. Ist das also nur die Verlagerung nichtssagender oder irrelevanter Facebook-Botschaften in die Randspalte von Buchtexten? Was auf Anhieb wie eine Spielerei klingen mag, hat eine ernste Dimension, eine produktive wie eine problematische.

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