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Kolonialdebatte auf Buchmesse : Wer cancelt hier wen?

Die Statue des englischen Politikers Winston Churchill. Auf dem Sockel steht: „Ist ein Rassist“. Bild: dpa

Auf der Frankfurter Buchmesse sprachen die Schriftstellerinnen Nora Bossong und Francesca Melandri über den Kolonialismus und seine Folgen. Eine anregende Diskussion.

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          Von den Themen, über die in den letzten Monaten in den Feuilletons ebenso wie an den Stammtischen regelmäßig gestritten wurde, lassen die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri und die deutsche Schriftstellerin Nora Bossong bei ihrem Gespräch mit der italienischen Journalistin Tonia Mastrobuoni am Mittwochabend nur wenige aus. Es geht um umgestoßene Statuen und Cancel-Culture, um Holocaust-Vergleiche und den Kolonialismus. Nora Bossong, deutsche Schriftstellerin mit Vorliebe für Italien, und Francesca Melandri, italienische Schriftstellerin mit Verbindungen nach Deutschland, haben beide Romane geschrieben, die sich mit der Rolle des Westens in Afrika, früher und heute, also auch mit dem Kolonialismus und dessen Folgen beschäftigen.

          Es wurde dann auch nicht lange geplänkelt. Mit der ersten Frage an Nora Bossong ging es gleich ans Eingemachte: In Namibia, so Mastrobuoni, habe es mit dem Völkermord an den Herero von 1904 bis 1907 den ersten Genozid der Geschichte gegeben – verübt von den Deutschen. Sollten die Deutschen, die sich so ihrer Erinnerungskultur rühmen, nicht auch dieser Katastrophe gedenken? Damit hatte Mastrobuoni gleich das Thema in den Raum geworfen, um das Bossong und Melandri an diesem Abend kreisen sollten: Um Schuld und Verantwortung der westlichen Länder, deren Gleichheitsdiktum sich offenbar nur auf eine bestimmte Gruppe von Leuten beziehe.

          Bossong zitiert im Zusammenhang mit dem Kolonialismus den unsäglichen Satz Mitterands über Ruanda: „In Ländern wie diesen ist ein Genozid nicht so bedeutsam.“ Bossong und Melandri sind sich einig über die Schuld, mit der wir uns beschäftigen, die schmutzige Geschichte, die wir uns anschauen müssen – doch was folgt daraus?

          Zu umgestürzten Statuen sagt Bossong: „Das bringt doch nichts.“ Auch, weil es Eindeutigkeiten oft nicht gebe: „Schauen wir uns doch die USA an“, sagt Bossong, „die haben uns nach dem Zweiten Weltkrieg befreit und dafür bin ich sehr dankbar. Ich könnte ohne sie nicht in dem Land leben, indem ich heute lebe.“ Aber, fuhr sie fort, die Vereinigten Staaten seien zur gleichen Zeit ein Land gewesen, in dem es Rassentrennung gab. Die Antwort auf die Frage, ob Churchill Rassist oder Heiliger gewesen sei, liege ebenfalls irgendwo in der Mitte beider Extreme, so Bossong. Was einerseits wohl stimmt, andererseits aber nicht die Frage beantwortet, wie man mit dieser Ambivalenz nun umgehen solle.

          „Canceln ist eine Fehlbezeichnung“

          Es war dann immer wieder Melandri, die versuchte, produktive Vorschläge zu machen. Sie wolle keinesfalls die Errungenschaften der westlichen Welt zurückweisen, doch müsse alles ans Licht gebracht werden, was zu diesen Errungenschaften geführt habe, sagte sie. Im Moment rede man gerade mal über ein Zehntel der Dinge, die es zu benennen gelte, neun Zehntel fehlten noch. Man könne Amsterdam, eine Stadt die sie kürzlich besucht habe, lieben, müsse sich aber dennoch fragen, welche Geschichte hinter einem so prachtvollen Ort stecke. „Die sogenannte Cancel-Culture ist eine Fehlbezeichnung“, so Melandri. Denn das „Canceln“ finde nicht jetzt statt, sondern sei schon von den Gründervätern der amerikanischen Verfassung erfunden worden. Während Thomas Jefferson gesagt habe, alle Menschen seien gleich geboren, hätten Sklaven für seinen Wohlstand gesorgt. Auch hier, so Melandri, müsse man doch wohl vom „Canceln“ sprechen.

          Dass die Diskussion trotz umstrittener Themen weder beleidigend noch anstrengend wurde, war sicher auch der Tatsache geschuldet, dass Bossong und Melandri in ihren Positionen nicht sehr weit voneinander entfernt liegen: Die Dinge, so sagten beiden, seien nun mal kompliziert. Doch auch ohne die übliche überhitzte Debatte wurden Argumente genannt, die man noch nicht hundertmal gehört hatte. So sagte die italienische Schriftstellerin Melandri zum Schluss, als es um Integration und die Frage ging, ob nicht auch „wir“ dafür verantwortlich seien, die Kultur derjenigen kennenzulernen, die zu uns gekommen seien: Man solle vielleicht einmal darüber nachdenken, wer denn dieses „wir“ sei. Sie glaube nämlich, dass die Menschen, von deren Integration die ganze Zeit die Rede sei, in vielen Fällen schon ein Teil dieses „wir“ seien.  

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