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Frankfurter Buchmesse digital : Blues im Chat

Die äußere Leere der Buchmesse als Manifestation der inneren Leere der Buchmesseabstinenten in aller Welt: Vor der ARD-Messebühne in der Festhalle. Bild: Frank Röth

Corona bringt eine ganze Branche um ihre Partys. Und doch lässt sich für zukünftige Großveranstaltungen etwas aus diesem Krisenjahr lernen.

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          Jetzt atmen wir tief ein, schließen die Augen und stellen uns vor, wir seien auf der Buchmesse (o je). Wir denken uns den Geruch der Hallen (uff), wir schlendern (na ja, schieben uns) durch die Gänge, nehmen hier und da ein Buch aus dem Regal. Wie viele der Teilnehmer bei „The Hof“, der Zoom-Konferenzschaltung für die Buchmessen-Diaspora in aller Welt aus dem Hotel „Frankfurter Hof“, der Aufforderung der Yogalehrerin zur Traumreise über unsere liebste Branchenballung im Leseherbst folgten, lässt sich leider nicht sagen. Doch die Melancholie war am Montagabend allgegenwärtig: Der Barkeeper Stefan Lange mixte vor der Kamera einen Old Fashioned, ein Musikduo spielte einen Messe-Gedächtnisblues.

          Unsere Gesprächspartner in den zufällig zusammengewürfelten Chaträumen saßen in Connecticut und in Istanbul, während wir in der Frankfurter Küche gerade einen Kürbis zerlegten. Sie stellten sich artig vor, erzählten von den Abenden, an denen sie sich vom Hotelstaubsauger aus der Bar kehren ließen, und beteuerten, wie sehr es sie schmerze, gerade nicht in Frankfurt zu sein, was einem als Frankfurter auch nur sehr selten passiert. Das Networking im Chatraum hatte den Charakter einer Selbsthilfegruppe und war herzzerreißend. Vielleicht musste die leibhaftige Messe wirklich ausfallen, damit alle merken, was sie an ihr haben – und sie zu einem olfaktorisch und in Sachen Menschendichte tolerierbaren Ereignis verklären zu können.

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