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Georgier in Frankfurt : Warten und Chacha trinken

Das Warten ist spätestens am Mittwoch vorbei. Bild: FAZ

Kurz vor der Buchmesse machen sich die in Frankfurt lebenden Georgier für ihren Auftritt bereit. Wer das Gastland verstehen lernen will, schaut als erstes im Restaurant „Old Tiflis“ am Bahnhof vorbei.

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          Später, als die Männer aus Russland und Polen gegangen sind, als die Kasse gemacht ist und das Licht gedimmt, steht der Koch vor der Tür und zündet sich die letzte Zigarette des Tages an. Um ihn ertönt die Bahnhofsviertel-Sinfonie aus quietschenden Bremsen, Straßenbahnen und Katy Perry im Irish Pub nebenan, auf dem Bürgersteig rumpeln die Koffer der Reisenden vorbei. Guram Bedianashvili, ein kleiner Mann mit millimeterkurzem Haar, blickt auf die Stadt, die nicht sein Zuhause ist und deren Sprache er kaum versteht. Er ist zum Kochen nach Frankfurt gekommen. Und für die Woche, die jetzt beginnt.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das „Old Tiflis“, das zwischen Asia-Imbissen und Dönerläden gezwängte georgische Restaurant an einer der größten Kreuzungen der Stadt, ist ein Ort des Transits. Die Menschen, die sich hier niederlassen, machen nur Pause, sie sind noch auf dem Weg. Büroangestellte im Anzug kommen wegen Guram Bedianashvilis Küche, Reisende wegen der Nähe zum Bahnhof. Aber alle wissen, dass es gleich wieder weitergeht.

          Am frühen Abend, die Buchmesse steht kurz bevor, sind noch nicht alle Tische belegt. Der kleine Raum hinter der Glasscheibe wirkt mit seinen schweren roten Vorhängen und der Edelstahlküche hinter der Theke seltsam uneinheitlich, aber gemütlich. Paare und Arbeitskollegen sitzen an aneinandergeschobenen Holztischen, vor ihnen Schaschlikspieße, über ihren Köpfen das beachtliche Weinregal. Im Glas gibt es nur den Hauswein, den Eka, die Bedienung, großzügig ausschenkt. Neben der Theke steht unbeachtet das E-Piano, auf einem Bildschirm über der Treppe eine Frau im Bikini, dazu läuft leise Housemusik. Jedes Wochenende wird im „Old Tiflis“ musiziert, so will es die Wirtin.

          Nino Kambegashvili hat viel dafür getan, ihr Lokal ins Gespräch zu bringen.

          Die russischen Männer, die neben ihren Koffern sitzen, schwärmen noch von ihrem letzten Besuch in Georgien und Khachapuri, den runden, mit georgischem Käse gefüllten Teigtaschen. „Typisch post-sowjetisch“, urteilt der eine, der keine Haare mehr hat, über die Konstellation von Alt und Neu im „Old Tiflis“. Eine Erinnerung an unruhige Zeiten und die Kraft für einen neuen Aufbruch meint er im Raum zwischen den dampfenden Töpfen auf dem Herd und den Samtsesseln zu spüren. Der Hilfskoch blickt an der Theke vorbei zu ihm hinüber und runzelt unter der schwarzen Haube die Stirn.

          Manche kommen auch wegen der Eka, die einen blonden Zopf und schwarze Handschuhe trägt, wenn sie das Essen serviert. In ihrem Blick liegt eine erfahrene Herablassung, aber wenn sie ihren Gästen auf Englisch Anweisungen gibt, lächelt sie amüsiert. „Don’t cut!“, ruft Eka immer dann, wenn jemand im Begriff ist, eine mit Hackfleisch gefüllte Khinkali-Maultasche zu zerschneiden, beschreibt in der Luft ungeduldig die Bewegung, mit der man die Gabel in die Tasche sticht, sie umdreht und aufbeißt, und füllt die Gläser bis zum Rand.

          Nicht die schlechteste Geschäftsidee

          Nino Kambegashvili, die Wirtin, ist an diesem Abend vor dem großen Ansturm nicht da, aber sie lächelt dutzendfach von jeder Wand. Neben ihr stehen Lothar Matthäus, Volker Bouffier und Günther Oettinger, legen den Arm um sie oder neigen den Kopf zu ihr herab, so dass die kleine Frau mit dem runden Gesicht und dem blonden, glatten Haar zum Mittelpunkt des Bildes wird. Eigentlich ist Nino Kambegashvili, die in Tiflis geboren wurde und mit achtzehn Jahren und einem Stipendium nach Frankfurt kam, Pianistin. Sie studierte an der Hochschule für Musik, aber als die Konzertkarriere nicht so lief, wie sie es sich vorstellte, wurde sie eine kluge Geschäftsfrau. Im Frühjahr eröffnete Kambegashvili das „Old Tiflis“. Sie wusste: Ein georgisches Lokal in Frankfurt, wo kaum mehr als 1500 Georgier leben, konnte in einem Jahr, in dem Georgien Buchmessen-Gastland wird, nicht die schlechteste Geschäftsidee sein.

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