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„Arts+“ auf der Buchmesse : Und das ist Kunst?

Die Verkunstung der Welt mit den Mitteln David Hockneys: Besucherinnen blättern in „SUMO – A Bigger Book“. Bild: AFP

Die Buchmesse holt sich die Kunst ins Haus. Die Ausstellung schert sich zwar nicht um künstlerische Innovationen und Positionen, wichtig war dieser Schritt dennoch.

          Das ist sie also, die überraschende, mit Spannung erwartete, innovative neue Sektion der Frankfurter Buchmesse, die Messe in der Messe, The Arts+, mit der die Literatur sich die rätselhafteste aller Künste ins Haus holen möchte, die Kunst. Mit vor Begeisterung glühenden Augen werden am Stand eines amerikanischen Start-ups Textilien mit eingenähten LEDs und motorisierte Kleider mit „Marilyn-Monroe-Effekt“ so auswendig gelernt angepriesen, dass man sich fragt, ob es sich bei der Mitarbeiterin nicht selbst um einen Androiden handelt. Eine Berliner Gründerin berichtet stolz von einer „Guerilla-Ausstellung“ per VR-App in der Gemäldegalerie und führt vor, wie auf dem Handy Alte Meister mit Effekten verzerrt werden. Nebenan auf der The Arts+-Konferenz schwärmt derweil Jeff Jarvis, Autor des Bestsellers „What would Google do?“, von „networked creativity“ und wünscht einen „collaborative day“. Google selbst beeindruckt vor allem durch Größe von Stand und Bildschirm sowie Eleganz der Holzoberflächen.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Unter künstlerischen Gesichtspunkten ist diese Ausstellung in ihrer Jahrmarkthaftigkeit ein Witz, und ähnlich archaisch wie die Überwältigungstechnologien des neunzehnten Jahrhunderts heute mögen einst im Rückblick aus der medial vernetzten, kreativen Zukunft, die hier an allen Ecken beschworen wird, diese Gehversuche wirken. Trotzdem hat die Buchmesse einen klugen und konsequenten Schritt vollzogen, als sie sich die Kunst einlud. Auch wenn Fragen tatsächlicher künstlerischer Innovation hier keine Rolle spielen – dafür geht man lieber wie gehabt zu den Kunstbüchern –, schwebt nun über der Messe der Nimbus der „Kunst“, die derzeit so sehr mit Versprechen von Innovation und Vorsprung aufgeladen ist wie ihr ideologisches Geschwisterchen, das Start-up: Künstler wie Gründer sind geniale Disruptoren, in deren unverwechselbaren Ideen der Investor seinen eigenen Spürsinn spiegeln kann.

          Bis die Kollegen mit den Füßen scharren

          Wie charmant war vor dem Hintergrund am Dienstag der Auftritt David Hockneys, der das staatstragende Format der Eröffnungsrede unterlief, indem er, statt Thesen zu schwingen, schlicht den Entstehungsprozess seiner iPad-Malereien vorführte und so entspannt über das eigentlich Wichtige plauderte, dass die Kollegen bald mit den Füßen scharrten: Farbe, Form, Material. Und darüber, wie das so ganz konkret ist, sich ein Werkzeug künstlerisch zu erschließen, das die gesamte Art und Weise verändert hat, wie wir uns in der Welt orientieren, wie wir wahrnehmen und produzieren.

          Digitale Medien bringen eben nicht nur neue Rechte- und Verwertungsfragen mit sich, wie sie seit Jahren in Frankfurt diskutiert werden. Die Verflüssigung der Welt durch tragbare, vernetzte Bildschirme hat auch, weit stärker als bislang die Literatur, die Gestalt der Kunst verändert: zum einen in den viskosen Bildwelten jüngerer Künstler, zum anderen, weit folgenreicher, im Status und der gesellschaftlichen Rolle, die „Kunst“ insgesamt heute zukommt.

          In der Wende vom Werk zum Ereignis, die alle kulturellen Felder erfasst, hat die Bildende Kunst der Literatur einiges voraus. Lese ich die Raubkopie eines Buches, habe ich das Werk vor mir. Stehe ich vor der Raubkopie eines Kunstwerks, habe ich das Werk nicht. Kunst, so verschiffbar sie sein mag, kann also, besser als andere Formen kulturellen Veröffentlichens, Orte im engen Sinne herstellen: etwas, das jetzt gerade nur hier ist. Das macht sie in der globalen Aufmerksamkeitsökonomie geradezu zu einem Navigationsinstrument. Kaum ein Unternehmen, ein Dorf oder ein wissenschaftliches Forschungsprojekt, das nicht irgendwas mit Kunst macht, und erst diese Woche hat die Unesco in ihrem „Urban Future Report“ offiziell festgestellt, was Richard Florida mit seinem Buch „The Rise of the Creative Class“ Stadtentwicklern seit fünfzehn Jahren predigt: „Kultur kann Städten mehr Wohlstand, Sicherheit und Nachhaltigkeit bringen.“

          Kunst ist heute Leitmedium

          Dazu kommt, dass sich die Geltung und das Hiersein des Kunstwerks, entgegen Benjamins Prophezeiung, noch dadurch verstärken, dass seine Abbildungen überall sind. In den Rückkopplungseffekten von Werk und digital zirkulierendem Abbild ist die Aura vom Einzelwerk auf „Kunst“ als Ganze übergegangen, eine Aura, die zunächst unabhängig von dem ist, was konkret gezeigt wird. Museen sind heute Medienanstalten, die neben Werken und Ausstellungen auch Magazine und Online-Seminare veröffentlichen und einen unablässigen Stream bedeutender Ereignisse senden, von denen man Teil sein will – und deren Marke zunehmend gleichwertig neben dem Werk steht. Auch das New Yorker MoMA ist auf der Arts+ vertreten, ebenso das Porsche-Museum, denn auch Autohersteller verkaufen natürlich längst nicht mehr in erster Linie Autos, sondern Kultur.

          In der Verkunstung der Welt hat das Format Kunstmesse also dem Format Buchmesse einiges voraus, abgesehen davon, dass Stände und Besucher deutlich besser aussehen: Kunst ist heute Leitmedium. Nach jeder Messe aber holen wir wieder die Bücher hervor und ziehen uns zurück an den greifbarsten Ort, den es gibt: den eigenen Körper und die eigene Phantasie.

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