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Selbstkritik der Buchbranche : Es fehlt die Liebe zum Leser

Zum Lesen braucht man Zeit, und Zeit ist Geld. Bild: Picture-Alliance

Es gibt sie doch noch, die offene Selbstkritik in der Buchbranche: Bei einer Diskussion über Relevanz und Innovation wurden haufenweise gute Fragen aufgeworfen.

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          Da Leser überall herumlaufen, müssten die Verlage sie gut kennen und wissen, was sie wollen. Oder? Es wäre so einfach, gerade auf der Buchmesse. Tatsächlich aber ist es so, wie Stephanie Lange, früher bei Hugendubel und jetzt freie Beraterin, es beschreibt: „Verlagsmenschen verschwinden oft freitagmittags von der Buchmesse, weil sie sagen, dann kommen ja die Kunden und es ist nicht mehr auszuhalten.“ Da ist es kein Wunder, dass man beim Reiseverlag MairDumont, wie dessen Markenmanagerin Katrin Burr berichtet, die Mitarbeiter überreden musste, auf die Straße zu gehen und mit den Lesern zu sprechen. Und auch keines, dass am Ende ein Herr aus dem Publikum erklärte, das einzige Unternehmen, das jemals mehr über sein Leseverhalten wissen wollte und ihn dazu befragt habe, sei Amazon gewesen: „Ihr Verlage seid an den Daten gar nicht interessiert.“

          So kann es nicht weitergehen, finden zumindest die Teilnehmer dieses Gesprächs – es ist nicht die Schuld der Leser, wenn weniger Bücher gekauft werden, sondern die Schuld der Verlage. Es gebe nie Kontakt zum Endkunden, beklagt Verlagsberater Andreas Meyer, viel zu wenig Nähe und Beteiligung: „Darüber reden alle, aber es findet einfach nicht statt!“ Die Verlage dächten nur bis zum Buchhandel und nicht darüber hinaus. Zu statisch sei die Branche, findet Katrin Burr, nicht innovativ genug. Das führe zu einer Irrelevanz des Angebots.

          Dafür reicht die halbe Wahrheit aus

          Dabei wissen alle nur Positives zu berichten von Innovationen, die sie in ihrem Berufsleben begleitet haben. (Wenn man die Kundenkarte, die Hugendubel entgegen vieler Empfehlungen eingeführt hat, als Innovation werten möchte.) Mit Sven Vaders sitzt einer auf der Bühne, der mit der Toniebox tatsächlich ein ganz neues Produkt am Markt eingeführt hat: Der Audiowürfel ermöglicht es schon kleinen Kindern, ein Hörspiel oder eine Audiosendung selbst auszuwählen, indem sie die entsprechende Figur auf der Box plazieren. Das zahlt auf das große Versäumnis ein, das er der Buchbranche vorwirft: den Mangel an Convenience, also schierer Bequemlichkeit für den Leser, der zum Beispiel erst ein Jahr nach Veröffentlichung die Wahl bekommt, ob er nicht doch lieber die Taschenbuchausgabe anstatt der gebundenen kaufen möchte. Warum die Verlage das so handhaben, ist klar – ob es noch zeitgemäß ist, sollten sie sich ruhig fragen.

          Die Liebe zum Buch gebe es weiterhin, sagt Stephanie Lange – was fehle, sei die Liebe zum Leser. Das sei die wahre Krise. Keine Krise des Lesens also und keine Krise des Absatzes, sondern eine der Kommunikation, und zwar in beide Richtungen: Die Verlage hören weder zu, noch vermitteln sie ihre Inhalte gut genug. Der Preis eines Buches dagegen ist für die Runde nicht der entscheidende Punkt, was, wenn es stimmte, die Buchbranche eindeutig als Luxusbranche qualifizieren würde. Es spricht sowieso einiges dafür: Lesen ist ein Luxusgut, weil man es nicht nebenbei machen kann, sondern Zeit dafür braucht. 

          Das ist doch eine verheißungsvolle Sichtweise: Wenn die Verlage ihre Leser davon überzeugen können, dass Lesezeit ein Teil ihres Lebens sein sollte, können sie ihnen künftig auch teure Bücher verkaufen. Weil sowieso wohlhabend ist, wer sich Zeit zum Lesen nehmen kann. Dass das nur die halbe Wahrheit ist, zeigten die letzten Zahlen des Börsenvereins, der sowohl bei Höherverdienenden als auch bei Niedrigverdienenden die engagiertesten Lesergruppen fand – in der Mitte zeigte sich eine Delle. Aber wenn die halbe Wahrheit ausreicht, um einen großen Teil der Erlöse zu erzielen, ist die Perspektive trotzdem vielversprechend. Und die Industrie hat es ja in der Vergangenheit geschafft, Kunden von viel dümmeren Luxusobjekten zu überzeugen als von Büchern: von gefährlich übermotorisierten Autos, von schmerzhaft hohen Schuhen, von grauenvoll schmeckenden Gemüse-Smoothies. Da sollte das mit den Büchern wirklich ein Leichtes sein.

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