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Frankfurter Buchmesse 2013 : Gesicht zeigen gegen Amazon

Das Interesse an Büchern ist ungebrochen: Ein erster Blick auf Pavillon des diesjährigen Gastlandes Brasilien Bild: dpa

Die Buchmesse beginnt. In Frankfurt steht das Buch als Geschäftsmodell auf dem Prüfstand. Der traditionelle Buchhandel hat die Chance, vom Imageverlust des Versandriesen Amazon zu profitieren.

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          Vor hundert Jahren, am 13. November 1913, wurde Literaturgeschichte geschrieben. Marcel Proust veröffentlichte – auf eigene Kosten – mit „À côté du Swann“ den ersten Teil seines Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. In diesem Panorama all dessen, was sich schreiben lässt, findet sich natürlich auch ein Schriftsteller, Bergotte, und kurz vor Schluss des Auftaktbandes erinnert sich der Ich-Erzähler an seine Jugend in Paris: „In die Champs Elysées zu gehen war mir unerträglich. Hätte sie nur Bergotte in einem seiner Bücher beschrieben, dann hätte ich zweifellos gewünscht, sie näher kennenzulernen wie alle Dinge, die, dichterisch nachgeformt, in meine Phantasie Eingang gefunden hatten. Die nämlich erwärmte sie, erfüllte sie mit Leben, gab ihnen ein Gesicht, und dann wünschte ich mir, auch in Wirklichkeit ihnen zu begegnen.“ Das ist eine der schönsten Beschreibungen der Wirkungskraft von Literatur.

          Zunehmende Skepsis gegenüber Amazon

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Darum geht es in dieser Woche. Die Frankfurter Buchmesse versammelt fünf Tage lang alles, was sich schreiben lässt. Dabei steht aber nicht das Buch als Wärmequelle, Lebensspender oder Porträtist im Mittelpunkt, sondern das Buch als Geschäftsmodell. Das macht eine solche Messe aus, und es gibt keinen Grund, darüber in Kulturpessimismus zu verfallen. Das Lesen findet anderswo statt.

          Skeptischer muss dagegen die Antwort auf die Frage stimmen, wo das Kaufen stattfindet. Der Buchhandel verändert sich seit einigen Jahren dramatisch, und die einzige verlässliche Wachstumsgröße scheint derzeit der Internet-Versandbuchhändler Amazon zu sein. Doch auch er hat zumindest in Deutschland Federn lassen müssen, seit zu Jahresbeginn eine Fernsehdokumentation über den Umgang des Unternehmens mit Leiharbeitern ausgestrahlt wurde. Das hat dem traditionellen Einzelbuchhandel ebenso desillusionierte Kunden zugetrieben wie die neue Skepsis gegenüber dem Internet seit der Aufdeckung der NSA-Überwachungspraktiken.

          Die Fachkompetenz des Buchhandels ist unverzichtbar

          Diese unverhofften Werbegeschenke für sich selbst muss der stationäre Buchhandel nun nutzen, vor allem indem er das kopiert, was die Internet-Anbieter stark gemacht hat: die schnelle Gratis-Auslieferung bestellter Bücher an die Kunden. Zahlreiche Buchhandlungen in größeren Städten beschäftigen dafür mittlerweile Fahrradkuriere, und die vorbildliche Logistik des auf enge Verzahnung von Verlagen, Grossisten und Einzelhandel beruhenden deutschen Bestellwesens, das dafür sorgt, dass jedes lieferbare Buch am nächsten Werktag den Händler erreicht, lässt hier tatsächlich einen Wettbewerb mit Amazon auf Augenhöhe zu. In den ländlichen Regionen sieht das anders aus; da ist es mit einem Fahrrad nicht getan.

          Doch ein Konkurrenzkampf, der nur aus permanenter Aufholjagd bestünde, wäre schon verloren. Das beste Argument für die nächste Buchhandlung ist immer noch die Fachkompetenz, und das heißt: die Literaturkenntnis ihrer Betreiber. Im Buchhandel treffen im Idealfall Leser als Käufer auf Leser als Verkäufer. Mit Kundenkommentaren haben die Internet-Anbieter dieses Gespräch zu ersetzen versucht. Doch auch die Glaubwürdigkeit solcher Empfehlungen sind längst ins Gerede gekommen, deshalb wird derzeit fieberhaft nach neuen Wegen gesucht, um den Austausch zwischen Buchbegeisterten im Netz kommerziell fruchtbarer zu machen. Hier lernt das neue immer noch vom alten Modell.

          Beachtliche Anzahl von Neuausgaben literarischer Klassiker

          So wie die neue Literatur von der alten. Und wir als Leser genauso. Es ist bemerkenswert, welch große Zahl an Neuausgaben literarischer Klassiker in den letzten Jahren auf Deutsch veröffentlicht worden ist. Und was für einen Erfolg sie beim Publikum haben. Unter den besonders beachteten Publikationen dieser Frankfurter Buchmesse findet sich denn auch eine Neuübersetzung von „À côté du Swann“, die den Auftakt bildet für eine komplett neue deutsche Ausgabe von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

          Wobei das Eingangszitat dieses Artikels noch aus jener Übertragung stammt, mit der Eva Rechel-Mertens vor fünfzig Jahren Proust bei uns erst heimisch gemacht hat. „In Swanns Welt“ heißt der Auftaktband in ihrer Fassung, während sich der jetzige Neuübersetzer Bernd-Jürgen Fischer mit „Auf dem Weg zu Swann“ fast wieder für jenen Titel entschieden hat, den Rudolf Schottlaender 1926 bei der allerersten deutschen Proust-Übersetzung gewählt hatte: „Der Weg zu Swann“.

          Schottlaender, geboren 1900 in Berlin, war Jude, einer der vielen, die die deutsche Literatur im frühen zwanzigsten Jahrhunderts zu einem höchst lebendigen Ort für Bücher gemacht haben. 1933 starb in Deutschland erst die Literatur, als die Bücher brannten, später starben die Menschen. Schottlaender überlebte das nationalsozialistische Morden im Versteck.

          Das verbindet ihn mit Marcel Reich-Ranicki, der vor wenigen Wochen gestorben ist. Diese Frankfurter Buchmesse ist die erste ohne den großen Frankfurter Literaturliebenden und Streitbaren. Er war der Bergotte der Kritik: Auch er erwärmte, füllte mit Leben, gab ein Gesicht. Seines ist das, was vielen am meisten an der Literatur fehlen wird.

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