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Philipp Weiss im Interview : „Mein fröhlicher Größenwahn ist angestachelt“

  • -Aktualisiert am

Philipp Weiss sagt von sich selbst, er sei während der Arbeit an seinem Roman gleichsam verschwunden – nun jedoch geht es ins Rampenlicht. Bild: Lackinger/Suhrkamp Verlag

Die Buchmesse als besonderes Extrem: Im Interview erzählt der Autor Philipp Weiss, wie er sich nach Jahren der Isolation wieder an die Öffentlichkeit wagt. Mit einem tausendseitigen Debütroman in fünf Bänden.

          4 Min.

          Sie haben mit „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ gerade ein aufsehenerregendes, tausendseitiges Romandebüt in fünf Bänden vorgelegt. Wie gehen Sie da an die Buchmesse heran?

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Ich muss sagen, dass es für mich ein enormer Kontrast ist nach fünf, sechs Jahren der Isolation, des extremen Rückzugs und fokussierten Nachdenkens, hinauszugehen und sich der Welt auszusetzen. Die Buchmesse wird in dieser Hinsicht noch einmal ein besonderes Extrem sein. Ein schöner Zirkus.  

          Wie kam es zu der Isolation?

          Um sich an den Entwurf einer solchen Erzählung heranzuwagen, die einem absurden romantischen Totalitätsanspruch folgt und letztlich versucht, Welt in ihrer Komplexität und Gesamtheit erzählbar zu machen, braucht es zuallererst natürlich – neben Naivität – Konzentration. Um meine erzählten Welten zu erschaffen, war es für mich absolut notwendig, mich so weit es nur geht zu isolieren. Ich bin also aus der Stadt hinaus – weg von allen Ablenkungen – und habe auf dem Land gearbeitet. Dort habe ich in konzentrierter jahrelanger Schreibarbeit versucht, das Projekt zu realisieren.

          Haben Sie in dieser Zeit noch das Weltgeschehen verfolgt?

          Es war dafür wenig Raum. Ich bin morgens aufgestanden, habe begonnen zu arbeiten. Irgendwann nachmittags bin ich in den Wald, um laufen zu gehen. Das Laufen selbst ist wichtiger Teil des kreativen Prozesses, weil dabei das Denken auf andere, vernetztere Weise funktioniert. Dazwischen: Nahrungsaufnahme und abends schlafen. Allerdings setzt sich der Prozess in der Nacht fort. Ich wache auf, spreche ins Diktiergerät. Am nächsten Morgen wird das Material der Nacht ausgewertet und weitergeschrieben.

          Waren die vergangenen Wochen nach der Veröffentlichung Ihres Romans eine aufregende oder belastende Zeit?

          Beides. Ich fühle mich durchaus wie in einem permanenten Schockzustand. Es ging beim Schreiben um eine stille Suche nach Erkenntnis, Form, Sprache und Schönheit. Das Geschriebene dann nach außen zu tragen, sich auf den Markt zu werfen – wie jetzt auf der Buchmesse –, hat sehr wenig mit dieser ursprünglichen Arbeit zu tun und ist für mich durchaus anstrengend. Über Jahre gab es keinen Philipp Weiss, nun muss er ins Rampenlicht.

          In Ihrem Roman geht es letztlich um alles. In einem vielstimmigen Chor werden Themen verhandelt wie Natur und Kultur, Liebe und Seelenkrisen, Anthropologie und Physik, Geologie und Geschichte. Holen Sie die Ideen aus sich selbst oder kommt die Inspiration dafür von außen?

          Ich selbst spiele da kaum eine Rolle. Es gab zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einen Geologen, Wladimir Wernadski. Man sagt über ihn, er hätte für den Raum geleistet, was Darwin für die Zeit getan hat. Darwin hat klargemacht, dass sich alles Leben in der Zeit entfaltet – im Prozess der Evolution. Wernadski hat gezeigt, dass sich alles Leben im Raum entfaltet, nämlich der Biosphäre. Das ist diese sehr dünne Membran, die unseren Planeten überzieht. Wernadski fragte: Warum spielt der Mensch darin eine so übergeordnete Rolle, wo er doch materiell so nichtig ist? Seine Antwort: Das, was den Menschen so potent macht, ist das Denken. Es gäbe also nicht nur eine Biosphäre, sondern gleichsam eine Noosphäre, eine Sphäre des Denkens, die sich um den Planeten spannt wie ein, mit H. G. Wells gesprochen, Weltgehirn. In gewisser Weise war es meine Arbeit, sich in dieses Weltgehirn, diese Noosphäre einzuklinken und das Rauschen aufzusaugen. Ich habe versucht, verschiedenen Diskurssträngen zu folgen, so viel Literatur wie möglich zu allen erdenklichen Themen zu lesen, Gespräche zu führen, in die Welt zu gehen, zu recherchieren. Ich selbst bin dabei gerne verschwunden.

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