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Buchmesse-Chef über Tumulte : „Das war bedrückend und enttäuschend“

„Jeder hasst die Antifa“-Rufe sind deutlich auf den Videoaufnahmen zu vernehmen, gab es auch Sieg-Heil-Rufe, wie gelegentlich behauptet wurde?

Nein, ich habe keine gehört, auch meine Kollegen nicht.

Haben Sie die Situation im Vorfeld unterschätzt?

Nein, wir wussten, dass es eine Auseinandersetzung geben wird. Wir hatten ja schon Wochen vorher heftige Diskussionen. Was mich ärgert ist, dass jetzt gelegentlich davon gesprochen wird, wir hätten die rechten Verlage eingeladen. Das ist natürlich Unfug. Ich muss aber Aussteller zulassen, deren politische Überzeugung ich nicht teile. Parallel zu der Veranstaltung bei Antaios gab es übrigens eine Demonstration an einem iranischen Stand. Auch dort mussten wir eine Menschengruppe besänftigen. Das ist auf der Messe eigentlich ganz normal, sie muss so etwas zulassen.

Ist das Konzept der Nachbarschaft von erklärt linken und erklärt rechten Messeständen gescheitert, die in der entsprechenden Halle vorlag?

Die Messe sortiert nicht nach politischer Meinung, das würde uns überfordern. Wir entsprechen aber den Wünschen der Aussteller. Und wenn die Bildungsstätte Anne Frank das Ziel hat, durch Nähe ins Gespräch mit Rechten zu kommen, kommen wir dem entgegen. Aber wenn Gruppen sich nicht zuhören wollen, dann wird es keinen Dialog geben. Das haben wir jetzt gelernt.

Die Buchmesse gibt zwar gesellschaftliche Positionen nur wieder – bräuchte es zum Austrag der damit verbunden Auseinandersetzungen aber nicht eigentlich mehr Platz? Die Polizei berichtet in ihrer Pressemitteilung von einer Gruppe von 400 Menschen auf engem Raum.

Wir sind keine politische Veranstaltung, wir sind in erster Linie eine Wirtschaftsmesse, die mit einem politischen Produkt handelt. Wir sind wahrscheinlich auch eines der größten Kulturereignisse. Wir bauen keine politischen Bühnen auf, wir wollen den Autoren eine Bühne geben, damit ihre Meinungen und ihre Geschichten Raum haben. Wir haben auch einige politische Bühnen, aber die kuratieren wir selbst.

War diese Situation mit so vielen Menschen auf begrenztem Raum aber nicht einfach gefährlich? Die Videoaufnahmen wirken sehr bedrohlich.

Das wirkte auch auf mich sehr bedrohlich, aber es kam nicht zu Handgreiflichkeiten. Sonst hätten wir sofort eingegriffen. Es standen unser Sicherheitsdienst und auch die Polizei bereit. Wenn die Polizei einen Grund zum Eingreifen gesehen hätte, auch vorbeugend, hätte sie es getan. Sie werden in den Filmen auch gesehen haben, dass ich permanent mit dem Polizeichef zusammenstand, um jederzeit reagieren zu können. Ein vorauseilendes Eingreifen halte ich aber für gefährlicher als eine schreiende Menge.

Welche Lehre ziehen Sie für die Zukunft aus den Vorfällen?

Dass es zu Reibereien kommt, wenn man extreme Positionen hat, liegt in der Natur der Dinge. Was ich gelernt habe, ist, wie weit die beiden Gruppen davon entfernt waren, sich zuzuhören. Es ging nur darum, eine Botschaft herauszuschreien, auf beiden Seiten.

Maximale Geräuschkulisse, immer knapp unter dem Gewaltradar. Damit wird die Messe auch missbraucht.

Ich würde es nicht missbrauchen nennen, aber selbst das müssen wir zulassen. Natürlich werden professionelle Kommunikationsmethoden genutzt, um sich in den Vordergrund zu bringen, gerade für kleine Gruppierungen ist das interessant.

Heute ist der Friedenspreis verliehen worden, das Ereignis gestern muss Sie aber stark beeindruckt haben.

Ja, das war beeindruckend. Dass es nur ums Schreien ging, ist bedrückend und enttäuschend. Aber all das bestärkt mich erst recht in unserer Haltung. Es hat mich auch gefreut, dass ich bei der Verleihung des Friedenspreises viele positive Rückmeldungen bekommen habe, auch von anderen Verlegerverbänden, die sagten: Ihr habt genau richtig gehandelt.

Sie sind sicher, dass Sie die Sache im Griff hatten?

Ja, wir hatten die Sache im Griff.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

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