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Friedenspreis an Swetlana Alexiewitsch : Stimmensammlerin des roten Menschen

Chronistin des Leidens: Swetlana Alexiewitsch Bild: dpa

Sie hört Unterdrückten, Erniedrigten und Niedergewalzten zu und verleiht ihnen eine Stimme: Swetlana Alexiewitsch erhält in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

          3 Min.

          Vor der Paulskirche standen ein paar Frankfurter Bürgerrechtler mit Plakaten, auf denen der Bundespräsident, der am Festakt zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels nicht teilnahm, wo denn seine Stimme für die Menschenrechte in Putins Russland bleibe. Doch auf der Zeremonie für die weißrussische Dokumentarbelletristin Swetlana Alexiewitsch, bei der Bundestagspräsident Lammert, der ukrainische Botschafter Klimkin, vier weitere Friedenspreisträger und zahlreiche Regierungs- und Europapolitiker sich die Ehre gaben, war von Menschenrechten nicht einmal die Rede. Swetlana Alexiewitsch, die ihre Stimmen-Romane über den „Roten Menschen“ auch deswegen auf russisch schrieb, weil dieser Mensch Moskau gezüchtet wurde, hat zu viele deformierte Lebensläufe gesehen und studiert, um auf das eigenverantwortliche Handeln ihrer Landsleute große Hoffnungen zu setzen. Als in den neunziger Jahren die Freiheit in die postsowjetischen Republiken kam, erinnerte sich Swetlana Alexiewitsch in ihrer Dankesrede, brachte sie dorthin vor allem Arbeitslosigkeit und zu begleichende Rechnungen für Wohnung, Bildung, ärztliche Versorgung, die vorher gratis gewesen waren.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Stimmen, die Swetlana Alexiewitsch hört, denen sie ihre Geheimnisse ablauscht, um daraus ihre Romane zu weben – von den Soldatinnen über die „Zinkjungen“ bis zu Tschernobyl und der „Second-Hand-Zeit“ –, gehören denjenigen, die sonst nicht gehört werden, weil die Geschichte sie niedergewalzt hat, die sich schämen, fürchten oder das Sprechen und Klagen überhaupt verlernt haben, sagte der selbst hochmusikalisch schreibende Historiker Karl Schlögel in seiner Laudatio. Dank Swetlana Alexiewitsch sei die qualvolle Sprachlosigkeit der Straße, wie sie noch der Revolutionsdichter Wladimir Majakowski in seiner „Wolke in Hosen“ schilderte, überwunden.

          Membran der ungehörten Stimmen

          Für diese der „Wirklichkeit verfallene“ Schriftstellerin, wie Schlögel sie nennt, ist die Straße ein Chor, eine Symphonie aus Flüstern, Schreien, ins Nichts Gesagtem. Sie liest die Späne auf, die beim Hobeln der Geschichte fliegen, und gibt ihnen die Würde eines menschlichen Schicksals zurück, das die staatstragende Historiographie ihnen versagt. In diesem Sinn hat die Weißrussin eine ähnliche Mission übernommen wie seinerzeit die russische Journalistin Anna Politkowskaja, die wenigstens die Minimalwürde der Opfer der Tschetschenienkriege zu retten versuchte, indem sie ihre Namen, Lebens- und Leidensgeschichten aufzeichnete.

          Swetlana Alexiewitsch empfindet sich als Membran der ungehörten Stimmen, sie werde von ihnen verfolgt, gestand sie der Frankfurter Festversammlung. Und ihrer Mission treu zitierte sie wieder einige. Wie den Weltkriegsveteranen, dessen Frau im Lager umkam, der selbst verhaftet und vom NKWD gefoltert wurde und trotzdem glücklich war, als er später wieder in die Partei aufgenommen wurde. Oder die Feuerwehrleute von Tschernobyl, die todesbereit den Brand des Reaktors bekämpften und dabei so hohe Strahlendosen abbekamen, dass die Ärzte später die Ehefrauen nicht zu den Sterbenden ließen mit der Erklärung, dies seien nicht mehr ihre geliebten Menschen, sondern Objekte, die dem Entseuchungsprogramm unterlägen.

          Wir müssen mit einander reden

          Frau Alexiewitschs Figuren haben nur kleine Auftritte, worin die Essenz ihres Lebens kurz, aber kometenhell aufleuchtet. Sie beginnen zu reden, weil ihnen ausnahmsweise jemand zuhört und werden dann von halb vergessenen, halb verdrängten Erinnerungen oft selber überrascht. Sie schießen aus dem Dunkel des Gedächtnisses dem Maß ihrer Sprengkraft entsprechend hervor. Deswegen ähnelt das, was die Autorin von ihnen aufbewahrt, fast immer einem Selbstgespräch, einer Beichte, ja einem Gebet im Angesicht des Todes und hat, wie Schlögel treffend anmerkte, eine religiöse Dimension.

          Swetlana Alexiewitschs Kunst der Menschenschilderung hat etwas Apokalyptisches. Absichtslose Linien, lange Pausen skizzieren Facetten, in denen sich plötzlich ein greller Lichtschein bricht. Dieses Licht ist der Sinn des Werks von Alexiewitsch. Ihre menschliche Erfahrung hat die Autorin politisch skeptisch gemacht. Leider entlohnt die Geschichte Völker für ihr Leiden nicht, wie noch Solschenizyn hoffte, mit Freiheit – stellt sie fest. Auch bricht sie keine Lanze für die russische oder weißrussische Opposition. Ihr ist klar, dass die Bevölkerungsmehrheit schon aus Angst in Russland zu Präsident Putin hält und in Weißrussland zu Lukaschenka, dessen „Selbstherrscher-Sozialismus“ immer noch besser ist, wie viele glauben, als der sinn- und erbarmungslose Kapitalismus Russlands.

          Wir müssen miteinander reden, lautet die schlichte, beharrliche Mahnung Swetlana Alexiewitschs an Weißrusslands Diktator Lukaschenka, um dem latenten Kriegszustand der Gesellschaft mit sich zu entkommen. Doch Lukaschenka will davon nichts wissen. Swetlana Alexiewitschs in viele Sprachen übersetzte Bücher dürfen nur in ihrer Heimat nicht gedruckt werden. Wie schon nach dem Leipziger Buchpreis so wird sie auch jetzt von ihrem Preisgeld in Moskau Ausgaben eigener Werke kaufen, um sie in Weißrussland zu verteilen.

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