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Frankfurter Buchmesse : Siehst Du, wieviel Frauen lesen?

Eigentlich sind Leserinnen in der Überzahl. Bild: Picture-Alliance

Obwohl mehr Frauen als Männer Bücher kaufen, werden deutlich mehr Bücher von männlichen Autoren besprochen, und zwar von deutlich mehr männlichen Rezensenten. Dank #frauenzählen gibt es belastbares Datenmaterial – und die Aussicht, dass sich etwas tut.

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          „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ fragte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer beim Anblick einer Bahn-Werbung einmal nicht nur sich, sondern die breite Öffentlichkeit auf Twitter und schuf damit ein geflügeltes Wort. Welche Gesellschaft das abbilden soll, fragten sich auch einmal mehrere Teilnehmer eines Runden Tisches der Staatsministerin für Kultur, der sich der Repräsentation von Frauen in Kultur und Medien annahm. Was dann folgte, war ein Forschungsvorhaben unter dem griffigen Titel #frauenzählen, das solide Zahlen zur „Sichtbarkeit von Frauen im Medien-und Literaturbetrieb“, so der Untertitel, schaffen sollte. Im vergangenen Jahr wurde die Studie vorgestellt. Ein Jahr später traf man sich nun auf der „Frankfurt Authors“-Bühne auf der Buchmesse und zog Bilanz.

          Das Problem sei ja, so die Autorin und #frauenzählen-Forscherin Janet Clark, dass beim Verhältnis zwei zu eins – auf zwei Männer kommt eine Frau – schon so etwas wie eine „gefühlte Parität“ hergestellt sei. Und das Verhältnis zieht sich durch. Bei Literaturrezensionen gilt in allen Gattungen, dass zwei Drittel der besprochenen Bücher von Männern stammen. Dreiviertel aller Rezensenten sind Männer, die Bücher wiederum, die sie besprechen, stammen zu dreiviertel von Männern. Rezensentinnen dagegen besprechen etwa halbe-halbe Bücher von Männern und Frauen. Im Sachbuch ist das Verhältnis eins zu fünf, und die allermeisten Krimis schreiben Männer und besprechen Männer. Erstaunliche Verhältnisse also im Genre von Agatha Christie. Abseits der Printmedien sieht es ganz ähnlich aus. 580 Sendesekunden bekommen Bücher von Frauen, 931 Sekunden ihre Autorenkollegen. Alle Zahlen und Diagramme können unter www.frauenzählen.de heruntergeladen werden.

          Mara Delius, Ressortleiterin der „Literarischen Welt“ und eingeladen als Vertreterin des Rezensionsbetriebs, beobachtet durchaus, dass sich seit Veröffentlichung der Studie etwas getan habe. Auch bei den männlichen Kollegen sei inzwischen das Bewusstsein vorhanden, wenn sie vor den Seiten der Beilage stünden, dass sie einen zu großen Männerüberschuss erkennen würden. Moderator Carlos Collado Seidel vom Netzwerk Autorenrechte hingegen berichtet von einem seufzenden Feuilletonredakteur, der ihm gegenüber zugab, dass er sich geradezu gezwungen fühle, auf Geschlechterparität zu achten und dabei klang, als sei das ein Störfaktor, den er eigentlich gar nicht wolle.

          Das gehe eben nicht von heute auf morgen, sagt Janet Clark, und berichtet von Forschungen zu großen internationalen Preisen wie etwa dem Pulitzer. Da sei es auch so, dass man als Mann, der über Männer schreibe, die besten Chancen habe. Dann folgt der Mann, der über Frauen schreibt und die Frau, die über Männer schreibt. Am wenigsten Chancen haben Autoren mit einem weiblichen Thema. Das liege auch daran, dass Männer größere Probleme haben, sich in das andere Geschlecht hineinzuversetzen, das fällt Frauen leichter.

          Das kann natürlich auch an der Sozialisation liegen, weshalb sich #frauenzählen als nächstes den Schulbuchkanon vornehmen wird. Wie es anders geht, wieviele großartige Autorinnen und Forscherinnen zu entdecken sind, so Clark, zeige die Buchreihe „Rebel Girls“, die gerade in der Türkei verboten wurde. Aber das sei ja nicht alles, wendet Mara Delius ein. Neben der Geschlechterfrage gelte es ja noch andere Parameter zu beachten, etwa den sehr homogenen sozialen Hintergrund vieler Autoren und Journalisten.

          Denn es geht ja nicht nur um Frauen und dass die schon wieder dauernd was fordern, es geht frei nach Boris Palmer darum, welche Gesellschaft abgebildet werden soll. Nicht nur in der Bahn-Werbung, sondern in allen Medien, in der Literatur, im Fernsehen. Welche Rollen beispielsweise für ältere Frauen bleiben, für dicke Menschen, für den Bauarbeiter von gegenüber. Nur, dass es eben wirklich sehr viele Frauen gibt, die Hälfte der Bevölkerung etwa, und deren Repräsentation eine besonders große Baustelle bildet. Die Forscher von #frauenzählen werden jedenfalls weiterzählen, um gefühlten Paritäten solide Daten entgegenzusetzen.

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